Vom Opfer zum Täter - Mobbing ist kein Kavaliersdelikt!
Vom Opfer zum Täter - Mobbing ist kein Kavaliersdelikt!
Beim Mobbing gibt es einen Täter und ein Opfer. Das ist die weit verbreitete Meinung und meist erscheint es auf den ersten Blick auch so, als ob sich beide Rollen klar identifizieren lassen. Doch meist ist der Verursacher einer Mobbing-Situation auch selbst ein Opfer und oft wird überhaupt erst dadurch zum Mobber. So werden aus Opfern Täter. Deswegen lohnt es sich bei Mobbing-Delikten ganz genau hinzusehen.
Konflikte verstehen – und Gewalt sofort stoppen
Welche Motive hinter einer Tat stehen oder welchen Anteil ein Opfer an einer misslichen Lage hat, lässt sich oft nur schwer klären. Häufig führt eine Analyse trotz großer Anstrengung ins Leere. In solchen Fällen gilt: Gewalt – ob verbal oder körperlich – muss sofort und klar unterbunden werden. Die dahinterliegenden Konflikte sollten anschließend mit professioneller Unterstützung aufgearbeitet werden.
Mobbing an der Schule
Rangeln, Streiten, Provozieren – all das gehört zum Schulalltag. Problematisch wird es jedoch, wenn einzelne Schülerinnen oder Schüler über längere Zeit systematisch schikaniert werden. Dann spricht man von Mobbing oder, im englischen Sprachraum, „Bullying“.
Formen und Folgen
Mobbing richtet sich häufig gegen Kinder und Jugendliche, die:
- passiv oder ängstlich wirken
- als schwächer gelten
- durch ihr Auftreten oder Verhalten provozieren
Mobbing kann direkt erfolgen – etwa durch Beschimpfungen oder körperliche Übergriffe – oder indirekt durch Ausgrenzung. In beiden Fällen sind die Folgen gravierend: Der Leidensdruck steigt, es kann zu Schulverweigerung kommen, im Extremfall sogar zu Suizidgedanken. Eine objektive Klärung der Schuldfrage fällt häufig schwer; vorschnelle Schuldzuweisungen helfen niemandem.
Mobbing – schwierige Ursachenforschung
Jugendliche, die gemobbt werden, empfinden sich selbst als Opfer – und ihr Umfeld nimmt sie oft ebenfalls so wahr. Tatsächlich erleben viele junge Menschen Anfeindungen ohne eigenes Zutun. Doch aus Sicht Gleichaltriger ist das Bild komplexer.
Unterschiedliche Perspektiven
Eine schwedische Studie der Forscher Robert Thornberg und Sven Knutsen zeigte:
- 69 % der befragten Jugendlichen machten das Opfer selbst für die Situation verantwortlich.
- Als Auslöser gelten aus ihrer Sicht vor allem Unsicherheit, mangelndes Selbstbewusstsein oder ein auffälliges Bedürfnis nach Anerkennung.
- 42 % glaubten, dass „Anderssein“ oder „Komischsein“ Mobbing begünstige.
Während Wissenschaftler wie Wolfgang Melzer Mobbing stärker mit dem Schulklima in Verbindung bringen, sehen Jugendliche die Gründe eher in der Person der Betroffenen. Diese Diskrepanz verdeutlicht, wie schwierig es ist, Schuld eindeutig zuzuordnen.
Vom Opfer zum Täter?
Das Verhalten mancher Betroffenen kann – bewusst oder unbewusst – provozierende Elemente enthalten, etwa verdeckte Aggression. In solchen Fällen kann sich die Rollenverteilung verschieben: Der eigentliche Verursacher wirkt nach außen wie ein Opfer. Deshalb empfehlen Fachleute, weniger von „Tätern“ und „Opfern“ zu sprechen, sondern neutraler von Verursachern.
Prävention und Intervention bei Mobbing
Schülerinnen und Schüler, die in der Klassengemeinschaft schlecht integriert sind, tragen ein erhöhtes Risiko, ins Visier zu geraten. Fehlende Einbindung schafft Angriffsfläche und nimmt ihnen sozialen Schutz.
Sofortiges Eingreifen
Wer Mobbing beobachtet, sollte:
- unmittelbar eingreifen
- klare Grenzen setzen („Stopp“)
- sich auf konkrete inakzeptable Handlungen beziehen
Eine autoritative Intervention ist hier angemessen und notwendig.
Professionelle Unterstützung
Je nach Situation braucht es anschließend Gespräche mit den Beteiligten. Schulpsychologen, Beratungslehrkräfte oder Mediatoren können helfen, Hintergründe zu verstehen und Lösungen zu entwickeln. Entscheidend ist nicht, die Schuldfrage lückenlos zu klären, sondern den Konflikt nachhaltig zu lösen.
- Gewalttätige und aggressive Schüler: Mobbing-Typologie und pädagogische Handlungsmöglichkeiten
- Die Opfer sind auch Täter
Zuletzt geändert am 17.02.2026
Christine Kammerer, Politologin M. A., Heilpraktikerin (Psychotherapie), freie Journalistin und Trainerin. Berufliche Stationen: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Bundeszentrale für politische Bildung, Deutscher Kinderschutzbund.