Der Streit um die Zensuren
Der Streit um die Zensuren
Zensuren erhitzen immer wieder die Gemüter. Schüler beklagen sich, wenn sie sich in ihrer Leistung ungerecht benotet fühlen. Die Leistungsbewertung erscheint in der Regel als Wortgutachten oder Ziffer unter einer Klassenarbeit oder auf dem Zeugnis. Ein verantwortungsbewusster Lehrer bemüht sich sorgfältig um eine pädagogische Zensurenfindung, das heißt u. a. um eine lernfördernde Rückmeldung durch Zensuren während des ganzen Schuljahres. Wie sieht Streit um Zensuren, um die Leistungsbewertung von Schülern, aktuell aus?
Gute Noten, schlechtes Gefühl – was Zensuren heute bedeuten
Lernen für das Leben – und für die Bewertung
In der Schule lernen wir fürs Leben – und wer gut lernt, erhält gute Noten. Eine gute Deutschnote kann vielleicht ein Hinweis darauf sein, dass jemand später gut schreiben oder journalistisch arbeiten wird. Grundsätzlich steht eine Zensur für eine bestimmte Fähigkeit oder erworbene Qualifikation. Doch nur selten ist eindeutig erkennbar, welche konkrete Kompetenz sich tatsächlich hinter einer guten Note verbirgt.
So zeigt etwa eine 11-Punkte-Leistung im Mathematik-Leistungskurs eines Gymnasiums ein anderes Niveau als die Note „gut“ einer Realschule – doch außerhalb schulischer Fachkreise versteht kaum jemand, was genau dieser Unterschied bedeutet.
Wenn Zensuren zur bildungspolitischen Diskussion werden
Vergleichbarkeit zwischen Bundesländern
Was bedeutet die Note „gut“ in Mathematik in Bayern im Vergleich zu derselben Note in Nordrhein-Westfalen? Internationale Vergleichsstudien wie PISA oder TIMSS werfen Zweifel auf, ob schulische Bewertungen bundesweit wirklich vergleichbar sind. Auch intensive Vorbereitung auf Vergleichsarbeiten kann das Ergebnis einer Note verändern.
Zunehmend sehr gute Abiturnoten – Glück oder Trend?
In einem Artikel der Neuen Westfälischen stellte 2013 Sandra Spieker fest: Seit Einführung des Zentralabiturs hat sich in Ostwestfalen-Lippe die Zahl der Abiturnoten 1,0 verdoppelt.
Der Philologenverband sieht darin einen Verlust an Differenzierung – echte Spitzenleistungen seien schwerer zu erkennen.
Die nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann hingegen argumentiert, viele Schülerinnen und Schüler zeigten hohe Leistungsbereitschaft, um die erforderlichen NC-Werte für Studiengänge zu erreichen.
Ob Unterricht stärker prüfungsorientiert ist oder Schülerinnen und Schüler sich gezielter vorbereiten – die Gründe bleiben Spekulation. Fest steht: Gute Noten werden häufiger hinterfragt, besonders wenn Schulen ihre Durchschnittsnoten öffentlich als „Aushängeschild“ präsentieren oder politische Maßnahmen damit gerechtfertigt werden.
Zensuren vor Gericht – wenn Noten zum Rechtsfall werden
Steigende Zahl an WidersprĂĽchen
Immer häufiger landen Notenstreitigkeiten vor Gericht. Die Bezirksregierung Köln registrierte allein 2010 über 260 Widersprüche gegen Leistungsbeurteilungen. Meist ohne Erfolg – doch bei wichtigen Entscheidungen wie Versetzungen oder Prüfungszulassungen prüfen Gerichte genauer, ob formale Fehler vorliegen oder Unterricht in ausreichendem Umfang stattfand.
Beispiel: Verwaltungsgericht Braunschweig
Ein Fall aus 2010 zeigt, dass Gerichte pädagogische Einschätzungen durchaus anerkennen. Ein Schüler sollte wegen mangelhafter Leistungen nicht versetzt werden, wobei eine Französisch‑Note „mangelhaft“ ausschlaggebend war. Trotz rechnerischem Durchschnitt von 4,41 entschied die Lehrerin auf „mangelhaft“, da die Leistungen zum Schuljahresende deutlich schlechter wurden.
Die Eltern klagten – das Gericht bestätigte jedoch die Bewertung. Abweichungen vom rechnerischen Mittel seien zulässig, sofern sie begründet werden.
Unsicherheit bei Lehrkräften
Mit zunehmenden Klagen wächst bei Lehrkräften die Sorge, für „harte“ Entscheidungen juristisch belangt zu werden. Geschäftsorientierte Anwälte veröffentlichen zudem pünktlich zu Zeugnisterminen auffällige Werbung – was vor allem Eltern ohne Hintergrundwissen in die Irre führen kann. Noten vor Gericht müssen Ausnahmefälle bleiben.
Ankreuzzeugnisse – neue Wege der Leistungsbewertung
Mehr Informationen durch differenzierte RĂĽckmeldungen
Vor allem in der Grundschule werden klassische Noten häufig durch Wortgutachten ergänzt. Neu im Fokus stehen sogenannte Ankreuzzeugnisse, die detaillierte Kriterien zu Fach- und Sozialkompetenzen enthalten.
Beispiele fĂĽr das Fach Musik:
- „Zeigt Motivation beim Improvisieren“
- „Erfasst Melodien und Texte schnell“
Im Fach Mathematik fallen die Kategorien meist differenzierter aus (Arithmetik, Geometrie, Sachrechnen etc.). Die Bewertung erfolgt durch Ankreuzen von Stufen wie „ausgeprägt vorhanden“ oder „teilweise vorhanden“.
Chancen und Herausforderungen
Die Kriterien befinden sich noch in der Erprobung. Die größte Herausforderung: Formulierungen müssen für alle Eltern verständlich sein – unabhängig von akademischem Hintergrund. Auch Kinder möchten ihre Zeugnisse begreifen.
Eltern erhalten mit Ankreuzzeugnissen differenziertere Rückmeldungen, aber oft keine einfache Antwort auf die klassische Frage: „Ist mein Kind gut in Mathe?“ Statt Klarheit kann dadurch auch Unsicherheit entstehen.
Ob Ankreuzzeugnisse den Sinn eines Zeugnisses erfĂĽllen oder eher Verwirrung stiften, wird sich erst in der Praxis zeigen.
Kommentar: Leistungsbewertung bleibt anspruchsvoll
Warum Notengebung mehr ist als Rechnen
Die Bewertung von Schülerleistungen bleibt eine zentrale pädagogische Aufgabe. Kein Computer kann die differenzierte Einschätzung einer Lehrkraft ersetzen. Egal ob Ziffernzensur oder Wortgutachten – ein gewisser Ermessensspielraum bleibt immer bestehen. Dieser Spielraum ist Grundlage fairer Pädagogik, aber auch eine Quelle für Konflikte.
Der Beamtenstatus schützt Lehrkräfte vor äußeren Einflüssen und ermöglicht unabhängige Entscheidungen. Gute Lehrkräfte schaffen Transparenz, erklären ihre Kriterien und bieten Schülerinnen und Schülern Unterstützung auf dem Weg zu guten Leistungen.
Menschlichkeit und Realitätsbezug
Im Zweifel die bessere Zensur zu geben, kann Schule menschlicher machen. Berufliche Chancen hängen ohnehin von weit mehr ab als von einzelnen Noten: Arbeitsproben, Vorstellungsgespräche oder Probetage spielen oft eine größere Rolle. Eine schlechte Note kann zudem durch gute Erklärungen oder Selbsteinschätzung relativiert werden.
Buch- und Linktipps
Buchtipp:
Felix Winter
Leistungsbewertung:
Eine neue Lernkultur braucht einen anderen Umgang mit den SchĂĽlerleistungen
Schneider Verlag / 5. Auflage 2012
Zuletzt geändert am 11.02.2026
Hildegard Dierks arbeitet seit vielen Jahren als Online-Autorin und Online-Redakteurin für verschiedene Zielgruppen, z.B. Eltern. Zu ihren Themenschwerpunkten zählen alle Themen rund um Grundschule, Fremdsprachenlernen, Musikerziehung, computergestütztes Lernen aber auch schulpolitische Themen.