PubertÀt und Sitzenbleiben
PubertÀt und Sitzenbleiben
Circa 20 % der SchĂŒlerinnen und SchĂŒler bleiben im Laufe ihres SchĂŒlerlebens in der BRD einmal sitzen. Das wurde bereits vor mehr als 10 Jahren im Rahmen von PISA ermittelt. Ein beachtlicher Prozentsatz von SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern zeigt am Ende eines Schuljahres also nicht die notwendigen Leistungen, um in die nĂ€chst höhere Klassenstufe aufzurĂŒcken.
Sitzenbleiben in der PubertĂ€t: Warum die âEhrenrundeâ so hĂ€ufig vorkommt
Fast jede Familie kennt jemanden, der eine âEhrenrundeâ drehen musste. Auch viele spĂ€ter berĂŒhmte Persönlichkeiten haben in ihrer Schulzeit einmal wiederholt. Besonders hĂ€ufig trifft es Jugendliche wĂ€hrend der PubertĂ€t â eine Phase, in der sich Körper und Gehirn stark verĂ€ndern.
Was passiert im Gehirn? VerÀnderungen wÀhrend der PubertÀt
Umbauprozesse mit Folgen fĂŒr das Lernen
Die PubertĂ€t ist eine Zeit intensiver neurologischer Entwicklung. Das Gehirn wird neu strukturiert â mit diesen typischen Begleiterscheinungen:
- Stimmungsschwankungen
- impulsives Verhalten
- geringere FÀhigkeit, Risiken realistisch einzuschÀtzen
- schwankende Konzentration und Motivation
Diese VerĂ€nderungen können dazu fĂŒhren, dass vormals gute SchĂŒlerinnen und SchĂŒler plötzlich:
- unmotiviert wirken
- sich schlechter konzentrieren
- stark schwankende Leistungen zeigen
- Defizite in sog. SekundĂ€rtugenden (FleiĂ, Ordnung, SelbststĂ€ndigkeit) aufweisen
Auch körperliche VerĂ€nderungen verunsichern manche Jugendliche. Schlechte Noten und drohendes Sitzenbleiben können daher biologisch mitbedingt sein â aber oft nicht alleinige Ursachen.
Kontakt halten und Vorbild bleiben
Beziehung als pÀdagogische Grundlage
Gerade jetzt ist es wichtig, den Kontakt zum Jugendlichen nicht abbrechen zu lassen. Nur wenn LehrkrÀfte und Eltern erreichbar bleiben, kann ein junger Mensch Hilfe annehmen.
In Versetzungskonferenzen wird nicht ausschlieĂlich nach Noten entschieden. Eine wesentliche Rolle spielt die Prognose, ob der SchĂŒler oder die SchĂŒlerin das nĂ€chste Schuljahr bewĂ€ltigen kann.
Wer einen guten Draht zum Jugendlichen hat, kann realistisch einschÀtzen:
- Wie belastbar ist er?
- Wie ernst nimmt sie ihre eigenen Ziele?
- Wie gut kann er sich organisieren?
Lehrer und Eltern wirken in dieser Zeit vor allem durch Vorbildverhalten: ruhig bleiben, lösungsorientiert denken, nicht auf emotionale Ăberreaktionen einsteigen.
Sitzenbleiben â abschaffen oder beibehalten?
Das Stigma vs. der Nutzen
Sitzenbleiben wird von vielen SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern gefĂŒrchtet:
- Verlust des gewohnten Klassenverbands
- Lernen mit jĂŒngeren SchĂŒler*innen
- soziale Unsicherheit, besonders bei körperlich weiter entwickelten Jugendlichen
Dennoch zeigt eine Forsa-Umfrage im Auftrag des Philologenverbandes:
85âŻ% der SchĂŒlerinnen und SchĂŒler möchten das Sitzenbleiben nicht abschaffen.
Sie sehen darin Chancen:
- Defizite in KernfÀchern ausgleichen
- Schulabschluss möglicherweise doch noch schaffen
Pro und Contra im Ăberblick
Argumente pro Sitzenbleiben:
- intensive individuelle Förderung
- motivierendes Element (âIch will es dieses Jahr besser machenâ)
- kleine Lerngruppen, gezielte UnterstĂŒtzung durch LehrkrĂ€fte
Argumente contra Sitzenbleiben:
- Stigmatisierung
- Gefahr der âbilligen Lösungenâ durch reine Nachhilfeprogramme
- Risiko, dass schwache SchĂŒler ohne ausreichende Förderung durchrutschen
Sitzenbleiben verhindern: individuelle Förderung in der PubertÀt
Was wirklich hilft
Um eine Ehrenrunde zu vermeiden, braucht es frĂŒhzeitige, passgenaue UnterstĂŒtzung â denn die PubertĂ€t allein erklĂ€rt selten alle Probleme.
âĄïž SchlĂŒsselmaĂnahmen:
- Projekte, in denen Jugendliche gemeinsam etwas schaffen (StÀrkung der Selbstwirksamkeit)
- Berufliche Orientierung, die Sinn stiftet (âWofĂŒr lerne ich eigentlich?â)
- Realistische Perspektiven, wenn Jugendliche sich ĂŒberschĂ€tzen oder massiv an sich zweifeln
- Aufarbeitung alter LernlĂŒcken, besonders aus der Grundschule (Rechtschreibung, Grundrechenarten)
Passung der Schulform prĂŒfen
In BundeslÀndern mit freier Elternwahl nach Klasse 4 kann es vorkommen, dass Kinder auf Schulen landen, die nicht optimal zu ihnen passen.
SpÀtestens in der PubertÀt wird dies sichtbar.
Neue Schulformen (Gesamtschule, Gemeinschaftsschule) reduzieren Sitzenbleiben durch:
- Wiederholen einzelner Kurse statt ganzer JahrgÀnge
- Wechsel des Schwierigkeitsniveaus
- mehr Binnendifferenzierung
Freiwillige Nicht-Versetzung
Eltern können â auf Empfehlung der Konferenz â entscheiden, dass ihr Kind freiwillig ein Jahr wiederholen soll. Diese Möglichkeit wird jedoch selten genutzt, weil Sitzenbleiben gesellschaftlich negativ belegt ist.
Kommentar: PubertĂ€t und Schulerfolg â beides ist möglich
Nur wenige Jugendliche geraten durch die PubertÀt allein in eine schulische Krise. Fast immer spielen weitere Faktoren mit:
- viele krankheitsbedingte Fehlzeiten
- familiÀre Belastungen
- Ăberforderung durch falsche Schulform
- ungelöste Mobbingsituationen
Gleichzeitig kann es fĂŒr manche Jugendliche eine groĂe Leistung sein, trotz PubertĂ€t die Kurve zu bekommen â oft erst im âEndspurtâ. Das stĂ€rkt Selbstbewusstsein und Reife.
Wer die Sitzenbleiberquote senken möchte, muss in qualifiziertes Personal investieren.
PÀdagogisch wirksame Förderung kann nicht durch NachhilfehilfskrÀfte am Nachmittag ersetzt werden.
Zuletzt geÀndert am 17.02.2026
Hildegard Dierks arbeitet seit vielen Jahren als Online-Autorin und Online-Redakteurin fĂŒr verschiedene Zielgruppen, z.B. Eltern. Zu ihren Themenschwerpunkten zĂ€hlen alle Themen rund um Grundschule, Fremdsprachenlernen, Musikerziehung, computergestĂŒtztes Lernen aber auch schulpolitische Themen.