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Leben mit dem Terrorismus in Deutschland

Foto eines Polizisten in Schutzweste vor Polizeiautos
Entwicklung und Erziehung
© Heiko Barth - Fotolia.de
von Christine Kammerer

Die Furcht vor einem terroristischen Akt ist derzeit die größte Angst der Deutschen. 73 Prozent – also fast drei Viertel aller Bürger - fürchten sich vor Anschlägen. Durch das Attentat auf dem Berliner Weihnachtsmarkt 2016 hat diese Angst weiter Nahrung bekommen. Und sie ist durchaus berechtigt, denn es herrscht tatsächlich auch weiterhin eine hohe abstrakte Terrorgefahr.

Lesedauer:
4 min

Terrorgefahr einschätzen und mit Kindern darüber sprechen

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann hielt es bereits vor dem Anschlag für möglich, dass Attentäter jederzeit und überall zuschlagen könnten – und diese Gefahr besteht auch weiterhin. Gleichzeitig ist die Wahrscheinlichkeit, beim Spazierengehen von einem herabfallenden Ziegel getroffen zu werden, nach wie vor deutlich höher als die, Opfer eines terroristischen Anschlags zu werden. Panikmache ist also trotz der Ereignisse in Berlin fehl am Platz.

Trotzdem müssen wir uns mit der Terrorgefahr auseinandersetzen, um Wege zu finden, wie wir mit Kindern und Jugendlichen sachlich über die Bedrohung sprechen können. Sie brauchen Unterstützung, um mit ihren Sorgen und Ängsten umzugehen – ebenso wie Aufklärung darüber, welche Folgen eine zu drastische Terrorismusbekämpfung haben kann, etwa Einschränkungen von Persönlichkeitsrechten.

Wie sicher ist Deutschland?

Die Frage nach der Sicherheit wirkt einfach, ist aber komplex. Sicherheit ist in erster Linie ein subjektives Gefühl, ein Zustand, den wir als frei von Risiken wahrnehmen. Terroranschläge treten jedoch unvermittelt und nicht vorhersehbar auf – besonders Taten von Einzeltätern sind hochgradig unberechenbar. Die Sicherheitslage kann sich theoretisch jederzeit ändern. Ein objektiver Wert für Sicherheit ist daher kaum messbar; lediglich das subjektive Bedrohungsgefühl ist erfassbar.

Wahrnehmung und Realität

Risikoforscher Prof. Gerd Gigerenzer betont: „Die Zukunft kann niemand vorhersagen.“ Auch wenn die Terrorgefahr steigen könnte, leben wir in Deutschland nach wie vor in den sichersten Zeiten überhaupt.

Ist die Angst der Deutschen berechtigt?

2016 stieg die Angst vor einem Terroranschlag im Vergleich zum Vorjahr um 21 Prozent – noch bevor der Anschlag in Berlin stattfand. Erstmals lag diese Angst vor allen anderen Sorgen. Genau darauf zielen Terroranschläge ab: Es geht weniger um die Zahl der Opfer als darum, Angst zu verbreiten und gesellschaftliche Spaltung zu bewirken, etwa indem Stimmung gegen Muslime gemacht wird.

Sachlich bleiben und Risiken einordnen

Die Ängste der Menschen sollten ernst genommen werden, aber nur Fakten können sie entkräften. Zugleich muss klar sein: Risiken gehören zum Leben. Jeder Autofahrt wohnt etwa ein weit höheres Unfallrisiko inne als einem terroristischen Anschlag. Eine vollständige Abschottung vor Gefahren ist unmöglich – und nicht wünschenswert. Eine offene, globalisierte Gesellschaft birgt Risiken, aber ebenso Chancen.

Verändert der Terror unser Leben?

Viele Menschen ändern ihr Verhalten nach einem Anschlag kurzfristig, kehren aber meist bald in den Alltag zurück. Gleichzeitig sind Eingriffe denkbar, die die persönliche Freiheit nachhaltig beeinflussen könnten. Populistische Politiker schüren Ängste, um Kontrolle auszubauen.

Persönlichkeitsrechte und Überwachung

Unter dem Eindruck einer Bedrohung sind manche bereit, Freiheiten aufzugeben, die lange als selbstverständlich galten – etwa Datenschutz oder die Ablehnung umfassender Videoüberwachung. Länder wie Israel nutzen bereits weitgehende Zugriffe auf private Kommunikation. In Deutschland wäre das eine massive Einschränkung persönlicher Rechte, zumal Taten von Einzeltätern dadurch nicht verhindert werden können.

Der Soziologe Wolfgang Bonß warnt: Für viele Deutsche gehe eine größere Bedrohung davon aus, nicht zu wissen, wer ihre Daten speichert und wofür, als durch Terroristen selbst.

Fazit: Dem Terror konstruktiv begegnen

Terroranschläge lassen sich weder zuverlässig vorhersagen noch vollständig verhindern. Auch Maßnahmen, die vermeintliche Sicherheit schaffen sollen, können zu Fehleinschätzungen führen. Gigerenzer verweist auf französische Schulen, die nach den Anschlägen das Rauchen auf dem Schulgelände erlaubten, weil draußen angeblich mehr Gefahr drohe – ein Beispiel dafür, wie falsche Risikoabwägungen entstehen können.

Wichtig ist:

  • mit Unsicherheit leben lernen
  • sich im Alltag nicht übermäßig einschränken lassen
  • Freiheitsrechte schützen und nicht leichtfertig aufgeben

Vor allem aber sollten wir nicht den Islam pauschal verurteilen, weil einzelne Personen sich radikalisieren. Ein intensiver kultureller Austausch hilft, Missverständnisse abzubauen und gemeinsame Lösungen zu finden.

Links

Wir müssen mit dem Terror leben – wie gelingt das, ohne durchzudrehen?
http://www.focus.de/politik/deutschland/israel-koennte-vorbild-sein-wir-muessen-mit-dem-terror-leben-wie-gelingt-das-ohne-durchzudrehen_id_5751428.html

"Lernen, mit der Unsicherheit zu leben"
http://www.zeit.de/wissen/2015-02/terrorismus-sicherheit-forschung-deutschland

Das Echo des Terrors. Wie hoch ist das Risiko eines Anschlages wirklich? Und was kann ich dagegen tun?
http://www.jetzt.de/terrorismus/wie-hoch-ist-das-risiko-eines-terroranschlages-wirklich

R+V-Studie „Die Ängste der Deutschen 2016“
https://www.ruv.de/presse/aengste-der-deutschen

Wir haben keine Angst
http://www.zeit.de/zeit-magazin/leben/2015-11/generation-y-angst-deutschland-einwanderer

Zuletzt geändert am 17.02.2026

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Themen:
Terror
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Über den Autor/die Autorin
Foto der lernando-Autorin Christine Kammerer

Christine Kammerer, Politologin M. A., Heilpraktikerin (Psychotherapie), freie Journalistin und Trainerin. Berufliche Stationen: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Bundeszentrale für politische Bildung, Deutscher Kinderschutzbund.

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