Zwischen autoritär und laissez-faire
Unsicherheit in Erziehungsfragen
Zwischen autoritär und laissez-faire
Unsicherheit in Erziehungsfragen
Die Suche nach dem richtigen Maß zwischen Autorität und Toleranz in Erziehungsangelegenheiten ist keineswegs nur ein Thema unserer Zeit. Sie prägt die Geschichte der Pädagogik und bewegt sich dabei zwischen extremen Polen...
Erziehung im Wandel: Warum Kinder klare Orientierung brauchen
Die früher stark hierarchisch geprägten Erziehungsstrukturen haben sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Anstelle strenger Autorität dominieren heute in vielen Familien liberale, demokratische Haltungen, die sich deutlich stärker an den Bedürfnissen der Kinder orientieren. Doch trotz dieser positiven Entwicklung zeigt sich zunehmend ein anderes Extrem: Immer häufiger fehlt es an klaren Strukturen. Kinder werden nicht mehr konsequent angeleitet, sondern weitgehend sich selbst überlassen. Dieses ausgeprägte Laissez-faire kann jedoch ebenso problematisch sein wie übermäßige Strenge.
Von Autorität zu Individualität: Eine neue Sicht auf Erziehung
Früher dienten Regeln und Grenzen vor allem der Anpassung an gesellschaftliche Normen. Autoritäre Erziehungsmethoden – oft verbunden mit Zwang – galten als selbstverständlich. Heute steht im Mittelpunkt, dass Kinder ihre Individualität entfalten und zu selbstbewussten Persönlichkeiten heranwachsen dürfen.
Doch aus der berechtigten Wertschätzung von Autonomie ergibt sich eine Unsicherheit vieler Eltern. Aus Angst, ihr Kind in seiner Entwicklung einzuschränken, vermeiden sie klare Vorgaben – und verschieben damit das Gleichgewicht. Das Ergebnis: Kinder wachsen ohne Orientierung auf, obwohl sie Struktur und verlässliche Grenzen dringend brauchen.
Regeln sind die Basis unseres sozialen Zusammenlebens
Ein komplett grenzenloses Aufwachsen wird von Fachleuten kritisch bewertet. Denn jedes gesellschaftliche Miteinander basiert darauf, die persönlichen Grenzen anderer zu erkennen und zu respektieren. Haben Kinder diese Erfahrungen nicht gemacht, reagieren sie später oft mit Frustration oder Aggression, sobald ihnen Grenzen gesetzt werden.
Nach Familientherapeut Jesper Juul sollten Eltern daher einen klaren, aber herzlichen Erziehungsstil leben:
👉 nicht autoritär,
👉 nicht machtvoll formend,
👉 sondern authentisch, liebevoll und orientierend.
Eltern vermitteln ihren Kindern Orientierung, indem sie ihre eigenen Grenzen verständlich kommunizieren und diese konsequent, aber wertschätzend vertreten.
Eltern besitzen mehr Kompetenz, als sie glauben
Viele Eltern greifen heute zu zahlreichen Ratgebern – oft mit dem Ergebnis, eher verunsichert als gestärkt zu sein. Dabei verfügen die meisten intuitiv über ein gutes Gespür dafür, was richtig ist. Vertrauen in die eigenen Instinkte ist ein wichtiger Bestandteil authentischer Erziehung.
Ein wesentlicher Lernprozess besteht darin, die Wut eines Kindes auszuhalten. Kummer, Ärger oder Trotz führen nicht dazu, dass die Liebe innerhalb einer Familie verloren geht. Vielmehr entsteht eine neue, stabilere Beziehungsebene, die von Respekt und gegenseitigem Verständnis getragen ist. Kinder, die erleben, dass Frust ausgehalten wird, akzeptieren Grenzen langfristig leichter.
Kinder suchen Nähe – und provozieren gleichzeitig Distanz, um diese Nähe deutlicher zu spüren. In diesem Wechselspiel entstehen Erfahrungen, die für ihr späteres Leben unverzichtbar sind.
Fazit: Kinder brauchen klare Orientierung und verlässliche Strukturen
Eine Familie sollte ein sicherer Ort sein, der Schutz, Geborgenheit und Halt bietet. Dieser Raum benötigt:
- klare Grenzen
- feste Strukturen
- gleichzeitig ausreichend Freiraum zur individuellen Entfaltung
Im alltäglichen Miteinander lernen Kinder fast selbstverständlich, wo ihre eigenen Grenzen liegen und wo die der anderen beginnen. Vorausgesetzt, Eltern handeln liebevoll, zugewandt und authentisch.
Eltern sollten sich daher bewusst machen, welche Werte und Grundsätze ihre Erziehung prägen. Wenn sie Entscheidungen klar kommunizieren und hinter diesen stehen, lernen Kinder:
- die Grenzen anderer zu respektieren
- ihre eigenen Grenzen zu erkennen
- und diese später selbstbewusst zu schützen
Damit schaffen Eltern die Voraussetzung für eine starke, gesunde Persönlichkeitsentwicklung – und begleiten ihre Kinder sicher in ein selbstbestimmtes Leben.
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Christine Kammerer, Politologin M. A., Heilpraktikerin (Psychotherapie), freie Journalistin und Trainerin. Berufliche Stationen: Bundesamt fĂĽr Migration und FlĂĽchtlinge, Bundeszentrale fĂĽr politische Bildung, Deutscher Kinderschutzbund.