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Der Streit um die Zensuren

Foto eines Mädchens mit Ranzen im Profil
Entwicklung und Erziehung
© Regine Schöttl - Fotolia.de
von Hildegard Dierks

Zensuren erhitzen immer wieder die Gemüter. Schüler beklagen sich, wenn sie sich in ihrer Leistung ungerecht benotet fühlen. Die Leistungsbewertung erscheint in der Regel als Wortgutachten oder Ziffer unter einer Klassenarbeit oder auf dem Zeugnis. Ein verantwortungsbewusster Lehrer bemüht sich sorgfältig um eine pädagogische Zensurenfindung, das heißt u. a. um eine lernfördernde Rückmeldung durch Zensuren während des ganzen Schuljahres. Wie sieht Streit um Zensuren, um die Leistungsbewertung von Schülern, aktuell aus?

Lesedauer:
3 min

Gute Noten, schlechtes Gefühl – was Zensuren heute bedeuten

Lernen für das Leben – und für die Bewertung

Kinder lernen in der Schule nicht nur für Klassenarbeiten und Zeugnisse, sondern vor allem für ihr weiteres Leben. Trotzdem spielen Noten im Schulalltag eine große Rolle. Sie sollen zeigen, welche Leistungen ein Kind erbracht und welche Kenntnisse oder Fähigkeiten es erworben hat.

Eine gute Note in Deutsch kann zum Beispiel darauf hinweisen, dass ein Kind sicher mit Sprache umgehen, Texte verstehen oder selbst gut schreiben kann. Dennoch lässt sich aus einer einzelnen Note oft nur schwer erkennen, welche konkreten Fähigkeiten tatsächlich dahinterstehen.

Auch die Vergleichbarkeit ist nicht immer einfach. Eine gute Leistung im Mathematik-Leistungskurs eines Gymnasiums stellt andere Anforderungen als eine gute Mathematiknote an einer Realschule. Für Eltern ist jedoch häufig nur schwer einzuschätzen, wie groß solche Unterschiede tatsächlich sind.

Deshalb lohnt es sich, Noten nicht isoliert zu betrachten. Gespräche mit dem Kind und mit den Lehrkräften können dabei helfen, besser zu verstehen, was bereits gut gelingt und wo noch Unterstützung sinnvoll ist.

Wenn Zensuren zur bildungspolitischen Diskussion werden

Wie vergleichbar sind Noten?

Eine häufig diskutierte Frage lautet, ob eine bestimmte Note überall dasselbe bedeutet. Ist beispielsweise ein „Gut“ in Mathematik in Bayern mit einem „Gut“ in Nordrhein-Westfalen vergleichbar?

Internationale und nationale Vergleichsstudien wie PISA oder TIMSS haben immer wieder Diskussionen darüber ausgelöst, wie unterschiedlich die schulischen Anforderungen und Leistungen in verschiedenen Regionen sein können.

Auch die Vorbereitung auf Vergleichsarbeiten oder Prüfungen kann Ergebnisse beeinflussen. Werden bestimmte Aufgabenformate intensiv geübt, können Schülerinnen und Schüler in Prüfungen möglicherweise besser abschneiden, ohne dass sich daraus automatisch Rückschlüsse auf ihre gesamte fachliche Kompetenz ziehen lassen.

Für Eltern bedeutet das: Eine Note ist immer nur ein Teil des Gesamtbildes. Ebenso wichtig sind Lernentwicklung, Verständnis, Motivation und die Fähigkeit, Wissen selbstständig anzuwenden.

Immer mehr sehr gute Abiturnoten

Bereits 2013 wurde in einem Artikel der Neuen Westfälischen darauf hingewiesen, dass sich seit Einführung des Zentralabiturs in Ostwestfalen-Lippe die Zahl der Abiturnoten 1,0 deutlich erhöht hatte.

Der Philologenverband sah darin unter anderem die Gefahr, dass sich besondere Spitzenleistungen weniger deutlich von anderen guten Leistungen unterscheiden lassen.

Die damalige nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann verwies dagegen auf die hohe Leistungsbereitschaft vieler Schülerinnen und Schüler. Gerade bei Studiengängen mit Numerus clausus sei der Druck groß, möglichst gute Abiturnoten zu erreichen.

Ob bessere Ergebnisse auf stärkere Prüfungsvorbereitung, veränderten Unterricht oder eine höhere Lernbereitschaft zurückzuführen sind, lässt sich nicht eindeutig beantworten.

Die Diskussion zeigt jedoch, dass Noten nicht nur individuelle Leistungen bewerten. Sie sind zugleich Teil eines größeren Bildungssystems und werden deshalb immer wieder kritisch hinterfragt.

Wenn Noten zum Streitfall werden

Widersprüche gegen Leistungsbewertungen

Besonders dann, wenn Noten weitreichende Folgen haben, entstehen zwischen Eltern, Kindern und Schule gelegentlich Konflikte.

Die Bezirksregierung Köln registrierte beispielsweise im Jahr 2010 mehr als 260 Widersprüche gegen schulische Leistungsbewertungen. Die meisten davon blieben ohne Erfolg.

Gerichte greifen grundsätzlich nicht einfach in die pädagogische Bewertung einer Lehrkraft ein. Bei Entscheidungen mit erheblichen Folgen, etwa einer Nichtversetzung oder der Zulassung zu einer Prüfung, kann jedoch geprüft werden, ob die vorgeschriebenen Verfahren eingehalten wurden.

Ein Beispiel aus Braunschweig

Ein Fall vor dem Verwaltungsgericht Braunschweig aus dem Jahr 2010 verdeutlicht, dass eine Zeugnisnote nicht allein aus dem mathematischen Durchschnitt einzelner Noten entstehen muss.

Bei einem Schüler war die Französischnote „mangelhaft“ ausschlaggebend dafür, dass er nicht versetzt werden sollte. Rechnerisch ergab sich ein Durchschnitt von 4,41. Die Lehrerin bewertete die Leistung dennoch mit „mangelhaft“, weil sich die Leistungen des Schülers gegen Ende des Schuljahres deutlich verschlechtert hatten.

Die Eltern klagten gegen die Entscheidung. Das Gericht bestätigte jedoch die Bewertung der Lehrerin. Eine Zeugnisnote müsse nicht automatisch dem rechnerischen Durchschnitt entsprechen, wenn eine abweichende Bewertung pädagogisch nachvollziehbar begründet werden könne.

Für Eltern ist dieser Punkt besonders wichtig: Zeugnisnoten entstehen häufig aus mehreren Leistungen und Beobachtungen. Deshalb kann es hilfreich sein, frühzeitig nachzufragen, wie eine Bewertung zustande kommt, anstatt ausschließlich einzelne Noten zusammenzurechnen.

Transparenz hilft bei Unsicherheit

Konflikte um Noten entstehen häufig dann, wenn Eltern oder Kinder nicht nachvollziehen können, wie eine Bewertung zustande gekommen ist.

Klare Bewertungskriterien und regelmäßige Rückmeldungen können hier viel Unsicherheit vermeiden. Eltern können ihr Kind unterstützen, indem sie sich erklären lassen, welche Anforderungen gelten und welche konkreten Schritte zu einer Verbesserung führen können.

Der Gang vor Gericht sollte dagegen nur in besonderen Ausnahmefällen eine Rolle spielen.

Ankreuzzeugnisse – mehr Informationen über das Lernen

Differenziertere Rückmeldungen statt nur einer Zahl

Vor allem in der Grundschule werden klassische Noten teilweise durch Wortgutachten oder sogenannte Ankreuzzeugnisse ergänzt.

Dabei wird nicht nur eine Gesamtnote vergeben. Stattdessen beurteilen Lehrkräfte einzelne Fähigkeiten und Lernbereiche.

Im Fach Musik können beispielsweise Aussagen bewertet werden wie „Zeigt Motivation beim Improvisieren“ oder „Erfasst Melodien und Texte schnell“.

Im Fach Mathematik lassen sich unterschiedliche Bereiche wie Arithmetik, Geometrie oder Sachrechnen getrennt betrachten. Dabei können Stufen wie „ausgeprägt vorhanden“ oder „teilweise vorhanden“ angekreuzt werden.

Für Eltern bietet diese Form der Rückmeldung einen wichtigen Vorteil: Sie können genauer erkennen, wo die Stärken ihres Kindes liegen und in welchen Bereichen noch Übungsbedarf besteht.

Mehr Informationen können auch Fragen aufwerfen

Gleichzeitig müssen solche Rückmeldungen verständlich formuliert sein. Eltern sollten erkennen können, was eine Aussage konkret für den Lernstand ihres Kindes bedeutet. Auch Kinder selbst sollten ihr Zeugnis möglichst verstehen können.

Eine differenzierte Bewertung beantwortet zudem nicht immer unmittelbar die Frage: „Ist mein Kind gut in Mathematik?“

Ein Kind kann beispielsweise sicher rechnen, aber Schwierigkeiten mit Sachaufgaben haben. Eine einzelne Note fasst diese Unterschiede zusammen, während eine ausführlichere Rückmeldung sie sichtbar macht.

Für Eltern kann genau darin der besondere Nutzen liegen. Statt sich nur auf eine Zahl zu konzentrieren, lässt sich gezielter überlegen, welche Fähigkeiten weiter gestärkt werden sollten.

Was Noten Eltern wirklich sagen können

Leistungsbewertung ist mehr als eine Rechnung

Eine Schulnote entsteht nicht ausschließlich durch das Zusammenzählen einzelner Ergebnisse. Lehrkräfte müssen Leistungen bewerten, gewichten und in einen fachlichen Zusammenhang einordnen.

Deshalb gehört ein bestimmter pädagogischer Beurteilungsspielraum zur Notengebung dazu.

Wichtig ist, dass die Kriterien möglichst transparent sind. Kinder sollten wissen, was von ihnen erwartet wird und warum sie eine bestimmte Bewertung erhalten haben.

Für Eltern ist diese Transparenz ebenfalls hilfreich. Sie ermöglicht es, ihr Kind gezielt zu unterstützen, ohne zusätzlichen Druck aufzubauen.

Statt ausschließlich zu fragen „Welche Note hast du bekommen?“, können Eltern beispielsweise genauer nachhaken: Was ist dir gut gelungen? Was war schwierig? Hast du verstanden, warum Fehler entstanden sind? Was möchtest du beim nächsten Mal anders machen?

Damit wird die Note zum Ausgangspunkt für weiteres Lernen und nicht zum alleinigen Maßstab für Erfolg.

Eine schlechte Note ist kein Urteil über das Kind

Noten beschreiben eine Leistung zu einem bestimmten Zeitpunkt. Sie sagen nicht aus, wie intelligent, fleißig oder wertvoll ein Kind ist.

Auch für spätere berufliche Wege sind einzelne Schulnoten nur ein Faktor unter vielen. Fähigkeiten, Interessen, praktische Erfahrungen, Arbeitsproben, Gespräche und persönliche Entwicklung spielen ebenfalls eine wichtige Rolle.

Deshalb kann es sinnvoll sein, eine schlechte Note zunächst gemeinsam einzuordnen. Lag es am fehlenden Verständnis? Wurde zu spät gelernt? War das Aufgabenformat ungewohnt? Haben Flüchtigkeitsfehler eine Rolle gespielt?

Je genauer Eltern und Kinder die Ursache erkennen, desto leichter lässt sich daraus ein sinnvoller nächster Lernschritt ableiten.

Wie Eltern mit Noten umgehen können

Eltern können ihrem Kind besonders helfen, wenn sie Noten weder überbewerten noch ignorieren. Gute Noten dürfen Anerkennung finden, sollten aber nicht die einzige Quelle für Lob sein. Ebenso sollte eine schlechte Note nicht automatisch zu Vorwürfen führen.

Hilfreicher ist es, Interesse am Lernprozess zu zeigen. Gemeinsam kann überlegt werden, was bereits gut funktioniert und wo Unterstützung notwendig ist.

Auch kleine Fortschritte verdienen Aufmerksamkeit. Ein Kind, das sich von einer Fünf auf eine Vier verbessert oder ein schwieriges Thema endlich verstanden hat, hat einen wichtigen Lernschritt gemacht – auch wenn die Zeugnisnote noch nicht „gut“ ist.

Noten können Orientierung geben. Für nachhaltiges Lernen ist jedoch entscheidender, dass Kinder verstehen, wie sie lernen, Fehler nutzen und Schritt für Schritt sicherer werden.

Buch- und Linktipps

Buchtipp:

Felix Winter
Leistungsbewertung:
Eine neue Lernkultur braucht einen anderen Umgang mit den Schülerleistungen
Schneider Verlag / 5. Auflage 2012

Zuletzt geändert am 11.02.2026

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Themen:
Zensuren
Noten
Zeugnis
Schule
Über den Autor/die Autorin
Foto der lernando-Autorin Hildegard Dierks

Hildegard Dierks arbeitet seit vielen Jahren als Online-Autorin und Online-Redakteurin für verschiedene Zielgruppen, z.B. Eltern. Zu ihren Themenschwerpunkten zählen alle Themen rund um Grundschule, Fremdsprachenlernen, Musikerziehung, computergestütztes Lernen aber auch schulpolitische Themen.

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