Direkt zum Inhalt

Depressionen in der Schule – Ein Tabu?

Foto eines Kindes, das den Kopf an eine Wand lehnt
Entwicklung und Erziehung
© stock.adobe.com/Halfpoint
von Hildegard Dierks

Die Zahl herausfordernder Schülerinnen und Schüler steigt. Manche sind aggressiv. Einige Kinder und Jugendliche stören den Unterricht nicht, sondern haben „nur“ eine hohe Zahl an Fehlstunden, wirken niedergeschlagen, sind still und zurückgezogen. Vielleicht leiden sie an einer depressiven Verstimmung oder einer Depression durch die Schule. Im Schullalltag werden ihre Probleme leicht übersehen, ignoriert oder gar tabuisiert. Die Anzahl depressiver Schülerinnen und Schüler steigt. Sie brauchen Hilfe und Aufmerksamkeit.

Lesedauer:
7 min

Depressionen in der Schule: Ein Film, der aufrĂĽttelt

Der Film „Grau ist keine Farbe“ zeigt eindrücklich, wie Schülerinnen und Schüler Depressionen im Schulalltag erleben. Ein Münchener Schülerfilmteam macht sichtbar, wie tabuisiert und übersehen das Thema an vielen Schulen ist – und welche Folgen das für betroffene Jugendliche hat.


Was den Film besonders macht

Von Jugendlichen – über Jugendliche – für Jugendliche

Zwei Besonderheiten stechen hervor:

  • Der Film wurde komplett von SchĂĽlerinnen und SchĂĽlern produziert.
  • Betroffene kommen selbst zu Wort.

Sie sprechen offen ĂĽber:

  • tiefe Einsamkeit
  • Ăśberforderung durch die Schule
  • fehlende Bewältigungsstrategien
  • mangelnde UnterstĂĽtzung durch Lehrkräfte
  • die emotionale Abwesenheit der Eltern

Viele betroffene Jugendliche verstehen sich selbst nicht – körperliche Symptome fehlen, seelische Leiden bleiben unsichtbar.

Petition fĂĽr mehr Aufmerksamkeit

Parallel zur Filmproduktion startete Filmemacher Alexander Spöri eine Petition. Die Forderung:
Depressionen und psychische Erkrankungen stärker im Lehrplan berücksichtigen und betroffene Schüler besser unterstützen.
Über 40.000 Menschen unterzeichneten – ein starkes Signal an den bayerischen Kultusminister.


Wie viele SchĂĽlerinnen und SchĂĽler sind betroffen?

Ergebnisse der FORSA-Umfrage (2018)

  • 26.500 der KKH‑versicherten 6‑ bis 18‑Jährigen leiden an Depressionen.
  • Hochgerechnet sind das rund 1,1 Millionen Kinder und Jugendliche bundesweit.
  • Bei den 13‑ bis 18‑Jährigen:
    • +90 % bei Anpassungsstörungen (Vorstufe der Depression) seit 2007
    • +120 % diagnostizierte Depressionen
  • Bei 6‑ bis 12‑Jährigen äuĂźern sich Depressionen oft körperlich: Bauch‑ und Kopfschmerzen ohne Befund.

Belastungsfaktoren laut Eltern

  • hoher schulischer Leistungsdruck
  • Mobbing
  • Druck durch Social Media, Idole und Influencer
  • Konflikte mit Freunden bei jĂĽngeren Kindern

Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko – Konkurrenzdruck und Prüfungsstress nehmen zu.
Suizid ist die zweithäufigste Todesursache bei Jugendlichen.


Was hilft gegen Depressionen in der Schule?

Professionelle UnterstĂĽtzung

  • Psychotherapie zur Bearbeitung der Ursachen
  • Tageskliniken oder stationäre Angebote bei schweren Fällen
  • Medikamente nur durch Fachärzt*innen

Der Zugang ist jedoch vielerorts schwierig – es fehlen spezialisierte Kinder‑ und Jugendlichenpsychotherapeut*innen.

Forderungen aus der Petition

Die Jugendlichen selbst schlagen konkrete MaĂźnahmen vor:

  • Integration von Depression, Suizidprävention und psychischen Erkrankungen in die Aus‑ und Weiterbildung von Lehrkräften
  • verpflichtende Thematisierung im Unterricht (z. B. Biologie, Religion, Deutsch)
  • regelmäßige Informationsveranstaltungen ab Klasse 9
  • Einrichtung wissenschaftlich geprĂĽfter Hilfsangebote

Unterstützung durch Peers und Online‑Beratung

Jugendliche suchen häufig zuerst Hilfe bei Gleichaltrigen – online.
Ein Beispiel: U25 Deutschland – ein Beratungsangebot für suizidgefährdete Jugendliche.

Paten oder Coaches als Ergänzung

Neben Profis könnten Vertrauenspersonen aus dem Umfeld helfen – so wie Lesepaten.
Ein Paten‑Netzwerk könnte:

  • regelmäßige Gespräche ermöglichen
  • Stärken der Kinder in den Blick nehmen
  • Eltern entlasten

Was die Seele von Kindern und Jugendlichen braucht

Offene Fragen zu Diagnosen

Was ist wirklich Depression – und was „nur“ Pubertät, Liebeskummer oder vorübergehende Krisen?
Kinder entwickeln sich noch – ihre seelischen Reaktionen sind vielfältig und verändern sich schnell.

Fehlende Räume für Unperfektes

Kinder fragen sich:

  • Wo darf ich scheitern?
  • Wo darf ich durchschnittlich sein?
  • Wo darf ich Pause von Selbstoptimierung machen?

Auch Social Media beeinflusst Selbstwert und Rollenverhalten – oft unbemerkt.

Was Schulen und Familien bieten sollten

  • ein Klima, das Gemeinschaft, Freundschaft und gegenseitige UnterstĂĽtzung stärkt
  • regelmäßige Gespräche ĂĽber GefĂĽhle – nicht nur im Konfliktfall
  • respektvolle Sprache als gelebte Kultur
  • Aufmerksamkeit fĂĽr stille, isolierte Kinder
  • Zeit fĂĽr Beziehungsarbeit

Professionelle Kräfte können das allein nicht leisten – es braucht ein gemeinsames Netzwerk aus Lehrkräften, Eltern und Mitschülern.

Kleine Gesten mit groĂźer Wirkung

An manchen Schulen begrüßen Lehrkräfte morgens jedes Kind persönlich per Handschlag und Namen.
Solche Rituale stärken Bindung und Aufmerksamkeit – und können ein Baustein zur Prävention von Depressionen sein.

Niemand möchte in Zukunft lesen:
„Die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler nimmt vor Prüfungen Antidepressiva.“


Buchtipps:

Groen, G., Ihle W., Ahle M. E & Petermann F. (2012): Ratgeber Traurigkeit, Rückzug, Depression: Informationen für Betroffene, Eltern, Lehrer und Erzieher. Göttingen: Hogrefe-Verlag.
Groen, G. & Petermann F. (2011): Wie wird mein Kind wieder glĂĽcklich?: Praktische Hilfe gegen Depressionen. Bern: Huber-Verlag.

Linktipps:

Zuletzt geändert am 17.02.2026

Beitrag teilen:
Themen:
Depressionn
Burn-out
SchĂĽler
SchĂĽlerinnen
Lehrer
Psychologe
Jugendliche
Erkrankung
Kopfschmerzen
Bauchschmerzen
Ăśber den Autor/die Autorin
Foto der lernando-Autorin Hildegard Dierks

Hildegard Dierks arbeitet seit vielen Jahren als Online-Autorin und Online-Redakteurin für verschiedene Zielgruppen, z.B. Eltern. Zu ihren Themenschwerpunkten zählen alle Themen rund um Grundschule, Fremdsprachenlernen, Musikerziehung, computergestütztes Lernen aber auch schulpolitische Themen.

Weitere Beiträge lesen