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Helikopter-Eltern

ein Junge ist am Telefon und hinter ihm steht eine Frau
Entwicklung und Erziehung
© Markus Bormann - Fotolia.de
von Ulrike Lindner

Sie begleiten ihr Kind in die Schule, helfen ihm die Jacke aus- und die Hausschuhe anzuziehen und überwachen mit Argusaugen jeden Fortschritt in Deutsch oder Mathe. Auch in der Freizeit sind Helikopter-Eltern selten fern, wenn sie Tochter oder Sohn zum Geigenunterricht, Golfen oder Englisch-Training chauffieren, die Freunde bewirten und über jeden Schritt per Handy begleiten.

Lesedauer:
2 min

Helikopter-Eltern – Wenn elterliche Fürsorge zur Überbehütung wird

Die Präsenz von Eltern im Alltag ihrer Kinder ist heute so stark, dass Schulen und Universitäten bereits öffentlich zum „Draußenbleiben“ aufrufen. Vor einigen Monaten schlug sogar ein Grundschuldirektor in einem offenen Brief Alarm: Eltern, die ihre Kinder zur Schule fahren, parken häufig chaotisch vor dem Schulgelände und gefährden so andere.

Der Begriff Helikopter-Eltern beschreibt das Bild eines elterlichen Hubschraubers, der ständig über seinen Kindern kreist, um sie vor allen Gefahren und Herausforderungen des Alltags zu schützen. Dieser überbehütende Erziehungsstil wurde erstmals in den USA beobachtet, doch auch in Deutschland diskutieren Experten zunehmend, wie schädlich ständige Kontrolle und Überbehütung langfristig für Kinder sein können.

Helikopter-Eltern stehen damit im Spannungsfeld zwischen Fürsorge, Schutz und der Förderung von Selbstständigkeit, was sowohl Pädagogen als auch Eltern gleichermaßen beschäftigt.

Schädliche Auswirkungen des Erziehungsstils

Einige Erziehungsexperten, darunter der dänische Familientherapeut Jesper Juul, halten Überbehütung sogar für schädlicher als Vernachlässigung, Ignoranz oder Desinteresse. Eltern, die versuchen, ihre Kinder möglichst umfassend zu kontrollieren, handeln laut Fachleuten oft zum eigenen Vorteil: Sie möchten glückliche und erfolgreiche Kinder, um sich selbst als kompetent zu erleben.

Doch zu viel Fürsorge kann negative Folgen haben – besonders bei älteren Kindern und Jugendlichen. Fähigkeiten wie Selbstständigkeit, Problemlösungsvermögen und Resilienz bleiben auf der Strecke, wenn Eltern jedes Hindernis aus dem Weg räumen. Fachleute warnen davor, dass übermäßiges „Helikoptern“ eine Generation von unselbstständigen, anspruchsvollen Jugendlichen hervorbringen kann.

Stattdessen sei es wichtiger, Werte, emotionale Stabilität und Widerstandskraft zu vermitteln. Kinder sollten lernen, Schwierigkeiten eigenständig zu überwinden, um selbstbewusste und selbstständige Erwachsene zu werden.

Keine Panikmache bei Überhütung

Andere Experten warnen davor, das Phänomen der Helikopter-Eltern überzubewerten. Das Bedürfnis von Eltern, ihre Kinder zu schützen und ihnen einen guten Start ins Leben zu ermöglichen, sei keineswegs neu. Ähnlich wie die Jugend durch jede Generation kritisiert wird, ist auch die Kritik am Erziehungsstil von Eltern seit der Antike ein wiederkehrendes Thema.

Viele der Warnungen vor falschem Erziehungsstil („Eltern-Bashing“) hätten oft ein kommerzielles Motiv: Sie verunsichern Eltern und treiben sie in die Hände von selbsternannten Fachleuten sowie die Verkaufszahlen von Ratgeberliteratur in die Höhe.

Ob der Erziehungsstil tatsächlich so entscheidend für die Charakterbildung von Kindern ist, wie häufig behauptet wird, ist wissenschaftlich nicht eindeutig belegt. Für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen spielen zahlreiche Faktoren eine Rolle. Hinzu kommt, dass sich die Gesellschaft verändert hat: Mehr Einzelkinder, ein stärkerer Fokus auf die Bedürfnisse von Kleinkindern und ältere Eltern, die Familie als sinnstiftendes Projekt sehen, beeinflussen Erziehungsstile und das Aufwachsen der Kinder maßgeblich.

Fazit, so viele Experten, solle sein, Kinder altersgemäß zu fördern und auch das Fordern nicht zu vergessen. Nur durch Freiräume und eigene Erfahrungen könnte zudem Eigenständigkeit, Konfliktfähigkeit und weitere lebenswichtige Fertigkeiten trainiert werden.

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Themen:
Eltern
fürsorglich
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Kind
eingenständig
Über den Autor/die Autorin
Foto der lernando-Autorin Ulrike Lindner

Ulrike Lindner hat Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Hochschule der Künste, Berlin, studiert. Sie arbeitet als freie Journalistin, Werbetexterin und Moderatorin.

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