Wenn die Pubertät beginnt...
Wenn die Pubertät beginnt...
Gestern war die Welt noch in Ordnung und heute plötzlich, beim Wegbringen zum Bus, sagt das Kind an der Häuserecke: „Also, ich verabschiede mich jetzt schon mal von euch, denn am Bus mag ich das nicht! Ihr müsst auch nicht winken!"
Pubertät: Viele plötzliche Veränderungen – und wie Eltern gelassen bleiben
Die Pubertät bringt eine Fülle an Veränderung mit sich – körperlich, emotional und sozial. Jugendliche (denn „Kinder“ möchten sie nun keinesfalls mehr genannt werden) grenzen sich deutlich von ihren Eltern ab. Das kann sich zeigen durch Rückzug, Gesprächsverweigerung, ungewöhnliche Kleidung, neue Frisuren oder scheinbare Stimmungsschwankungen „aus dem Nichts“. Türen knallen häufiger, Gespräche mit Freundinnen und Freunden finden abgeschottet am Handy, Computer oder hinter geschlossener Tür statt.
Für Eltern ist diese Phase oft herausfordernd – doch all das gehört zur Entwicklung eines selbstständigen jungen Menschen dazu.
„Andere Kinder sind nicht so…“ – doch, sind sie!
Viele Eltern glauben, der freundliche Nachbarsjunge benehme sich überall so höflich wie bei ihnen. Das ist ein Irrtum. Spricht man mit seiner Mutter, hört man meist ähnliche Klagen.
Gerade Personen, die Jugendlichen besonders nahe stehen, werden in dieser Phase am häufigsten angeknurrt: die Patentante, der neue Partner der Mutter oder der eigentlich „coole“ Onkel.
Warum Pubertät so anstrengend ist: Die Gründe
Abnabelung passiert in verschiedenen Lebensphasen. Mit drei Jahren wollte das Kind alles selbst machen, mit fünf nicht mehr im Elternbett schlafen, mit neun keine Gute‑Nacht‑Geschichten mehr hören. In der Pubertät aber kommt vieles gleichzeitig und mit voller Wucht:
- massive hormonelle Veränderungen
- Umbauprozesse im Gehirn
- Entwicklung der Persönlichkeit
- Abgrenzung von Eltern und Kindheit
- Suche nach eigener Identität
Neurowissenschaftlich weiß man heute: Diese Umbauphase endet nicht mit 18 – sie dauert bis etwa 25 bis 30 Jahre. Erst dann werden Handeln und Denken berechenbarer, reflektierter und verantwortungsbewusster.
Nicht vorhersehbar: Wen es wie trifft
Wie ausgeprägt die pubertären Schwierigkeiten auftreten, lässt sich nicht vorhersagen.
In derselben Familie kann ein Kind unauffällig durch diese Zeit gehen, während das Geschwisterkind große Probleme hat. Ein gutes Eltern‑Kind‑Verhältnis hilft, ist aber keine Garantie.
Chaos überall – innen wie außen
Pubertät bedeutet auch äußeres Durcheinander:
- Berge von Kleidung
- verschwundene Schulsachen
- Geschirr im Zimmer
- selten geordnete Regale oder Schreibtische
Eltern sollten in dieser Phase nicht mehr aufräumen – die Jugendlichen müssen selbst Verantwortung übernehmen.
Verständnis haben – aber nicht alles durchgehen lassen
Aufforderungen wie Müll rausbringen oder Spülmaschine einräumen werden häufig mit Grunzen, Augenrollen oder komplettem Ignorieren quittiert.
Tipp für Eltern:
- Inhalt von der Art der Aussage trennen
- auf die Erledigung bestehen
- Kommunikationsstil erst später ansprechen
Provokation gehört zur Pubertät – und ist nicht persönlich gemeint.
Abgrenzung ist notwendig – auch wenn sie weh tut
Jugendliche müssen sich von ihren Eltern lösen. Das war schon immer so. Beispiele:
- Die Mutter, die früher Hardrock hören wollte, hat nun Kinder, die Hip‑Hop bevorzugen.
- Der 16‑Jährige, der nach einer sehr großzügigen Antwort der Eltern („Mach wie du willst!“) plötzlich ausrastet, weil er sich kontrolliert fühlt.
Die paradoxen Reaktionen sind typisch: Jugendliche suchen Freiheit, brauchen aber weiterhin klare Orientierung.
Grenzen und Verlässlichkeit – wichtiger denn je
Schon im Kleinkindalter lernen Kinder Verlässlichkeit. In der Pubertät bleibt das wichtig – vielleicht sogar noch mehr.
Wenn ein Jugendlicher zu spät nach Hause kommt:
- Logisch argumentieren („Dadurch konnten wir später nicht …“)
- Konsequenzen verständlich machen
- Belohnungen anbieten („Wenn du mir hilfst, kannst du später …“)
Der Satz „Ich habe mir Sorgen gemacht“ wirkt selten – logische Konsequenzen hingegen schon.
Nicht alles überwachen – Vertrauen zeigen
Natürlich sollten Eltern aufmerksam bleiben:
Vermisste Jugendliche, Alkoholmissbrauch, Drogen oder riskantes Verhalten sind reale Gefahren.
Aber: Die meisten Jugendlichen sind verantwortungsbewusster, als Eltern glauben.
Eltern stärken ihr Kind, indem sie:
- Freiräume lassen
- über Sexualität, Verhütung und Risiken offen sprechen
- Fahrdienste anbieten, um Sicherheit zu schaffen
- sich mit anderen Eltern absprechen (kein „Alibi-Übernachten“)
Wer Jugendlichen gar nichts zutraut, riskiert Vertrauensprobleme.
Zurücklehnen und sich erinnern – es geht vorbei
Wenn gar nichts mehr funktioniert: Erinnern Sie sich an Ihre eigene Jugendzeit.
Was war damals wichtig? Was brachte Sie auf die Palme?
Und:
- Ohrlöcher wachsen zu
- gefärbte Haare werden wieder naturfarben
- Kleidungsstile verändern sich
Pubertät ist eine Phase – sie geht vorüber.
Literaturtipp
Jugendjahre, Piper Verlag
ISBN: 978‑3492301923
Manon Sander ist Mutter von 6 Kindern und außerdem Autorin für Fach- und Kinderbücher.