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Die hundert Sprachen der Kinder - Reggio-Pädagogik

Im Sandkasten spielende Kinder
Wissen und Bildung
© drubig-photo - Fotolia.com
von Ulrike Lindner

Die Reggio-Pädagogik ist nach der italienischen Stadt Reggio Emilia benannt. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich in den dortigen Kindergärten eine neue Erziehungsphilosophie, die maßgeblich von dem Pädagogen und Psychologen Loris Malaguzzi geprägt wurde.

Lesedauer:
3 min

Die Reggio‑Pädagogik – Lernen in „100 Sprachen“

Die Reggio‑Pädagogik zählt heute weltweit zu den einflussreichsten frühpädagogischen Konzepten. Im Mittelpunkt steht das wahrnehmende, forschende und sich selbst bildende Kind, das seine Welt aktiv gestaltet und seine Erfahrungen „in 100 Sprachen“ ausdrückt. Gemeint sind damit alle Ausdrucksformen, durch die Kinder lernen – nicht nur Sprache, sondern auch:

  • Bewegung
  • Rollenspiel
  • Tanz
  • Musik
  • Malen & Gestalten
  • Forschen & Entdecken

Kinder kommunizieren auf vielen Ebenen – und die Reggio‑Pädagogik macht genau diese Vielfalt sichtbar und nutzbar.


Kinder als aktive Entdecker

Zentraler Gedanke der Reggio‑Pädagogik:
👉 Kinder lernen nicht durch vorgefertigte Lösungen, sondern durch eigenes Erforschen.

Statt fertige Aufgaben zu geben, stellen Fachkräfte Materialien, Räume und Impulse bereit, mit denen Kinder experimentieren können.

Erzieherinnen und Erzieher verstehen sich dabei nicht als Anleiter, sondern als:

  • Beobachter,
  • Begleiter,
  • Mitforschende.

Das Kind gilt als „Konstrukteur seiner eigenen Entwicklung und seines Wissens“ – es gestaltet seinen Lernprozess eigenständig und kompetent.

Themen entstehen aus Interessen der Kinder

Was im Kindergarten passiert, ergibt sich aus den Impulsen der Kinder. Daraus entstehen oft längerfristige Projekte wie:

  • Regenbogen
  • Jahreszeiten
  • Tiere
  • Schatten & Licht
  • Wasser & Naturphänomene

Diese Projekte verbinden Alltagsbeobachtungen mit kreativem Forschen – immer ausgehend von der kindlichen Neugier.


Der Raum als „dritter Erzieher“

Eine Besonderheit der Reggio‑Pädagogik ist die zentrale Bedeutung der Raumgestaltung.
Der Raum soll:

  • zum Forschen und Entdecken anregen,
  • ästhetisch gestaltet sein,
  • RĂĽckzugsorte bieten,
  • Lernprozesse sichtbar machen.

Sprechende Wände

An den Wänden werden dokumentiert:

  • Fotos
  • Zeichnungen
  • Notizen
  • Projektdokumentationen

So sehen die Kinder ihre eigenen Lernwege – das stärkt:

  • Selbstwirksamkeit
  • Reflexion
  • Wertschätzung der eigenen Arbeit

Materialien im Raum

Neben Kunstdrucken, Spiegeln, Lichtquellen und Naturmaterialien finden sich oft:

  • Rohre, Schläuche
  • Holz, Bretter, Kisten
  • Spiegel fĂĽr Lichtspiele
  • Lupen, Fernrohre, Mikroskope
  • Taschenlampen
  • Alltagsgegenstände

Diese Materialien laden zu offenen Experimenten und neuen Perspektiven ein.


Die „Piazza“ – Herzstück des Reggio‑Kindergartens

Reggio‑Einrichtungen orientieren sich an der Struktur eines italienischen Dorfes.
Eine zentrale Piazza dient als:

  • Treffpunkt
  • Kommunikationsraum
  • Ort fĂĽr Präsentationen
  • Gemeinschaftsfläche

Von der Piazza aus liegen:

  • Werkstätten
  • Ateliers
  • Bewegungsräume
  • RĂĽckzugsräume
  • Forscherbereiche

Ateliers und Werkstätten – Räume für künstlerisches Lernen

Kreativität spielt im Reggio‑Konzept eine große Rolle. In den Ateliers finden Kinder vielfältige Materialien:

  • Farben, Kreiden, Stifte
  • Ton, Holz, Stein
  • Stoffe, Naturmaterialien
  • Werkzeuge fĂĽr handwerkliches Gestalten

Künstlerisches Arbeiten ist nicht „Basteln“, sondern ein Weg der Weltaneignung: Kinder drücken ihre Gedanken, Gefühle und Hypothesen gestalterisch aus – eine weitere der berühmten „100 Sprachen“.


Reggio‑Pädagogik in der Praxis

Reggio ist kein starres Programm, sondern eine Haltung:

  • Kinder ernst nehmen
  • ihre Fragen aufgreifen
  • Lernprozesse dokumentieren
  • Räume anregend gestalten
  • offene Projekte ermöglichen
  • Kreativität und Forschergeist fördern

Die Reggio‑Pädagogik verlangt eine hohe Professionalität und Beobachtungskompetenz der Fachkräfte – belohnt aber mit besonders intensiven, tiefen Lernprozessen.

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Themen:
Reggio
Pädagogik
Kindergarten
Ăśber den Autor/die Autorin
Foto der lernando-Autorin Ulrike Lindner

Ulrike Lindner hat Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Hochschule der KĂĽnste, Berlin, studiert. Sie arbeitet als freie Journalistin, Werbetexterin und Moderatorin.

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