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Im Diätwahn - extreme Ernährungsformen bei Kindern

dünne Person isst einzelne Apfelschnitze
Entwicklung und Erziehung
© Nomad_Soul - Fotolia.com
von Christine Kammerer

In Deutschland sind fast neun Prozent aller Minderjährigen im Alter von drei bis 17 Jahren übergewichtig und immerhin 6,3 Prozent von ihnen adipös. Gleichzeitig führt ein nach wie vor vollkommen überzogenes Bild vom idealen Körper in den Medien dazu, das viele Kinder und Jugendliche mit ihrem Gewicht unglücklich sind – selbst dann, wenn es vollkommen normal ist.

Lesedauer:
4 min

Wenn Diäten früh beginnen – Einfluss von Rollenbildern und Medien

Beeinflusst von Idolen und Peer Groups machen viele Kinder schon früh erste Diät‑Erfahrungen. Die Bandbreite reicht vom bewussten Nahrungsverzicht bis zu ungewöhnlichen Ernährungsformen, die häufig in Internetforen kursieren. Oft ist es eine Gratwanderung zwischen neugierigen Experimenten und dem Abrutschen in gesundheitsschädliche Verhaltensweisen. Hinter extremen Essmustern können zudem ernst zu nehmende psychische Belastungen stehen.

Das Ende traditioneller Essrituale

Durch unterschiedliche Tagesrhythmen berufstätiger Eltern und schulischer Verpflichtungen finden Familien immer seltener gemeinsame Essenszeiten. Viele Mahlzeiten bestehen aus Vorgekochtem, Fertiggerichten oder schnellen Snacks. Essen verliert dabei seine Funktion als soziales Ritual, das die Familie verbindet und Zugehörigkeit vermittelt.

Wenn Essen zur Pflicht wird

Kinder und Jugendliche erleben gemeinsame Mahlzeiten häufig als Unterbrechung ihrer Medienzeit. Regeln am Tisch oder Vorgaben zu bestimmten Lebensmitteln empfinden sie als Zwang. Werden sie beim Essen vollständig sich selbst überlassen, können sich leicht problematische Essmuster entwickeln.

Selbstbestimmt bei Tisch?

Wenn Kinder Essen allein nach persönlichem Geschmack auswählen dürfen, dominieren Vorlieben – und externe Einflüsse wie Medienideale. In einer stabilen Familienstruktur lässt sich das abfedern. Problematisch wird es jedoch, wenn zusätzliche Belastungen bestehen, etwa:

  • mangelnde Geborgenheit oder Anerkennung
  • schulischer oder familiärer Druck
  • fehlende soziale Kontakte
  • keine Möglichkeit, Sorgen auszudrücken

Essen wird dann zum einzigen Bereich, über den Kinder Kontrolle ausüben können. Der Körper dient als Ausdrucksmittel der Abgrenzung nach außen.

Die Suche nach Sicherheit und Geborgenheit

Regeln und Rituale vermitteln Sicherheit. Fehlen klare Strukturen, entwickeln Kinder eigene – häufig rigide und in Schwarz‑Weiß‑Kategorien. Die Einteilung in „gutes“ und „böses“ Essen oder der vollständige Verzicht auf Lebensmittel gibt ihnen das Gefühl, wenigstens in diesem Bereich Kontrolle zu besitzen. Die Befolgung selbst gesetzter strikter Regeln erzeugt Erfolgserlebnisse.

Entstehung starrer Essmuster

So können sich ernste Störungen wie:

  • Orthorexia nervosa
  • Anorexia nervosa (Magersucht)
  • weitere restriktive Essverhaltensformen

entwickeln. Was als harmlose Kontrolle beginnt, wird zu einem starren System, das den Alltag dominiert.

Im Diätenwahn: gutes und böses Essen

„Orthorexia nervosa“ beschreibt das zwanghafte Bedürfnis, ausschließlich „richtig“ und gesund zu essen. Auslöser können berechtigte Sorgen um Lebensmittelsicherheit sein. Doch bei manchen Jugendlichen führt dies zu:

  • übermäßiger Vorsicht
  • Angst vor Lebensmitteln
  • ständiger Beschäftigung mit Diäten
  • Verlust des Genusses

Essen wird analysiert, kategorisiert und moralisch bewertet. Produkte wie Schokolade oder Fleisch werden nicht mehr objektiv beurteilt, sondern regelrecht verteufelt. Selbst Menschen, die bestimmte Lebensmittel essen, können Ekel hervorrufen. Die Betroffenen verlieren den Realitätsbezug und geraten in ein krankhaftes Essverhalten.

Fazit: Kinder brauchen Regeln und Rituale

Medien sind Teil der Lebenswelt junger Menschen – umso wichtiger ist es, dass sie nicht alle anderen Lebensbereiche dominieren. Das gilt inhaltlich und zeitlich:

  • Medienkonsum sollte altersgerecht und begrenzt sein.
  • Inhalte müssen mit Kindern besprochen und reflektiert werden – besonders Werbung.
  • Während gemeinsamer Mahlzeiten sollten Geräte tabu sein.

Familienzeit bedeutet gemeinsame Zeit. Eltern fungieren als Vorbild: Wer gesunde Ernährung vermitteln will, sollte sie selbst vorleben – etwa durch ein vollwertiges Frühstück oder regelmäßige gemeinsame Mahlzeiten. Gelegentlich zusammen zu kochen fördert den Bezug zu Lebensmitteln und vermittelt spielerisch den Genuss am Essen.

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Zuletzt geändert am 17.02.2026

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Themen:
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Über den Autor/die Autorin
Foto der lernando-Autorin Christine Kammerer

Christine Kammerer, Politologin M. A., Heilpraktikerin (Psychotherapie), freie Journalistin und Trainerin. Berufliche Stationen: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Bundeszentrale für politische Bildung, Deutscher Kinderschutzbund.

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