Grenzen bei Scherzen
Grenzen bei Scherzen
Zunächst einmal ist gemeinsames Lachen positiv. Es wirkt sich günstig auf unser seelisches und körperliches Wohlbefinden aus, weil Stresshormone reduziert werden. In einer Klassengemeinschaft, in der gelacht wird, werden Spannungen und Konflikte leichter abgebaut...
Humor in der Schule – zwischen Gemeinschaft, Kreativität und Kränkung
Lachen verbindet – das gilt auch und besonders für den Schulalltag. Gemeinsames Lachen stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl, löst Spannungen und fördert sogar die Kreativität. Gleichzeitig bergen viele Scherze oder Witze das Risiko, einzelne Kinder zu verletzen oder bloßzustellen. Humor ist positiv – aber er braucht Grenzen.
Warum Lachen so gesund ist
Lachen wirkt nachweislich auf Körper und Seele:
- es baut Stresshormone ab
- stärkt das Immunsystem
- verbessert die Stimmung
- fördert soziale Bindungen
Formen wie Lachyoga nutzen sogar „grundloses Lachen“, um die gesundheitsfördernden Effekte ganz bewusst herbeizuführen. Lehrer kennen es bestens: Teenager, die sich vor Lachen „ausschütten“, oft ohne dass Außenstehende den Auslöser kennen.
Auch im Krankenhaus wird Lachen eingesetzt: Krankenhaus‑Clowns besuchen schwer kranke Kinder, um ihnen ein Lächeln zu schenken und seelische Last zu lindern.
In einer Klassengemeinschaft wirkt Humor wie ein Ventil: Konflikte lassen sich leichter lösen und ein Wir‑Gefühl entsteht – sofern der Humor nicht verletzend wird.
Der Klassenclown – beliebt, aber oft problematisch
Fast jede Klasse hat ihn: den Klassenclown. Kinder, die ständig Witze machen, Grimassen schneiden oder andere zum Kichern bringen, suchen häufig:
- Anerkennung
- Ablenkung von eigenen Unsicherheiten
- Zugehörigkeit zur Gruppe
Viele später bekannte Comedians berichten, dass sie bereits in der Schulzeit Klassenclowns waren – oft aus biografisch schwierigen Situationen heraus (Armut, Verlust, Krankheit, Außenseiterrolle).
Heute können auch moderne Statussymbole zur Außenseiterrolle führen, z. B.:
- kein Smartphone
- keine Markenkleidung
- keine Urlaubsreisen
Für manche Kinder ist der Humor dann eine Art Bewältigungsstrategie.
Warum Klassenclowns den Unterricht stören können
Was lustig beginnt, endet oft störend:
- Unterrichtsabläufe werden unterbrochen
- Aufmerksamkeit der Lehrkraft wird gebunden
- der Klassenclown lernt selbst weniger
- andere können sich schlechter konzentrieren
Scherze haben Grenzen – besonders im Unterricht.
Wenn aus Scherzen Mobbing wird
Mobbing ist ein häufig unterschätztes Problem, da es oft subtil passiert:
- auf dem Schulweg
- in Pausen
- in Gruppen‑Chats
- hinter dem RĂĽcken einzelner SchĂĽler
Kränkende Witze oder abfällige Bemerkungen können Teil systematischen Ausschließens sein.
Beispiele für Scherze, die Mobbing verstärken können:
- „Blondinenwitze“ oder andere herabwürdigende Sprüche
- sĂĽffisantes Kichern beim Betreten des Raumes
- wiederholtes Verstecken von Materialien
- das Ablassen der Luft aus dem Fahrrad
- Lebensmittel manipulieren (z. B. Abführmittel)
Solche „Scherze“ dienen dazu, jemanden bewusst zu schwächen, lächerlich zu machen oder zu isolieren. Typische Rechtfertigungen wie „War doch nur Spaß!“ verschleiern die tatsächliche Absicht.
Gefährliche Rituale
Besonders heikel sind inoffizielle Aufnahmerituale in Internaten oder Gruppen, die:
- erniedrigend
- entwĂĽrdigend
- gefährlich
sein können. Solche Situationen führen zu körperlichen oder seelischen Schäden – in extremen Fällen sogar zu Suiziden.
Cybermobbing – Humor im digitalen Raum
Smartphones und soziale Medien verstärken humorbezogene Problematiken:
- Emojis wie lol, rofl oder sarkastische Abkürzungen können kränkend wirken
- Bedeutung ist oft unklar und verunsichert Betroffene
- Humor wird online schnell „inflationär“ eingesetzt
- Inhalte verbreiten sich schneller und bleiben länger sichtbar
Ein wichtiger Baustein moderner Medienerziehung ist daher, Kindern zu vermitteln, wie Humor digital wirken kann – und wo Grenzen überschritten werden.
Humor als Projektthema im Unterricht
Das Thema „Scherze, Humor und Witze“ eignet sich hervorragend für fächerübergreifende Projekte, besonders im Bereich interkultureller Bildung und Inklusion:
- Humor ist kulturabhängig
- Menschen mit Behinderungen werden häufig Ziel abwertender Witze
- Stereotype und Vorurteile spielen eine groĂźe Rolle
Schülerinnen und Schüler können lernen:
- welche Scherze verletzend sind
- wie Humor in anderen Ländern funktioniert
- wie Wortspiele, Sprichwörter und Ironie entstehen
- welche Grenzen Humor haben sollte
Auch der Ethik‑, Deutsch‑ und Fremdsprachenunterricht bietet vielfältige Möglichkeiten, Humor didaktisch einzusetzen.
Wichtige Reflexionsfragen fĂĽr den Unterricht
- Darf man Witze ĂĽber bestimmte Gruppen machen?
- Ist Humor immer freie Meinungsäußerung?
- Wo endet Humor und wo beginnt Verletzung?
- Warum lachen wir über „Streiche“ in Sendungen wie Verstehen Sie Spaß??
- Wie gehen wir mit digitalen Witzen und peinlichen Fotos um?
- Welche Regeln braucht unsere Klasse?
Kommentar: Humor ja – aber mit Verantwortung
Schulen sind keine humorfreien Räume. Aber sie sind auch keine Kabaretts.
Da Kinder schulpflichtig sind und Lehrkräfte dort arbeiten, müssen Scherze unbedingt Rücksicht nehmen auf:
- religiöse Gefühle
- persönliche Grenzen
- seelische Verfassung
- körperliche Unversehrtheit
- individuelle Lebenssituationen
Ziel ist, eine „Scherzkompetenz“ zu entwickeln: Humor verantwortungsbewusst nutzen, andere nicht verletzen und bei unbeabsichtigten Kränkungen offen kommunizieren und sich entschuldigen.
Wer lernt, über sich selbst zu lachen, wächst an seiner Persönlichkeit – aber nur dann, wenn Humor auf Respekt basiert.
Hildegard Dierks arbeitet seit vielen Jahren als Online-Autorin und Online-Redakteurin für verschiedene Zielgruppen, z.B. Eltern. Zu ihren Themenschwerpunkten zählen alle Themen rund um Grundschule, Fremdsprachenlernen, Musikerziehung, computergestütztes Lernen aber auch schulpolitische Themen.