Direkt zum Inhalt

Alte MĂ€rchen neu entdeckt

Mutter ließt Tochter etwas aus einem MĂ€rchenbuch vor
Freizeit und Erholung
© Bild von gpointstudio auf Freepik
von Jörg Sauer

Kennen Sie die Bitte: "Noch mal!“? Das rufen Kinder hĂ€ufig spontan nach dem Ende eines erzĂ€hlten oder vorgelesenen MĂ€rchens. Die Sprache, die Gestik und die Mimik fesselten sie so sehr. Mit Herz und Seele sind die Kinder dabei, um das gerechte Ende zu erleben.

Kommen Sie mit auf eine kleine MĂ€rchenreise und erleben Sie weitere Möglichkeiten, unsere „alten“ MĂ€rchen Ihrem Kind vertrauter zu machen.

Lesedauer:
3 min

Die Geschichte der MĂ€rchen

MĂ€rchen gehören zu den Ă€ltesten literarischen Formen. Das mittelhochdeutsche Wort maere bedeutet „Kunde, Bericht, Nachricht“ und verweist auf ihren ursprĂŒnglichen Charakter: MĂ€rchen wurden ĂŒber lange Zeit mĂŒndlich weitererzĂ€hlt, bevor man sie aufschrieb.

Im deutschsprachigen Raum prĂ€gten besonders die BrĂŒder Jacob und Wilhelm Grimm die MĂ€rchentradition. Zwischen 1812 und 1858 veröffentlichten sie ihre „Kinder- und HausmĂ€rchen“, die bis heute zu den bekanntesten VolksmĂ€rchen zĂ€hlen.

Davon unterscheiden sich sogenannte KunstmÀrchen. Diese wurden bewusst von einer Autorin oder einem Autor verfasst. Bekannte Beispiele stammen von Hans Christian Andersen oder Wilhelm Hauff.

FĂŒr Kinder ist der Unterschied leicht nachvollziehbar: VolksmĂ€rchen wurden zunĂ€chst ĂŒber Generationen weitererzĂ€hlt, wĂ€hrend KunstmĂ€rchen von einer bestimmten Person geschrieben wurden.

Merkmale von MĂ€rchen

MÀrchen lassen sich an vielen typischen Elementen erkennen. Wenn Sie gemeinsam mit Ihrem Kind ein MÀrchen lesen oder hören, können Sie darauf achten, welche dieser Merkmale darin vorkommen.

Viele MĂ€rchen beginnen mit der bekannten Formulierung „Es war einmal 
“ und enden mit einem glĂŒcklichen Ausgang. HĂ€ufig siegt das Gute ĂŒber das Böse, und die Rollen der Figuren sind klar voneinander abgegrenzt. Außerdem begegnen den Heldinnen und Helden oft magische Helfer, sprechende Tiere oder fantastische Wesen.

Typisch sind außerdem wiederkehrende Aufgaben, PrĂŒfungen und bestimmte Zahlen. Wer solche Gemeinsamkeiten in verschiedenen Geschichten entdeckt, schult ganz nebenbei das genaue Lesen und Verstehen.

Insgesamt werden hĂ€ufig zwölf typische Merkmale von MĂ€rchen unterschieden. Es kann Spaß machen, gemeinsam herauszufinden, welche davon in einem bestimmten MĂ€rchen vorkommen.

MĂ€rchen und Zahlen

Bestimmte Zahlen tauchen in MÀrchen besonders hÀufig auf und haben oft eine symbolische Bedeutung.

Die Drei begegnet uns zum Beispiel bei drei BrĂŒdern, drei PrĂŒfungen oder drei WĂŒnschen. Sie wird traditionell mit Vollkommenheit und göttlicher Ordnung verbunden.

Auch die Sieben kommt hĂ€ufig vor. Bekannte Beispiele sind die sieben Geißlein oder die sieben Zwerge. Traditionell gilt sie als besondere oder heilige Zahl.

Die Zwölf steht hĂ€ufig fĂŒr etwas VollstĂ€ndiges oder Vollendetes. Man kennt sie beispielsweise von den zwölf Monaten oder aus MĂ€rchen mit zwölf Königssöhnen. Als Gegenpol wird oft die Dreizehn genannt, die traditionell als UnglĂŒckszahl gilt.

Mit Kindern können Sie beim Lesen bewusst nach solchen Zahlen suchen. So wird aus dem MÀrchen ganz nebenbei eine kleine Entdeckungsaufgabe.

MĂ€rchenmotive entdecken

Auch bestimmte Orte, GegenstĂ€nde und GegensĂ€tze begegnen in vielen MĂ€rchen immer wieder. Dazu gehören zum Beispiel der Wald, der Brunnen, Blumen, Armut und Reichtum sowie TĂŒren, BrĂŒcken oder andere ÜbergĂ€nge.

Solche wiederkehrenden Motive bieten einen guten Anlass, mit Kindern ĂŒber eine Geschichte zu sprechen. Fragen Sie beispielsweise: Warum geht die Figur in den Wald? Was verĂ€ndert sich, nachdem sie eine TĂŒr durchschritten hat? Welche Bedeutung könnte ein bestimmter Gegenstand haben?

Dabei geht es nicht darum, dass Kinder eine bestimmte Interpretation finden mĂŒssen. Viel wichtiger ist, dass sie genau hinschauen, Vermutungen Ă€ußern und ihre Gedanken mit der Geschichte begrĂŒnden.

MĂ€rchen gemeinsam lesen und verstehen

MĂ€rchen eignen sich gut, um Kinder zu Hause beim Lesen und beim TextverstĂ€ndnis zu unterstĂŒtzen. Die meist klaren HandlungsablĂ€ufe und wiederkehrenden Elemente erleichtern es, Geschichten nachzuvollziehen.

Nach dem Lesen können Sie Ihr Kind beispielsweise erzÀhlen lassen, was zuerst passiert ist, welches Problem die Hauptfigur lösen musste und wie die Geschichte ausgegangen ist.

Auch kleine Fragen helfen dabei, genauer ĂŒber einen Text nachzudenken: Wer ist die wichtigste Figur? Was möchte sie erreichen? Wer hilft ihr? Welche Stelle war besonders spannend oder ĂŒberraschend?

So ĂŒbt Ihr Kind, wichtige Informationen aus einem Text herauszufiltern und eine Geschichte mit eigenen Worten wiederzugeben.

Vorlesen und ErzÀhlen als Ritual

Gerade am Abend kann gemeinsames Vorlesen oder ErzĂ€hlen zu einem schönen Familienritual werden. MĂ€rchen bieten dabei viele Gelegenheiten, neue Wörter kennenzulernen, Fantasie zu entwickeln und gemeinsam ĂŒber Geschichten zu sprechen.

Beginnen Sie ruhig frĂŒh mit dem Vorlesen. Wenn Ihr Kind selbst lesen lernt, kann es zunĂ€chst einzelne Wörter, SĂ€tze oder kurze Abschnitte ĂŒbernehmen. SpĂ€ter kann es lĂ€ngere Passagen selbst lesen oder ein bereits bekanntes MĂ€rchen mit eigenen Worten weitererzĂ€hlen.

Wichtig ist dabei nicht, jeden Fehler sofort zu verbessern. Im Mittelpunkt sollte die Freude an der Geschichte stehen.

Die MĂ€rchenkiste

Mit einer MÀrchenkiste können Kinder Geschichten nicht nur lesen oder hören, sondern auch spielerisch nachvollziehen.

DafĂŒr wird zunĂ€chst ein Karton gestaltet. Anschließend kommen GegenstĂ€nde hinein, die zu einem ausgewĂ€hlten MĂ€rchen passen. FĂŒr „Dornröschen“ könnten das beispielsweise kleine Rosen, Figuren, das Bild eines Schlosses oder eine gebastelte Spindel sein.

Bitten Sie Ihr Kind anschließend, die GegenstĂ€nde der Geschichte zuzuordnen oder das MĂ€rchen mithilfe der Dinge nachzuerzĂ€hlen.

FĂŒr Ă€ltere Kinder können Sie die Aufgabe etwas schwieriger gestalten: Legen Sie verschiedene GegenstĂ€nde in die Kiste und lassen Sie Ihr Kind herausfinden, zu welchem MĂ€rchen sie gehören.

So werden Erinnerungsvermögen, Wortschatz und freies ErzÀhlen miteinander verbunden.

MÀrchen nacherzÀhlen

Das NacherzÀhlen ist eine einfache Möglichkeit, das TextverstÀndnis zu fördern.

Nachdem Sie gemeinsam ein MÀrchen gelesen haben, kann Ihr Kind versuchen, die Geschichte mit eigenen Worten wiederzugeben. Helfen können dabei Fragen wie: Was geschah am Anfang? Was war das Problem? Was passierte danach? Wie wurde das Problem gelöst?

JĂŒngere Kinder können die Handlung zunĂ€chst anhand von Bildern oder GegenstĂ€nden erzĂ€hlen. Ältere Kinder können versuchen, die wichtigsten Ereignisse in der richtigen Reihenfolge zusammenzufassen.

MĂ€rchenspiel

Viele Kinder schlĂŒpfen gern selbst in die Rollen einer Geschichte. WĂ€hlen Sie gemeinsam ein MĂ€rchen aus und ĂŒberlegen Sie, welche Figuren darin vorkommen.

Anschließend können die Rollen verteilt und einfache Requisiten gebastelt werden. Es reicht bereits, einzelne Szenen nachzuspielen. Wer möchte, kann daraus eine kleine AuffĂŒhrung fĂŒr die Familie machen.

Ein einfacher Einstieg ist beispielsweise „Hase und Igel“, weil die Figuren klar erkennbar und die Handlung leicht nachzuspielen sind.

Beim Spielen setzen sich Kinder intensiv mit der Geschichte auseinander und ĂŒben gleichzeitig Sprache, Ausdruck und freies ErzĂ€hlen.

Ein anderes Ende erfinden

Eine besonders kreative Aufgabe besteht darin, ein bekanntes MÀrchen zu verÀndern.

Fragen Sie Ihr Kind zum Beispiel: Was wĂ€re passiert, wenn RotkĂ€ppchen den Wolf sofort erkannt hĂ€tte? Was hĂ€tte HĂ€nsel anders machen können? Oder wie wĂŒrde Schneewittchen heute leben?

JĂŒngere Kinder können ihre Ideen erzĂ€hlen oder malen. Kinder, die bereits sicherer schreiben, können ein neues Ende selbst aufschreiben.

So verbindet sich das genaue VerstĂ€ndnis der ursprĂŒnglichen Geschichte mit Fantasie und eigenen Ideen.

MĂ€rchen vergleichen

Wer mehrere MÀrchen kennt, kann Gemeinsamkeiten und Unterschiede suchen. Kommen in beiden Geschichten Tiere vor? Gibt es eine böse Figur? Muss die Hauptfigur eine Aufgabe lösen? Tauchen die Zahlen Drei oder Sieben auf?

Solche Vergleiche helfen Kindern dabei, typische Strukturen zu erkennen und Geschichten bewusster zu lesen.

Auch VolksmĂ€rchen und KunstmĂ€rchen können miteinander verglichen werden. Dabei muss es nicht um komplizierte Fachbegriffe gehen. Schon die Frage „Was ist bei diesen beiden Geschichten Ă€hnlich und was ist anders?“ regt zum genauen Lesen an.

MĂ€rchenbilder aus Naturmaterialien

MĂ€rchen lassen sich auch mit einem Spaziergang verbinden. Lesen oder erzĂ€hlen Sie zunĂ€chst gemeinsam eine Geschichte und sammeln Sie anschließend draußen Naturmaterialien wie BlĂ€tter, Zweige, Steine, Zapfen oder Moos.

Zu Hause kann Ihr Kind daraus eine Szene oder ein Symbol aus dem MĂ€rchen legen. Das Bild kann fotografiert oder auf feste Pappe geklebt werden.

Anschließend kann Ihr Kind erklĂ€ren, welche Szene dargestellt ist und warum es bestimmte Materialien ausgewĂ€hlt hat. So verbinden sich Naturerlebnis, KreativitĂ€t und ErzĂ€hlen.

MĂ€rchenhafte RĂ€tsel

RĂ€tsel sind eine spielerische Möglichkeit, zu ĂŒberprĂŒfen, wie gut eine Geschichte verstanden und behalten wurde.

Sie können zum Beispiel fragen: Welche Figur trÀgt eine rote Kappe? Wer verliert einen Schuh? In welchem MÀrchen gibt es sieben Zwerge? Wer muss Stroh zu Gold spinnen?

Spannender wird es, wenn Ihr Kind anschließend selbst RĂ€tsel erfindet. DafĂŒr muss es ĂŒberlegen, welche Informationen typisch fĂŒr eine Figur oder Geschichte sind, ohne die Lösung sofort zu verraten.

MĂ€rchen unterwegs entdecken

MĂ€rchen mĂŒssen nicht nur zu Hause stattfinden. TheaterauffĂŒhrungen, MĂ€rchenfilme, Schlösser, Museen oder Veranstaltungen mit MĂ€rchenerzĂ€hlerinnen und MĂ€rchenerzĂ€hlern können Geschichten noch einmal auf eine andere Weise erlebbar machen.

Auch AusflĂŒge in Regionen, die mit den BrĂŒdern Grimm oder einzelnen MĂ€rchen verbunden sind, können fĂŒr Familien interessant sein.

Nach einem solchen Erlebnis können Sie mit Ihrem Kind darĂŒber sprechen, was sich von der gelesenen Geschichte unterschieden hat. Gerade der Vergleich zwischen Buch, Film und Theater fördert ein bewussteres VerstĂ€ndnis von Geschichten.

MĂ€rchen und Geburtstag

Auch ein Kindergeburtstag kann unter einem MĂ€rchenmotto stehen. Bei „Auf Schneewittchens Spuren“ können beispielsweise passende Spiele, Verkleidungen und Dekorationen aufgegriffen werden.

Eine kleine Schatzsuche mit Fragen zu bekannten MĂ€rchen verbindet Bewegung und RĂ€tselspaß. Dabei können die Aufgaben an das Alter der Kinder angepasst werden.

MÀrchen bieten damit viele Möglichkeiten, Lesen, Zuhören, ErzÀhlen, KreativitÀt und gemeinsames Lernen miteinander zu verbinden. Entscheidend ist, dass die BeschÀftigung mit den Geschichten spielerisch bleibt und zum Alter und Interesse des Kindes passt.

MĂ€rchenhafte Linktipps

Quellen

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%A4rchen
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Grimms_M%C3%A4rchen
  3. https://www.heiligenlexikon.de/Glossar/Zahlenmystik.html

Zuletzt geÀndert am 07.09.2026

Beitrag teilen:
Themen:
MĂ€rchen
Vorlesen
gemeinsam Lesen
Geschichten
Lesen
Über den Autor/die Autorin
Foto des lernando-Autors Jörg Sauer

Jörg Sauer ist ausgebildeter Grundschullehrer und unterrichtet seit ĂŒber 20 Jahren an einer Schule. Neben der LehrertĂ€tigkeit fĂŒhrte er in den vergangenen Jahren zahlreiche Weiterbildungen ĂŒber die Nutzung von Neuen Medien im Unterricht durch.

Weitere BeitrÀge lesen