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Kochen als Schulfach

Köche beim Gemüseschneiden
Wissen und Bildung
© stock.adobe.com/davit85
von Christine Kammerer

Was versteht man eigentlich unter artgerechter Tierhaltung? Wie baut man Obst und Gemüse an? Wie werden Lebensmittel heute produziert und vermarktet? Wie verwertet man natürliche Ressourcen schonend und effizient, also möglichst ohne Abfall zu produzieren? Kochen, Vorratshaltung und Hygiene – das sind Themen, die man an den allermeisten deutschen Schulen vergeblich suchen wird und Platz beim Kochen als Schulfach einnehmen sollten.

Lesedauer:
3 min

Kochen in der Schule – warum Ernährungskompetenz heute wichtiger ist denn je

Bestenfalls taucht Ernährung bislang als Randthema in anderen Fächern auf. Lange wurde angenommen, dass Fragen rund ums Kochen und Essen selbstverständlich im Elternhaus vermittelt werden. Doch diese Voraussetzung trifft zunehmend nicht mehr zu. Da in vielen Familien nur selten frisch gekocht wird, verlieren Kinder den Bezug zu Lebensmitteln – mit spürbaren Folgen: mangelnde Wertschätzung, fehlendes Bewusstsein für Inhaltsstoffe und ein deutlicher Anstieg von Fehl‑ und Überernährung bereits im Kindesalter.

Ein eigenes Schulfach Kochen könnte ein wirksamer Ansatz sein, diesen Entwicklungen entgegenzuwirken.

Kochen als Schulfach – mehr als eine Mahlzeit

Früher gehörte mindestens eine gemeinsame Mahlzeit am Tag selbstverständlich zum Familienalltag. Dabei entstanden Rituale: gemeinsam decken, essen, sich austauschen, Aufgaben teilen. Kinder kamen spielerisch mit Themen wie Lebensmitteln, Zubereitung und Nachhaltigkeit in Berührung.

Heute lösen sich diese Routinen zunehmend auf. Gemeinsame Essenszeiten verschwinden, Fertiggerichte ersetzen selbstgekochte Speisen, und viele Kinder erleben Ernährung vor allem als Fast‑Food‑Kultur. Ein Schulfach Kochen könnte solche grundlegenden Erfahrungen neu verankern.

Was verloren geht – und was Schule auffangen kann

  • Bewusstsein für gesunde Ernährung
  • Wertschätzung für Lebensmittel und Ressourcen
  • Erleben von Gemeinschaft beim Essen
  • Verständnis für Zubereitungsprozesse

All das ließe sich im schulischen Kontext gezielt fördern.

Mehr Wertschätzung für Lebensmittel

Der Ernährungsreport des BMEL zeigt: Je jünger die Befragten, desto geringer ihre Wertschätzung für Lebensmittel. Zwei Drittel aller Jugendlichen werfen mindestens einmal pro Woche Essen weg.

Deshalb fordert Landwirtschaftsminister Christian Schmidt Kochen als Schulfach – ein Vorschlag, dem in Umfragen rund 92 % der Teilnehmenden zustimmen. Viele halten das Thema für ebenso wichtig wie zentrale Schulfächer.

Die Kultusministerkonferenz lehnt ein eigenes Fach jedoch ab und verweist darauf, dass Ernährung bereits in verschiedenen Fächern vorkommt. Doch ein eigenständiges Fach könnte Inhalte konkretisieren und vertiefen.

Wenn Lobbyismus im Klassenzimmer sitzt – England als Vorbild

Trotz der Bedeutung des Themas fehlt eine flächendeckende Ernährungsbildung. Fachleute kritisieren zudem den Einfluss von Lebensmittelkonzernen wie Ritter Sport, Kellogg’s oder Dr. Oetker, die Unterrichtsmaterialien bereitstellen, in denen Sachinformation und Produktwerbung verschwimmen.

Ein Blick nach Großbritannien

Dort ist Kochen längst Pflichtfach. Die Entscheidung basiert auf einer klaren Abwägung: Übergewichtige Kinder werden häufig zu übergewichtigen Erwachsenen – mit enormen Folgekosten für das Gesundheitssystem. Die Schule soll früh ansetzen, um dem entgegenzuwirken.

Auch in Deutschland wären solche Maßnahmen sinnvoll: Bereits heute sind rund 15 % der Kinder und Jugendlichen übergewichtig, Tendenz steigend.

Alltagskompetenz als Schulfach – ein Schritt in Bayern

In Bayern soll das neue Fach „Alltagskompetenz und Lebensökonomie“ eingeführt werden. Es umfasst Themen wie Landwirtschaft, Klimawandel, Natur- und Ressourcenschutz – und auch Kochen und Ernährung. Ziel ist es, praktisches Alltagswissen zu vermitteln und den Wert von Lebensmitteln stärker ins Bewusstsein zu rücken.

Kritik aus den Schulen

Viele Gymnasialdirektorinnen und ‑direktoren sehen skeptisch darauf, dass immer mehr erzieherische Aufgaben an die Schulen verlagert werden. Doch langfristig werden Schulen angesichts gesellschaftlicher Entwicklungen verstärkt pädagogische Aufgaben übernehmen müssen – auch solche, die ursprünglich nicht zu ihrem klassischen Bildungsauftrag gehörten.

Fazit: Ernährungskompetenz ist eine Zukunftsaufgabe

Die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte zeigen deutlich: Ohne gemeinsame Rituale, ohne Kocherfahrungen und ohne Wissen über Lebensmittel verlieren Kinder elementare Kompetenzen.

Ein Schulfach Kochen – ob eigenständig oder in ein umfassenderes Fach eingebettet – könnte:

  • Wertschätzung für Lebensmittel stärken
  • Nachhaltigkeit und Gesundheitsbewusstsein fördern
  • praktische lebensnahe Fähigkeiten vermitteln
  • soziale Erfahrungen ermöglichen

Es wäre ein Schritt hin zu mehr Verantwortung – sowohl für die eigene Gesundheit als auch für Umwelt und Gesellschaft.

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Zuletzt geändert am 17.02.2026

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Themen:
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Über den Autor/die Autorin
Foto der lernando-Autorin Christine Kammerer

Christine Kammerer, Politologin M. A., Heilpraktikerin (Psychotherapie), freie Journalistin und Trainerin. Berufliche Stationen: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Bundeszentrale für politische Bildung, Deutscher Kinderschutzbund.

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