Jungen und Lesen
Jungen und Lesen
Zuerst die gute Nachricht: Im Rahmen der PISA-Studie aus dem Jahr 2015 zeichnet sich ab, dass die Differenz im Bereich der Lesekompetenz zwischen weiblichen Leserinnen im jugendlichen Alter zu männlichen jugendlichen Lesern deutlich abnimmt. Und dennoch: Jungen lesen anders. Was Sie zu Hause tun können, um eine nachhaltige Lesemotivation bei Ihrem Sohn auszubilden und zu erhalten, lesen Sie im folgenden Beitrag
Entwicklung gelingender Lesebiografien
Kinder beginnen schon früh damit, Lesen zu imitieren – oft lange bevor sie tatsächlich lesen können. Dieses spielerische „So‑tun‑als‑ob“ tritt vor allem im Krippen‑ und Kindergartenalter auf. Später konzentrieren sie sich im Grundschulalter zunächst auf die Lesetechnik, entwickeln zunehmend Leseflüssigkeit und gelangen schließlich zum sinnentnehmenden und genussvollen Lesen.
Eine stabile Lesebiografie entsteht jedoch nie allein. Entscheidend ist das gemeinsame Tun: das Vorlesen von Bilder‑ und Vorlesebüchern, das dialogische Anschauen von Bildern sowie später das gemeinsame Lesen altersgerechter Texte. Anschließende Gespräche über Geschichten vertiefen das Verständnis und stärken Lesemotivation und Sprachentwicklung.
Unterschiede im Leseverhalten von Jungen
Leseinteressen und Leseverhalten
Professorin Christine Garbe beschreibt fünf zentrale Differenzen im Leseverhalten von Mädchen und Jungen. Mädchen lesen häufiger und länger, bevorzugen fiktionale Texte und zeigen meist höhere Lesefreude. Jungen hingegen greifen eher zu spannenden, abenteuerreichen Geschichten oder zu Sach- und Fachbüchern und lesen insgesamt sachbezogener und distanzierter. Ihre Freizeit verbringen sie zudem häufiger mit anderen Aktivitäten oder digitalen Medien.
Obwohl sich die Lesekompetenz von Jungen verbessert, liegen sie im Durchschnitt noch immer hinter Mädchen zurück.
Bedeutung frĂĽher Literacy-Erfahrungen
Eine nachhaltige Lesemotivation entsteht durch vielfältige Literacy-Erlebnisse im Elternhaus. Eltern wirken hier als wichtige Vorbilder: Sie sollten eigenes Leseverhalten bewusst reflektieren und feste Vorlesezeiten etablieren. Für Kleinkinder eignen sich robuste Pappbilderbücher, Fühlbücher und Wimmelbilderbücher. Später können Bücher mit unterschiedlichen Schriftgrößen genutzt werden, bei denen Eltern und Kinder abwechselnd lesen.
Diese frühen Erfahrungen sind grundlegend – sowohl für die Sprachkompetenz als auch für die Lesekompetenz.
UnterstĂĽtzung der LeseflĂĽssigkeit
Der Leselehrgang erstreckt sich über die ersten beiden Schuljahre. Kinder üben, Wörter flüssig und automatisiert zu erkennen, angemessen schnell zu lesen und Texte betont vorzutragen. Eltern können diesen Prozess unterstützen, indem sie mit ihren Kindern laut lesen, sich im Vorlesen abwechseln oder Dialoge aus Büchern szenisch gestalten. Solche Übungen machen das Lesen greifbar und stärken Sicherheit und Routine.
Passende Lektüre auswählen
Die Auswahl geeigneter Lektüre sollte eng an die Interessen des Kindes anknüpfen. Bei Jungen empfiehlt Professorin Garbe, deren bevorzugte Themen bewusst aufzugreifen. Dafür lohnt sich ein offener Austausch über Vorlieben – etwa Abenteuerromane, Comic‑Romane, Sachbücher oder digitale Leseangebote.
Eine hilfreiche Anlaufstelle ist das Projekt boysandbooks, das Lesetipps speziell fĂĽr Jungen zwischen acht und achtzehn Jahren bereitstellt:
https://www.boysandbooks.de/
Öffentliche Büchereien, Buchhandlungen und Online-Rezensionen unterstützen zusätzlich bei der Auswahl.
Den „Leseknick“ verstehen
Mit Beginn der Pubertät wenden sich viele Jugendliche zeitweise vom Lesen ab – der sogenannte Leseknick. Jungen sind davon stärker betroffen, doch bedeutet dies nicht, dass sie dauerhaft den Zugang zu Büchern verlieren. Viele greifen im Erwachsenenalter wieder gern zur Lektüre zurück. Wichtig ist die frühe positive Leseerfahrung, die als stabile Grundlage erhalten bleibt – ganz im Sinne von „Was Hänschen nicht lernt …“.
Zuletzt geändert am 27.02.2026
Alexandra von Plüskow-Kaminski hat mehr als 20 Jahre als Grundschullehrerin gearbeitet und war als Fachberaterin tätig. Dabei war sie u.a. zuständig für die Übergänge von der Kita in die Grundschule und von der Grundschule in die weiterführende Schule. Seit März 2022 koordiniert sie das Sprachbildungszentrum Lüneburg.