Über den Autor/die Autorin

Hildegard Dierks

Hildegard Dierks hat ihr Lehramtsstudium in den Fächern Englisch und Pädagogik für die Sekundarstufen I und II absolviert und an der Universität Bielefeld das Magisterstudium mit dem Schwerpunkt Computerlinguistik abgeschlossen. Sie arbeitet seit vielen Jahren als Online-Autorin und Online-Redakteurin für verschiedene Zielgruppen, z.B. Eltern. Zu ihren Themenschwerpunkten zählen alle Themen rund um Grundschule, Fremdsprachenlernen, Musikerziehung, computergestütztes Lernen aber auch schulpolitische Themen. Seit einigen Jahren ist sie begeisterte Anhängerin des sog. E-Learnings einer internetgestützten, zeitlich flexiblen Form des Studiums und der beruflichen Weiterbildung. Neben Lehrheften lernt man beim E-Learning auch in betreuten Chats und Webinaren. Frau Dierks lebt mit ihrer Familie in Ostwestfalen. In ihrer Freizeit hört sie gern Hörbücher und spielt Akkordeon.

Von Vorbildern lernen

von Hildegard Dierks



© Andy Dean - Fotolia.de
Schülerinnen und Schüler lernen durch Nachahmen von Modellen oder Vorbildern. Im deutschsprachigen Raum ist dieses vor allem durch den amerikanischen Lernpsychologen Bandura bekannt geworden. Wo finden Schülerinnen und Schüler diese Modelle zur Nachahmung? Ist unerwünschtes Verhalten auf falsche Vorbilder zurück zu führen? Wer kann ein Vorbild sein und unter welchen Bedingungen?

Bedingungen für das Lernen von Vorbildern

Wir ahmen nicht mechanisch und zwangsläufig etwas nach, was wir sehen. Um von einem Modell zu lernen, muss man ein Modell zunächst einmal aufmerksam wahrnehmen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es zur Imitation kommt, ist dann groß, wenn das beobachtete Verhalten erfolgreich ist und das Verhalten für den Beobachter von Bedeutung ist. Ein Mitschüler mit einem neuen Smartphone, um den sich die hübschesten Mädchen aus der Klasse versammeln, wird vermutlich aufmerksam wahrgenommen, der Erfolg bei den Mädchen wird beobachtet. Wenn die anderen Schüler auch Chancen bei den Mädchen haben möchten, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich so mancher ebenfalls das Smartphone anschafft.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Verhalten gelernt wird, steigt darüber hinaus umso mehr, wenn man das potenzielle Modell mag und mit ihm persönlich verbunden ist. Deshalb sind Eltern, Geschwister und Schulfreunde prinzipiell sehr wichtige Modelle. Bei Jugendlichen ist es vor allem die Peergroup, d.h. Mitglieder der Klassen- oder Kurgemeinschaft, die als Vorbilder in Frage kommen. Wird ein Schüler, der gute Leistung zeigt, als Streber in der Klassengemeinschaft gemobbt, wird es schwierig für andere diesen leistungsstarken Schüler in seinem Lernverhalten zu imitieren. Ist es in einer Klassengemeinschaft uncool, sich auf einen Test vor zu breiten, tun es manche Schülerinnen und Schüler dennoch (heimlich), aber viele vielleicht nicht. Die Folge kann ein schlechtes Leistungsniveau in der Klasse oder in einem Kurs sein.

Um richtige schulische Lernvorbilder zu finden, ist es wichtig, Situationen mit Menschen zu schaffen, die die Schülerinnen und Schüler für ihr eigenes Leben wichtig finden. Enge vertrauensvolle menschliche Beziehungen sind die wichtigste Grundlage für erfolgreiches Lernen am Modell.

In den neuen Schulformen arbeiten leistungsstärkere Schülerinnen und Schüler stärker als im dreigliedrigen Schulsystem mit leistungsschwächeren Kindern zusammen. Die Zukunft wird zeigen, ob in Lerngemeinschaften mit einer starken Leistungsdivergenz, sich Schülerinnen und Schüler vorwiegend an den leistungsstarken Schülern orientieren. Oder, ob sie eher dem hedonistischem Prinzip folgend die leistungsschwächeren Schülerinnen und Schülern nachahmen. Richtige schulische Lernvorbilder können auch gefunden werden, wenn Schülerinnen und Schüler in einen Wettbewerb mit Schülerinnen und Schülern von anderen Schulen treten, z.B. bei „Jugend forscht“ oder anderen Schülerwettbewerben.

Lehrerrolle in der Schule

Dass ein Lehrer Vorbild sein soll für Schülerinnen und Schüler ist offiziell kein zentrales, favorisiertes Anliegen in moderner Schule. Insgesamt soll Unterricht weniger lehrerzentriert sein als früher. Eine Lehrkraft soll Schülerinnen und Schüler in die Lage versetzen, selbstständig zu arbeiten, eigene Lernziele zu finden und zu erreichen.

Schülerinnen und Schüler fühlen sich ihrerseits vermutlich innerlich oft eher in einem distanzierten Verhältnis zur Lehrerin und zum Lehrer. Das ist insbesondere in der Pubertät so: der Lehrer gibt die Zensuren und der Schüler bekommt sie. Dennoch, Lehrer gehören zum persönlichen Umfeld von Schülerinnen und Schülern. Es sind genau diese Menschen aus dem persönlichen Umfeld, die Kinder sich als Vorbilder suchen, denen sie oft unbewusst nacheifern, insbesondere dann, wenn sie ein gutes Verhältnis zum Lehrer haben. Es ist für Lehrer wichtig, sich darüber klar zu sein, dass er/sie im Schulalltag Vorbildpotenzial hat. Lehrerinnen und Lehrer können Vorbilder für das Lösen von Konflikten sein, als sprachliche Vorbilder und Vorbilder für gutes Benehmen dienen sowie für eine motivierte Arbeitshaltung und ein positives Menschbild.

Lehrerinnen und Lehrer können darüber hinaus für einige Schülerinnen und Schüler konkret berufliche Vorbilder sein. Mit ihren eigenen Lehrern erleben Schülerinnen und Schüler diesen Beruf fast täglich. Kommt zum Ausdruck, dass ein Lehrer seine Arbeit gern macht, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass auch Schülerinnen und Schüler diesen Beruf später einmal ergreifen möchten. Der Lehrerberuf wird heute oft problematisch gesehen. Mit der kommenden Pensionierungswelle wird auch dieser Beruf mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen haben.

Die wenigen Lehrer mit Migrationshintergrund können insbesondere für Kinder mit Migrationshintergrund ein Vorbild sein. Sie sind ein Beispiel für erfolgreiches Lernen und eine gelungene akademische Laufbahn trotz vermutlich schlechter Prognose.

Es mangelt in den Oberstufen der Allgemeinbildenden Schulen in der BRD an Lehrerinnen in den Fächern Chemie, Physik oder Mathematik. Diese Fächer sind männlich dominiert. Aber es gibt auch in diesen Fächern vereinzelt Lehrerinnen. Gerade sie können ein positives berufliches Vorbild für Schülerinnen sein.

Manchmal wirken Lehrerinnen und Lehrer, die man als Jugendliche als unangenehme Autoritätsperson kennen gelernt hat, nach einer langen Latenzzeit noch als Vorbilder. Und zwar dann, wenn das Kind von heute später Vater oder Mutter oder Chef ist.

Kinder aus bildungsfernen Familien

Kinder aus bildungsfernen Familien haben oft keine Vorbilder in ihrem persönlichen Umfeld, an denen sie sich für eine akademische Schullaufbahn orientieren können. Nur wenige Arbeiterkinder streben das Abitur und später ein Studium an. Mangelndes Interesse im Elternhaus an einer sehr guten Schulbildung führt neben den zunehmenden Kosten, die durch eine längere Schulausbildung mit anschließendem Studium entstehen, häufig dazu, dass Arbeiterkinder sich beruflich und schulisch anders entscheiden.

Das Problem wird im Netzwerk ArbeiterKind aufgegriffen. Dort können interessierte Schülerinnen und Schüler und Studierende Vorbilder und Mentoren finden, die Rat und Hilfe geben können. Oft sind es ausschließlich innere psychologische Schranken, die dazu führen, dass Chancen nicht genutzt werden. Vorbilder, die man persönlich kennt, können besser als sachliche Information helfen, diese inneren Schranken abzubauen. Ähnliche Netzwerke müsste es für Schülerinnen und Schüler mit bildungsproblematischem Migrationshintergrund geben.

Vorbilder – Probleme und Grenzen

Es ist klar, dass bloßes Imitieren ohne Nachdenken wenig Lernerfolg bewirkt und nicht funktioniert. Fast immer muss ein geistiger Transfer stattfinden. Eine eigene geniale Idee oder Erkenntnis zum Lösen neuer Probleme ist darüber hinaus nach wie vor die Königsdisziplin der geistigen Leistung. Eine Schülergeneration kann sich für die Bewältigung ihrer eigenen Zukunft deshalb nicht ausschließlich darauf verlassen, in Eltern und Lehrern Vorbilder zu finden, mit denen die Probleme der Zukunft gelöst werden können.

Ein weiteres Problem ist im Zusammenhang mit Vorbildern relevant. Sich ohne Nachzudenken an Vorbildern orientieren, birgt die Gefahr der Kritiklosigkeit und die Gefahr, Verantwortung für das eigene Leben abzugeben. Vorbilder oder gar Helden sollten also grundsätzlich auch kritisch gesehen werden. Diese Kritikfähigkeit müssen Kinder ebenfalls lernen: Fußballspieler, Musiker und andere Medienhelden haben zu bestimmten Zeiten Hochkonjunktur, werden von Medien und Werbeindustrie aus kommerziellen Gründen undifferenziert hochgejubelt. Nur die wenigsten werden in ihrem Leben jedoch einmal so gut Fußball spielen können wie ein Torjäger der Fußballnationalmannschaft. Sportliche Vorbilder, die Höchstleistungen vollbringen oder superschlanke erfolgreiche Models aus der Modebranche, denen junge Frauen blauäugig nacheifern, können gefährlich sein. Mit ihrer Hilfe ist es oft all zu leicht mit den Sehnsüchten und Träumen junger Menschen zu spielen und sie schamlos ausnutzen. Junge Menschen dürfen darüber hinaus nicht Opfer falscher Vorbilder aus extremen politischen und religiösen Lagern werden, nur weil sie auf ihrer Suche nach Orientierung für sich keine Alternative finden.

Kommentar: Wir brauchen viele gute Vorbilder

Schülerinnen und Schüler, die gern von Vorbildern lernen, werden viele Vorbilder brauchen. Kaum ein Mensch ist für alles ein gutes Vorbild. Nicht jede Schülerin oder jeder Schüler will jedoch überhaupt von einem Vorbild lernen. So wie manche Neues bevorzugt auditiv, visuell oder haptisch lernen, gibt es Lerntypen, die am liebsten durch eigene Initiative und Erfahrungen lernen möchten. Für sie ist es beinah ein minderwertiges Kopieren, wenn man sich an Vorbildern orientiert.

Manche lehnen es wiederum ab, ein Vorbild für andere zu sein. Das ist vor allem dann so, wenn von einem Vorbild verlangt wird, keine Fehler machen zu dürfen. In dem Fall würden Vorbilder überfrachtet mit Erwartungen. Eltern und Lehrer sollten sich zumindest bemühen kein schlechtes Vorbild zu sein. Oft ist unser gezeigtes Verhalten oder die Situation, die sich Schülerinnen und Schülern präsentiert, widersprüchlich: Ein Lehrer fordert motiviertes Lernen ein, wirkt aber durch seine Mimik und Gestik selbst uninteressiert. Wir erwarten von Schülerinnen und Schülern eine saubere Schulkleidung, aber sie müssen auf eine schmutzige Schultoilette gehen, weil die Stadt beim Reinigungspersonal spart.

Gute Vorbilder oder herausragende Persönlichkeiten im positiven Sinne nahmen in ihrem eigenen Leben freiwillig oder unfreiwillig überdurchschnittliche Herausforderungen an und meisterten sie, oft trotz vieler Hindernisse. Sich an ihnen zu orientieren ohne unkritisch zu sein, kann Schülerinnen und Schülern helfen, vor allem, wenn sie Krisen bewältigen müssen. Manchmal hilft ihnen das Lesen von Biografien berühmter, erfolgreicher Menschen aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.

Literatur & Links

Buchtipps

Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen e.V.: Vorbilder: Unsere Suche nach Idealen. UVK Verlagsgesellschaft 2013.

Siegfried Lenz: Das Vorbild. Deutscher Taschenbuch Verlag 2006.

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