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Nachhilfeunterricht

Junge sitzt frustriert vor einer Tafel
Entwicklung und Erziehung
© Tomasz Trojanowski - Fotolia.de
von Dr. Lisa Mundzeck

Nachhilfeunterricht ist heutzutage nichts Außergewöhnliches mehr. Im Zuge des ĂŒberall beklagten zunehmenden Leistungsdrucks in der Schule nehmen ihn – zumindest scheinbar – immer mehr SchĂŒlerinnen und SchĂŒler in Anspruch. Ist das tatsĂ€chlich so? Und wie hat sich die Thematik Nachhilfeunterricht in den letzten Jahren gewandelt?

Lesedauer:
3 min

GrĂ¶ĂŸere Nachfrage nach Nachhilfeunterricht?

Die Diskussion um Schul- und Bildungspolitik lĂ€sst hĂ€ufig vermuten, Nachhilfe sei stĂ€rker gefragt denn je. Mehr Leistungsdruck, neue Schulstrukturen wie das verkĂŒrzte Gymnasium (G8) oder steigende Erwartungen der Eltern gelten oft als GrĂŒnde fĂŒr einen angeblichen Nachhilfeboom.
Doch wie sieht die RealitÀt tatsÀchlich aus?


Wie viele Kinder nehmen Nachhilfe?

Eine grundlegende Studie des Forschungsinstituts fĂŒr Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) von 2008 („Was wissen wir ĂŒber Nachhilfe?“) liefert hierzu belastbare Zahlen:

  • Jedes dritte bis vierte Kind nimmt im Laufe der Schulzeit Nachhilfeunterricht.
  • In Westdeutschland nutzen ca. 30 % der SchĂŒler Nachhilfe, in Ostdeutschland etwa 15 %.
  • Insgesamt nehmen rund eine Million SchĂŒler regelmĂ€ĂŸige oder gelegentliche Nachhilfe in Anspruch.
  • Die jĂ€hrlichen Kosten belaufen sich auf etwa eine Milliarde Euro, fast ausschließlich privat finanziert.

Eine weitere Untersuchung von Synovate Kids+Teens und dem Bundesverband Nachhilfe- und Nachmittagsschulen (2007) zeigt zudem:

  • 82 % berichten ĂŒber eine Leistungsverbesserung.
  • 17 % geben stabile Leistungen an.
  • Nur 1 % sagt, die Noten hĂ€tten sich verschlechtert.

Nachhilfe scheint also in vielen FĂ€llen wirksam zu sein – zumindest aus Sicht der SchĂŒlerinnen und SchĂŒler.


VerÀnderungen im Nachhilfebedarf

Nachhilfe gab es schon im 19. Jahrhundert, doch sie hat sich mehrfach verÀndert. Besonders in den 1960er und 1970er Jahren stieg die Nachfrage aufgrund eines gestiegenen Bildungsniveaus deutlich an.

Laut FiBS haben sich vor allem die Motive verÀndert:

FrĂŒher

  • VersetzungsgefĂ€hrdung
  • drohender Schulabschlussverlust
  • akute SchwĂ€chen (kurzfristige UnterstĂŒtzung)

Heute

Es gibt zwei entgegengesetzte Trends:

  1. Mehr leistungsstarke SchĂŒler nehmen Nachhilfe, um ihre Noten zu verbessern oder Spitzenleistungen zu erreichen.
  2. Mehr Kinder benötigen grundlegende UnterstĂŒtzung, um die normalen schulischen Anforderungen ĂŒberhaupt zu bewĂ€ltigen.

Synovate zeigt die Verteilung der schulischen Ausgangsleistungen von NachhilfeschĂŒlern:

  • 12 %: Noten 5–6 (Versetzungsgefahr)
  • 50 %: Noten 4–5
  • ca. 33 %: Noten 3–4
  • 11 %: Noten 2–3 (leistungsstark!)

Der Anteil der leistungsstarken NachhilfeschĂŒler ist fast genauso groß wie der der stark gefĂ€hrdeten – ein bemerkenswertes Ergebnis.


Ursachenforschung: Warum steigt der Bedarf?

Mögliche GrĂŒnde:

1. Höhere Erwartungen der Eltern

Viele Eltern wĂŒnschen sich frĂŒhzeitig:

  • eine gymnasiale Laufbahn
  • gute Noten
  • sichere berufliche Perspektiven

Die unsichere Arbeitsmarktsituation verstÀrkt diese Haltung.

2. FrĂŒhe Weichenstellung

Bereits in der Grundschule wird hÀufig auf das Gymnasium hingearbeitet.
Dies kann zu:

  • zusĂ€tzlichem Druck
  • ĂŒberhöhten Erwartungen
  • Nachhilfebedarf schon ab Klasse 1

fĂŒhren.

3. VerÀnderte Schullandschaft

Reformen wie:

  • G8
  • verĂ€nderte LehrplĂ€ne
  • kĂŒrzere Schulzeiten

haben das GefĂŒhl verstĂ€rkt, man mĂŒsse zusĂ€tzlich unterstĂŒtzen.

4. Gesellschaftliche Faktoren

  • Stigmatisierung bestimmter Schulformen
  • Unsicherheit ĂŒber berufliche Chancen
  • wachsender Wettbewerb zwischen Gleichaltrigen

All dies trĂ€gt dazu bei, dass immer mehr Eltern Nachhilfe als „notwendig“ ansehen.


Literatur und zitierte Studien

FiBS – Forschungsinstitut fĂŒr Bildungs- und Sozialökonomie
Dieter Dohmen / Annegret Erbes / Kathrin Fuchs / Juliane GĂŒnzel:
Was wissen wir ĂŒber Nachhilfe? Bielefeld, 2008.

Synovate Kids+Teens / Bundesverband Nachhilfe- und Nachmittagsschulen e. V.
Mit Nachhilfe kommt man weiter – Fakten zur Nachhilfesituation in Deutschland. MĂŒnchen, 2007.


Zuletzt geÀndert am 13.02.2026

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Über den Autor/die Autorin
Foto der lernando-Autorin Lisa Mundzeck

Dr. Lisa Mundzeck ist promovierte Historikerin und arbeitet als freie Online-Journalistin, wissenschaftliche Autorin und Archivarin in Hannover.

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