Nachhilfeunterricht
Nachhilfeunterricht
Nachhilfeunterricht ist heutzutage nichts Außergewöhnliches mehr. Im Zuge des überall beklagten zunehmenden Leistungsdrucks in der Schule nehmen ihn – zumindest scheinbar – immer mehr Schülerinnen und Schüler in Anspruch. Ist das tatsächlich so? Und wie hat sich die Thematik Nachhilfeunterricht in den letzten Jahren gewandelt?
Größere Nachfrage nach Nachhilfeunterricht?
Die Diskussion um Schul- und Bildungspolitik lässt häufig vermuten, Nachhilfe sei stärker gefragt denn je. Mehr Leistungsdruck, neue Schulstrukturen wie das verkürzte Gymnasium (G8) oder steigende Erwartungen der Eltern gelten oft als Gründe für einen angeblichen Nachhilfeboom.
Doch wie sieht die Realität tatsächlich aus?
Wie viele Kinder nehmen Nachhilfe?
Eine grundlegende Studie des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) von 2008 („Was wissen wir über Nachhilfe?“) liefert hierzu belastbare Zahlen:
- Jedes dritte bis vierte Kind nimmt im Laufe der Schulzeit Nachhilfeunterricht.
- In Westdeutschland nutzen ca. 30 % der SchĂĽler Nachhilfe, in Ostdeutschland etwa 15 %.
- Insgesamt nehmen rund eine Million Schüler regelmäßige oder gelegentliche Nachhilfe in Anspruch.
- Die jährlichen Kosten belaufen sich auf etwa eine Milliarde Euro, fast ausschließlich privat finanziert.
Eine weitere Untersuchung von Synovate Kids+Teens und dem Bundesverband Nachhilfe- und Nachmittagsschulen (2007) zeigt zudem:
- 82 % berichten ĂĽber eine Leistungsverbesserung.
- 17 % geben stabile Leistungen an.
- Nur 1 % sagt, die Noten hätten sich verschlechtert.
Nachhilfe scheint also in vielen Fällen wirksam zu sein – zumindest aus Sicht der Schülerinnen und Schüler.
Veränderungen im Nachhilfebedarf
Nachhilfe gab es schon im 19. Jahrhundert, doch sie hat sich mehrfach verändert. Besonders in den 1960er und 1970er Jahren stieg die Nachfrage aufgrund eines gestiegenen Bildungsniveaus deutlich an.
Laut FiBS haben sich vor allem die Motive verändert:
FrĂĽher
- Versetzungsgefährdung
- drohender Schulabschlussverlust
- akute Schwächen (kurzfristige Unterstützung)
Heute
Es gibt zwei entgegengesetzte Trends:
- Mehr leistungsstarke SchĂĽler nehmen Nachhilfe, um ihre Noten zu verbessern oder Spitzenleistungen zu erreichen.
- Mehr Kinder benötigen grundlegende Unterstützung, um die normalen schulischen Anforderungen überhaupt zu bewältigen.
Synovate zeigt die Verteilung der schulischen Ausgangsleistungen von NachhilfeschĂĽlern:
- 12 %: Noten 5–6 (Versetzungsgefahr)
- 50 %: Noten 4–5
- ca. 33 %: Noten 3–4
- 11 %: Noten 2–3 (leistungsstark!)
Der Anteil der leistungsstarken Nachhilfeschüler ist fast genauso groß wie der der stark gefährdeten – ein bemerkenswertes Ergebnis.
Ursachenforschung: Warum steigt der Bedarf?
Mögliche Gründe:
1. Höhere Erwartungen der Eltern
Viele Eltern wĂĽnschen sich frĂĽhzeitig:
- eine gymnasiale Laufbahn
- gute Noten
- sichere berufliche Perspektiven
Die unsichere Arbeitsmarktsituation verstärkt diese Haltung.
2. FrĂĽhe Weichenstellung
Bereits in der Grundschule wird häufig auf das Gymnasium hingearbeitet.
Dies kann zu:
- zusätzlichem Druck
- überhöhten Erwartungen
- Nachhilfebedarf schon ab Klasse 1
fĂĽhren.
3. Veränderte Schullandschaft
Reformen wie:
- G8
- veränderte Lehrpläne
- kĂĽrzere Schulzeiten
haben das Gefühl verstärkt, man müsse zusätzlich unterstützen.
4. Gesellschaftliche Faktoren
- Stigmatisierung bestimmter Schulformen
- Unsicherheit ĂĽber berufliche Chancen
- wachsender Wettbewerb zwischen Gleichaltrigen
All dies trägt dazu bei, dass immer mehr Eltern Nachhilfe als „notwendig“ ansehen.
Literatur und zitierte Studien
FiBS – Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie
Dieter Dohmen / Annegret Erbes / Kathrin Fuchs / Juliane GĂĽnzel:
Was wissen wir ĂĽber Nachhilfe? Bielefeld, 2008.
Synovate Kids+Teens / Bundesverband Nachhilfe- und Nachmittagsschulen e. V.
Mit Nachhilfe kommt man weiter – Fakten zur Nachhilfesituation in Deutschland. München, 2007.
Zuletzt geändert am 13.02.2026
Dr. Lisa Mundzeck ist promovierte Historikerin und arbeitet als freie Online-Journalistin, wissenschaftliche Autorin und Archivarin in Hannover.