Regeln aufstellen – Grenzen setzen
Regeln aufstellen – Grenzen setzen
Kinder brauchen Regeln und sie wissen es zu schätzen, wenn man ihnen Grenzen setzt. Weil eine klare Alltagsstruktur ihnen Orientierung und Sicherheit vermitteln kann...
Regeln und Grenzen in der Erziehung – warum sie so wichtig sind
Kinder brauchen Geborgenheit – besonders in einer Welt, die aus ihrer Perspektive oft voller Krisen, Krankheiten und Unsicherheiten steckt. Klare Regeln und Grenzen geben ihnen Halt und Orientierung. Genau hier sind viele Eltern jedoch unsicher: Wie streng sollen sie sein? Wann greift man ein? Welche Konsequenzen sind sinnvoll?
Fehlt eine klare Haltung, reagieren Eltern häufig halbherzig und widersprüchlich – und verstärken damit eher die Unsicherheit ihrer Kinder.
Warum Regeln wichtig sind
Regeln strukturieren den Alltag und betreffen nahezu alle Lebensbereiche:
- Aufstehen, FrĂĽhstĂĽck, Schulweg
- Essen und Hygiene
- Hausaufgaben und Mediennutzung
- Freizeitgestaltung
- Aufräumen und Mithilfe im Haushalt
- Abendrituale und Schlafenszeit
Regeln und Grenzen:
- geben Halt und Orientierung
- erleichtern das Zusammenleben
- fördern Frustrationstoleranz
Eltern stehen in der Verantwortung, Regeln:
- klar zu formulieren,
- positiv zu verstärken,
- bei Verstößen konsequent, aber angemessen zu ahnden
- und bei Bedarf zu ĂĽberarbeiten.
Regeln sind nicht angeboren
Kinder kommen nicht mit einem Verständnis für Regeln auf die Welt. Sie lernen Schritt für Schritt:
- dass andere Menschen ebenfalls BedĂĽrfnisse haben
- dass es feste Zeiten für Nahrung, Zuwendung und Aktivitäten gibt
- dass sie nicht alles sofort bekommen können
Wächst ein Kind in einer zuverlässigen und liebevollen Umgebung auf, erfährt es:
Auch wenn WĂĽnsche nicht sofort erfĂĽllt werden, bleibt die Bindung bestehen.
Dieses Lernen von Aufschub und Geduld ist zentral für die spätere Selbstständigkeit.
Frustrationstoleranz – eine Schlüsselkompetenz
Der Psychologe Saul Rosenzweig beschreibt Frustrationstoleranz als Fähigkeit, Belastungen auszuhalten, wenn:
- BedĂĽrfnisse nicht sofort erfĂĽllt werden
- Belohnungen ausbleiben
- Erwartungen nicht erfĂĽllt werden
Kinder mit niedriger Frustrationstoleranz:
- brechen Aufgaben schneller ab
- meiden Herausforderungen
- reagieren eher impulsiv oder aggressiv
In einer sicheren Eltern‑Kind‑Bindung lernen Kinder jedoch:
Frustration ist aushaltbar – und geht vorbei. Eine Erfahrung, die sie in Schule, Ausbildung und später im Beruf dringend brauchen.
Warum Eltern manchmal keine Grenzen setzen
Viele Eltern scheuen Konflikte – oft aus Angst, das Kind könnte sie weniger lieben. Diese Sorge ist verständlich, aber unbegründet.
Problematisch wird es, wenn:
- Regeln ständig neu diskutiert werden
- Entscheidungen aus Unsicherheit getroffen werden
- Botschaften unklar und widersprĂĽchlich sind
Kinder fühlen sich dann orientierungslos und überfordert, denn sie brauchen klare Rahmen – gerade dann, wenn sie dagegen protestieren.
Wie klare Erwartungen formuliert werden
Bevor Regeln aufgestellt werden, sollten sich Eltern fragen:
👉 Was ist uns als Familie wirklich wichtig?
Dann gilt:
- Regeln direkt und eindeutig aussprechen
- Blickkontakt herstellen, nicht aus dem Nebenzimmer rufen
- Rückmeldung einfordern („Hast du verstanden, was ich meine?“)
- positiv verstärken:
- „Danke, dass du pünktlich warst.“
- „Toll, dass du gleich geholfen hast.“
Lob ist ein besonders wirksamer Verstärker für erwünschtes Verhalten.
Was tun bei Regelverstößen?
Drastische Strafen bringen wenig – sie machen Angst und führen selten zu dauerhaftem Lernen.
Sinnvoller sind:
âś” Realistische Konsequenzen
Wenn das Kind z. B. länger am Computer spielt, als vereinbart, dann wird die nächste Spielzeit entsprechend gekürzt.
âś” Nachvollziehbare BegrĂĽndungen
„Wir haben das vereinbart – und Absprachen gelten.“
âś” Keine Drohungen aus Wut
Bleibe ruhig und sachlich.
âś” Gute Balance
Konsequent, aber nicht ĂĽberhart.
Regeln machen glücklich – ein Fazit
Kinder, die gelernt haben, Regeln zu akzeptieren, können:
- Belastungen besser ertragen
- Prüfungen entspannter bewältigen
- Belohnungen aufschieben
- Verantwortung fĂĽr sich selbst ĂĽbernehmen
Mit zunehmendem Alter sollten Kinder immer stärker in die Regelgestaltung einbezogen werden. Vereinbarungen können:
- gemeinsam besprochen
- schriftlich festgehalten (z. B. „Familienordnung“)
- regelmäßig angepasst werden
Wichtig ist zu verstehen:
Regeln sind nicht starr. Sie wachsen mit dem Kind – genau wie dessen Verantwortungsgefühl.
Christine Kammerer, Politologin M. A., Heilpraktikerin (Psychotherapie), freie Journalistin und Trainerin. Berufliche Stationen: Bundesamt fĂĽr Migration und FlĂĽchtlinge, Bundeszentrale fĂĽr politische Bildung, Deutscher Kinderschutzbund.