Berufsberatung an allgemeinbildenden Schulen
Berufsberatung an allgemeinbildenden Schulen
Mit dem Schulabschluss frisch in der Tasche beginnt für die meisten Jugendlichen die Zeit der Ausbildung oder des Studiums. Für viele bedeutet dies aber auch eine Phase der Fragen, Grübelei und häufig Unsicherheit: Was kann ich gut? Was mache ich gern? Welcher Beruf passt zu mir? Eine frühzeitige Berufsberatung kann helfen, Schüler:innen in ihrer Entscheidung zu bestärken.
Die Qual der Wahl: Welcher Beruf passt zu mir?
Über 300 anerkannte Ausbildungsberufe stehen den Absolvent:innen jedes Jahr zur Auswahl. Wer sich auf ein Studium bewirbt, kann sogar zwischen weit mehr Studiengängen und Fächerkombinationen wählen.
Die enorme Menge an Auswahlmöglichkeiten, wenig praktische Erfahrung im Berufsleben und die Sorge, eine falsche Lebensentscheidung zu treffen, sind einige der Faktoren, weshalb es Jugendlichen häufig schwer fällt, sich für eine Ausbildungsrichtung zu entscheiden. Darum ist eine gute Berufsberatung wichtig.
Im Jahr 2024 wurden über 5.000 Schüler:innen in der Online-Studie „BeYou – Berufswahl und Du“ des IAB (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung) befragt. Untersucht wurden die beruflichen Pläne von Schüler:innen der Abschlussklassen, die die Berufsberatung der Bundesagentur für Arbeit (BA) genutzt haben. Im Schnitt wurde eine Zufriedenheit von 7,6 angegeben (10 = ganz und gar zu frieden). Dies zeigt, dass eine Beratung als durchaus positiv wahrgenommen wird.
Noch vor 10 Jahren sah der Trend etwas anders aus. 2014 führte die Vodafone-Stiftung eine große Studie an allgemeinbildenden Schulen durch, bei denen Schüler:innen in den letzten drei Schuljahren befragt wurden. Das Ergebnis zeigte, dass an den Schulen in Sachen Berufsberatung noch viel Nachholbedarf bestand. Über ein Drittel der Befragten gaben an, nicht ausreichend über ihre beruflichen Möglichkeiten informiert zu sein. Außerdem würde jeder zweiten Person – unabhängig von der Schulart – die Berufswahl schwer fallen.
Allerdings verändert sich auch dabei das Bild. Laut der "BeYou"-Studie des IAB von 2024, sind etwa zwei Drittel der Befragten "ganz sicher" oder "sicher" darüber, was sie nach dem Schulabschluss machen wollen. Etwas mehr als 10% sind sich noch "nicht sicher" oder "überhaupt nicht sicher". Junge Menschen haben also zunehmend klarere Vorstellungen von ihrem beruflichen Werdegang, was sicherlich in Zusammenhang damit gebracht werden kann, dass sie sich auch besser über die Möglichkeiten informiert fühlen.
Unterstützung aus dem Elternhaus
Einen Beruf zu wählen, ist eine große Entscheidung: immerhin sind die Generationen noch unter uns, die ihr Leben lang ein und den selben Job gemacht haben. Die jüngeren Berufstätigen wissen und zeigen, dass mehr Flexibilität möglich ist. Dennoch soll die Berufswahl eine Entscheidung sein, die sich für eine lange Zeit gut und richtig anfühlt.
Eine erste Orientierung bietet das Elternhaus. Die Arbeit der Eltern, deren Einstellung zu ihrem Job, die Bedingungen, unter denen die Eltern beruflich tätig sind, all das prägt Kinder und Jugendliche.
Laut der Publikation "Eltern als Unterstützer im Berufswahlprozess" vom Februar 2023, veröffentlicht von der Bundesagentur für Arbeit, gaben in einer Befragung der Bertelsmann Stiftung ganze 73% der 14- bis 20-Jährigen an, von ihren Eltern bei der Berufswahl unterstützt worden zu sein.
Davon profitieren jedoch eher Kinder aus sozial stärkeren Familien mit mehr finanziellen Mitteln und Eltern, die selbst eine akademische Berufslaufbahn vorweisen. Die soziale Herkunft hat weiterhin große Auswirkungen auf den Bildungsweg von Kindern in Deutschland. "Die Wahrscheinlichkeit, ein Studium aufzunehmen, ist für Kinder aus Haushalten ohne akademisch gebildete Eltern oder aus Familien mit Migrationsgeschichte noch immer deutlich geringer als für Kinder von Eltern, die einen Studienabschluss haben.", so die Bundeszentrale für politische Bildung. Die Ungleichheit zeigt sich häufig allerdings schon beim Übertritt von der Grundschule auf eine weiterführende Schule, was ebenfalls Auswirkungen auf die spätere Berufslaufbahn von Kindern hat.
Wenn die Hilfe nicht allein durch die Familie abgedeckt werden kann, können Schulen ihr Potential nutzen und Schüler:innen bei der entscheidenden Frage nach dem passenden Beruf unterstützen.
Orientierung durch Berufsberatung
Anlaufstelle in Sachen Berufsberatung bietet die Agentur für Arbeit. An allgemeinbildenden Schulen informiert sie in Gesprächsrunden mit den Schüler:innen zum Beispiel über den Ausbildungsmarkt, Grundfragen der Ausbildungs-, Berufs- und Studienwahl oder Bildungswege und Studiengänge. Schulen können sich mit der Agentur in Verbindung setzen, beratende Termine mit der Klasse vereinbaren und gegebenenfalls Schwerpunkte ausmachen. Die Workshops der Agentur für Arbeit werden meist durch das jeweils ortsgebundene Berufsinformationszentrum (BIZ) angeboten. Hier arbeiten eigens geschulte Mitarbeitende und die Jugendlichen können mit medialen Angeboten ihre beruflichen Stärken ausloten.
Auch die Handwerks- sowie Industrie- und Handelskammer informieren über Ausbildungsberufe. Hilfe bietet diese vor allem für junge Menschen, die bereits in einer Ausbildung stecken, aber damit unzufrieden sind.
Ebenso finden zahlreiche regionale und überregionale Berufsberatungsmessen für Jugendliche statt. Häufig organisieren die Schulen entsprechende Messebesuche. Aber auch private Besuche sind möglich. Hier stellen sich vor allem Ausbildungsbetriebe vor. Messen sind eine gute Gelegenheit, um Orientierung und Inspiration innerhalb der Berufswelt zu finden. Die Universitäten und Hochschulen bieten zudem eigene Studieninformationstage an, um über die Bandbreite an Studiengängen zu informieren.
Neben diesen kostenfreien Angeboten haben sich in den letzten Jahren zahlreiche freie Coaches oder Bewerbungstrainer:innen ein Standbein geschaffen. Allerdings müssen Kunden für die Einzel- oder Gruppentreffen tiefer in die Tasche greifen.
Natürlich findet die Berufswahl auch online statt. Das Internet bietet zahlreiche Fragebogen, die Stärken und Schwächen eruieren und aufgrund der Ergebnisse einen Beruf vorschlagen. Der Nachteil: Es fehlt das anschließende Gespräch, die Auswertung und der Austausch mit einer realen Person, die auf ihre Lebenserfahrung zurückgreifen kann.
Der Berufswahlprozess
Die Bundesagentur für Arbeit gliedert den Berufswahlprozess in 3 Stufen: orientieren, entscheiden und bewerben.
- Die Orientierungsphase sollte bereits etwa 2,5 Jahre vor dem Schulabschluss beginnen. Messen werden hier als sinnvoller Anlaufpunkt genannt, um die Fragen "Was will ich?" und "Was kann ich?" zu beantworten und die eigenen Stärken zu erkennen.
- Etwa 2 Jahre vor dem Abschluss sollte die Entscheidungsphase beginnen. Hier empfiehlt die Bundesagentur für Arbeit Infos zu Berufen zu sammeln, Berufsberatungen wahrzunehmen und eine Entscheidung zu treffen.
- Etwa ein Jahr vor dem Abschluss beginnt bereits die Bewerbungsphase. Gerade bei Ausbildungsplätzen kann Vorlauf gut sein. Häufig, vor allem bei einer Bewerbung für ein Studium, muss aber das Abschlusszeugnis erst vorliegen – dies spielt im zeitlichen Ablauf natürlich eine entscheidende Rolle.
Frühzeitig den Blick schärfen: wie Lehrkräfte helfen können
Doch auch Lehrkräfte können, zusätzlich zu externen Berufsberatungen, den Blick der Schüler:innen auf ihre eigenen Fähigkeiten stärken. Auch wenn der Lehrplan voll ist mit Stoff, der für den Abschluss gepaukt werden muss: Die Jugendlichen sollten darauf vorbereitet werden, dass es nach der Schule weitergeht und dass ihr Abschluss der eigentliche Startschuss für ihre berufliche Zukunft ist.
Lehrkräfte können hier ganz nebenbei helfen. So kann es beispielsweise eine Hausaufgabe sein, über die eigenen Stärken und Schwächen nachzudenken. Fragen über die eigene Person können parallel zum eigentlichen Unterricht gestellt werden. Die zusätzlichen Einschätzungen von Mitschüler:innen können helfen, das Fremd- und Selbstbild zu einem ganzen Bild zu vervollständigen. Unterstützend können die Schüler:innen Plakate anfertigen, die im Verlauf eines gesamten Schuljahres vervollständigt werden. Dabei ist es egal, welchen Abschluss sie anstreben. Wichtig ist, dass die Jugendlichen ihre eigenen Stärken und Schwächen einschätzen können.
Lehrkräfte können auch den Blick der Jugendlichen im Alltag auf ihr Umfeld schärfen und ihren Horizont erweitern. Auch das kann als eine Hausaufgabe in den Schulalltag integriert werden. Die Schüler:innen sollen herausfinden: Welchen Aufgaben gehen die Mitarbeitenden in einer Drogerie nach? Was muss eine Krankenschwester oder ein Krankenpfleger den ganzen Tag leisten? Wann und wie oft proben Schauspieler:innen am Theater?
Arbeiten Lehrkräfte kontinuierlich an der Fokussierung ihrer Schüler:innen auf dasThema Berufsfindung, bekommen diese einen Blick für ihre wirklichen Interessen. Damit fällt nicht nur die Entscheidung für eine Ausbildung oder ein Studium leichter, auch die Motivation, für den Schulabschluss zu pauken, steigt.
Ein Überblick über Berufswahlmöglichkeiten:
- Ausbildungsberufe im Überblick:
- Studiengänge im Überblick:
Quellen:
Melanie Herber hat Medienwissenschaften, Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation in Leipzig und Würzburg studiert. Ihr beruflicher Werdegang ist von verschiedenen Etappen in der Bildungswelt geprägt: Hochschulkommunikation, Bildungsministerium, Bildungsmedienverlag. Sie ist Teil der Redaktion von lernando aus dem Hause Westermann.