Handschrift – Schnee von gestern?
Handschrift – Schnee von gestern?
In der Grundschule lernen Kinder mit der Hand zu schreiben. Schon kurz nach dem Einschulungstag geht es los. Mit dem Stift in der Hand und voller Konzentration zeichnen Kinder Linien nach und schreiben stolz ihre ersten Buchstaben. Das ist für die meisten Kinder kein Problem, sondern ein Spaß. Sie machen schnell Fortschritte. Wird das so bleiben? Schule und Unterricht stehen vor einer digitalen Veränderung.
Grundschrift und Handschrift: Wie Kinder schreiben lernen
In der Grundschule entwickeln Kinder ihre Handschrift Schritt für Schritt. Zunächst lernen sie die Form von Buchstaben kennen, setzen diese zu Wörtern zusammen und beginnen meist mit Druckbuchstaben. Traditionell folgt darauf eine gebundene Schreibschrift – etwa die Vereinfachte Ausgangsschrift –, aus der sich später eine persönliche Handschrift bildet.
Die Einführung der Grundschrift
Was ist die Grundschrift?
Die 2011 entwickelte Grundschrift ist eine Druckschrift für Grundschulkinder. Sie dient als Orientierung für die spätere persönliche Handschrift und soll den Schreiblernprozess erleichtern. Entwickelt wurde sie vom Grundschulverband.
Die Idee:
Kinder erarbeiten Druckbuchstaben und verbinden diese später freiwillig und selbstständig – es muss keine separate gebundene Schreibschrift gelernt werden.
Kritik und Kontroversen
- Befürworter berichten von guten Ergebnissen, wenn die Grundschrift konsequent und didaktisch fundiert angewendet wird.
- Kritiker finden, dass Kinder bei der Buchstabenverbindung zu sehr allein gelassen werden. Viele entwickeln deshalb kaum eine gebundene Handschrift.
Schulen entscheiden selbst, ob sie Grundschrift oder traditionelle Schreibschriften unterrichten. Ein bundesweiter Durchbruch blieb bislang aus.
Kriterien für eine leserliche Handschrift
Auch wenn Wege zur Handschrift unterschiedlich sind – leserlich sollte sie immer sein. Da viele Prüfungen in Schule und Studium weiterhin handschriftlich erfolgen, haben klare Kriterien weiterhin Bedeutung.
Wichtige Merkmale einer guten Handschrift
- Schreiben in der vorgesehenen Lineatur
- Einheitliche Schreibrichtung
- Gleichmäßiges Schriftbild
- sauber ausgeführte, formrichtige Buchstaben
Mit der Zeit entstehen individuelle Abweichungen – solange der Text gut lesbar bleibt, ist das völlig in Ordnung.
Handschrift und Linkshändigkeit
Linkshändige Kinder wurden früher oft umerzogen, heute weiß man es besser. Dennoch ist die Umgebung meist auf Rechtshändigkeit ausgerichtet, was linkshändigen Kindern den Start erschweren kann.
Hilfen für linkshändige Kinder
- angepasste Schreibunterlagen oder Lineaturen
- spezielle Stifte und Stiftformen
- bewusstes Achten auf richtige Sitz- und Blattposition
- Platzierung: links am Zweiertisch neben einem Rechtshänder, um sich nicht in die Quere zu kommen
Mit wenigen Anpassungen lässt sich der Schreiblernprozess für Linkshänder deutlich erleichtern.
Handschrift, Emotionen und persönliche Bedeutung
Es gibt Momente, in denen handgeschriebene Worte mehr sagen als jeder digitale Text. Liebesbriefe, Urlaubskarten oder Kondolenzschreiben zeigen emotionale Tiefe gerade durch die persönliche Handschrift. Auch im Alltag übernehmen wir mit unserer Unterschrift Verantwortung – etwa bei Verträgen oder in der Schule, wenn Eltern Arbeiten oder Mitteilungen unterschreiben.
Handschrift schafft Nähe, Bedeutung und Verbindlichkeit, die digitale Texte selten erreichen.
Kalligrafie: Wenn Schrift zur Kunst wird
Die Frankfurter Buchmesse 2018 zeigte am Beispiel des georgischen Alphabets, wie fremde Buchstaben ästhetisch faszinieren können. Auch unsere Schrift kann künstlerisch genutzt werden – etwa in der Kalligrafie.
Kalligrafie bedeutet:
- Schreiben und Gestalten von Buchstaben als Kunstform
- Einsatz spezieller Stifte und Papiere
- bewusstes Arbeiten mit Druck, Bewegung und Linienführung
So entsteht lebendige Schrift, die Kunst und Handschrift verbindet.
Kommentar: Handschrift und digitale Texte – kein Widerspruch
Trotz Digitalisierung möchte kaum jemand die Handschrift abschaffen. Sie bleibt eine wichtige Kulturtechnik und fördert Motorik, Wahrnehmung und geistige Verarbeitung von Lerninhalten.
Zwar nimmt ihre alltägliche Nutzung ab – Stifte trocknen ein, weil wir vieles digital erledigen. Dennoch bleibt die Handschrift qualitativ bedeutsam:
- Wir brauchen dafür keinen Strom.
- Textprogramme bieten bewusst Schreibschriften an – weil sie uns wichtig sind.
- Tablets ermöglichen digitales Handschreiben mit Stift.
Eine persönliche Handschrift entsteht durch Zeit und Übung, begleitet uns aber oft ein Leben lang. Vieles verlernt man – die Handschrift kaum. Und das ist tatsächlich beruhigend.
Linktipps:
Buchtipps:
Barnitzky H., U. Hecker et. al. Grundschrift Kinder entwickeln ihre Handschrift 2016 1. Auflage Grundschulverband – Arbeitskreis Grundschule
Kaergel J. Schreib Mal! Coole Schriften und Buchstabensalat Prestel Verlag 2013
Zuletzt geändert am 17.02.2026
Hildegard Dierks arbeitet seit vielen Jahren als Online-Autorin und Online-Redakteurin für verschiedene Zielgruppen, z.B. Eltern. Zu ihren Themenschwerpunkten zählen alle Themen rund um Grundschule, Fremdsprachenlernen, Musikerziehung, computergestütztes Lernen aber auch schulpolitische Themen.