Entdecken, erleben, begreifen
Entdecken, erleben, begreifen
Kinder sind von Natur aus kleine Entdecker:innen – voller Neugier und Forschungsdrang. Sie wollen die Welt mit allen Sinnen erleben, Neues erforschen und verstehen. Indem wir Entdecken, Erleben und Begreifen miteinander verbinden, öffnen wir Kindern mit ganz einfachen Mitteln Türen zu spannenden Lernwelten...
Entdecken – Erleben – Begreifen: Die Welt mit Kinderaugen sehen
Besonders jüngere Kinder verfügen über einen ausgeprägten Forschungsdrang. Sie wollen herausfinden, was hinter den Dingen steckt, Neues ausprobieren und Eindrücke sammeln. Doch was bedeutet das konkret?
Entdecken, Erleben, Begreifen – drei Perspektiven
Entdecken heißt, etwas Neues wahrzunehmen – in der Natur, im Alltag oder beim Lernen. Es kann geplant oder zufällig geschehen und weckt besonders bei Kindern Neugier und Freude. In der Pädagogik beschreibt „entdeckendes Lernen“ eine Methode, die eigenständiges Forschen unterstützt.
Erleben umfasst die inneren, subjektiven Vorgänge eines Menschen: Denken, Fühlen, Wahrnehmen und Bedürfnisse. Da jeder Mensch Eindrücke unterschiedlich verarbeitet, ist Erleben stets individuell.
Begreifen beginnt mit der sinnlichen Wahrnehmung über den Körper, vor allem über die Haut. Daraus entwickelt sich das Verständnis für Formen, Materialien und Zusammenhänge – bis hin zu Gefühlen oder Denkweisen anderer.
Der Dreiklang aus Entdecken, Erleben und Begreifen bildet die Grundlage eines ganzheitlichen Bildungsansatzes, der auf Johann Heinrich Pestalozzi zurĂĽckgeht und Kopf, Herz und Hand verbindet.
Schon in den ersten fünf Lebensjahren entstehen entscheidende Grundlagen für die neurologische Entwicklung. Deshalb lohnt es sich, diesen natürlichen Impuls des Kindes zu wecken, wahrzunehmen und gezielt zu fördern.
Die unmittelbare Umgebung als Lernort
Kinder beginnen früh, ihre Umgebung neugierig zu erkunden – häufig zunächst in der Küche. Ein Schrank mit ungefährlichen Gegenständen kann zum ersten Forschungsfeld werden. Durch Ausräumen, Sortieren und Spielen entsteht Verständnis für Zusammenhänge; ganz nebenbei werden Ordnung und Struktur vorbereitet.
Spielen ist Lernen
Spiel ist weit mehr als Beschäftigung. Es stärkt das Selbstvertrauen, schärft die Sinne, trainiert Ausdauer, Genauigkeit und soziale Fähigkeiten. Kinder lernen, mit Fehlern umzugehen, Missverständnisse auszuräumen und Lösungen zu finden.
Einfache Materialien reichen oft aus
Perfektes Spielzeug braucht es selten. Alltagsmaterialien wie Kartons, Kissen, Decken oder Stöcke eröffnen vielfältige Möglichkeiten:
- Bauen von Höhlen, Türmen oder Häusern
- Rollenspiele
- Fantasieprojekte aller Art
Kinder erfinden hierbei oft ganz eigene Welten.
Wasser – ein Magnet für Kinder
Ob Badewanne, Bach oder Pfütze: Wasser wirkt faszinierend. Kinder füllen Behälter, vergleichen, was schwimmt oder sinkt, bauen Dämme oder lassen selbst gestaltete Boote fahren. Dabei entstehen spielerisch erstaunliche Lernerfahrungen.
Natur erleben: Wald und Wiese als Entdeckungsräume
Der Wald bietet unzählige Sinneseindrücke: Wie riecht er? Wie fühlt sich Moos an? Welche Struktur hat Baumrinde? Das Betrachten eines Fliegenpilzes, das Hüttenbauen oder das Sammeln von Pilzen hinterlässt bleibende Eindrücke.
Auch Wiesen und Feldraine eignen sich hervorragend zum Entdecken – etwa beim Lauschen mit geschlossenen Augen oder beim Beobachten von Pflanzen und Tieren. (Bitte geschützte Arten beachten.)
Museen und Burgen zum Mitmachen
Viele Museen bieten heute interaktive Angebote, die Kinder aktiv einbeziehen. Klassische Führungen sind je nach Kind geeignet. Auch Burgen und Schlösser werden spannend – wenn der Besuch kindgerecht gestaltet ist.
Forschungskisten gestalten
Eine einfache Forschungskiste aus einem Karton, von Ihrem Kind bemalt, kann zur Schatzkiste für Fundstücke werden. Wichtig ist, regelmäßig hineinzuschauen, damit nichts verdirbt. Beliebt sind auch Fühlkisten, die Neugier und Wahrnehmung fördern.
Experimentierkästen – abgestimmt auf Alter und Interessen – können zusätzlich Inspiration bieten.
Kinder-Uni & Co.: Bildung entdecken
Viele Hochschulen veranstalten Kindervorlesungen oder Mitmachangebote. Lassen Sie Ihr Kind diese besondere Atmosphäre erleben. Vielleicht entsteht daraus ein neues Hobby oder eine Leidenschaft, die langfristig prägt.
Fazit
Setzen Sie Vertrauen in Ihr Kind – es wird Sie überraschen. Herausforderungen anzunehmen stärkt es ungemein. „Das Schwierige scheint mir nie unmöglich“, schrieb Alexander von Humboldt 1849 an König Friedrich Wilhelm IV.
Ein Blick in das Geschichtsbuch
Schon der griechische Philosoph Platon sah das Ziel der Erziehung in der Entwicklung der Gesamtpersönlichkeit – im Streben nach dem Wahren, Schönen und Guten sowie nach Weisheit und Vernunft.
Im 18. Jahrhundert erhielt die Pädagogik neuen Aufschwung. Johann Heinrich Pestalozzi wollte ein stabiles Fundament schaffen, damit der Mensch sich selbst helfen kann. Er erkannte besondere „Zeitfenster der neuronalen Reifung“ in der frühen Kindheit und forderte, die im Kind ruhenden Kräfte wahrzunehmen und zu fördern.
Sein Konzept von Kopf, Herz und Hand – Intellekt, Sitte und sprachliche Fähigkeiten – wurde prägend. Später griff Maria Montessori ähnliche Gedanken auf. Ihr Grundsatz „Hilf mir, es selbst zu tun“ fasst ihre pädagogische Haltung treffend zusammen.
Linktipps
- https://www.fh-kiel.de/index.php?id=8797
- https://www.dasgehirn.info/wahrnehmen/fuehlen/die-welt-begreifen
- https://www.fruehe-bildung.online/
- https://www.annaberg-buchholz.de/media/Flyer_Museumspaedagogik_final.pdf
- https://www.tu-chemnitz.de/tu/kinderuni/
- https://www.ku-dresden.de/
Quellen
(1) Johann Wolfgang von Goethe, Faust, Der Tragödie erster Teil, Reclam, 36. Auflage, Seite 17f
(2) https://de.wikipedia.org/wiki/Humanistische_P%C3%A4dagogik
(3) https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Heinrich_Pestalozzi
(4) https://de.wikipedia.org/wiki/Montessorip%C3%A4dagogik
(5) Prof. Dr. Wassilios E. Fthernakis, Aus MINT wird MNKT in didakta, 04/18, Seite 8
(6) http://www.avhumboldt.de/?p=6527
Zuletzt geändert am 17.02.2026
Jörg Sauer ist ausgebildeter Grundschullehrer und unterrichtet seit über 20 Jahren an einer Schule. Neben der Lehrertätigkeit führte er in den vergangenen Jahren zahlreiche Weiterbildungen über die Nutzung von Neuen Medien im Unterricht durch.