Mein Kind kann noch nicht schwimmen

Freizeit und Erholung
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von Ulrike Lindner
Der heißeste Sommer seit Langem geht gerade zu Ende – ein Sommer, der für Millionen Deutsche endlich wieder einmal Badespaß pur bedeutete. Bei Temperaturen von 30 Grad und mehr zog es unzählige Menschen in Freibäder oder Badeseen, um sich im Wasser richtig abzukühlen. Was für viele ein ungetrübtes Vergnügen bedeutete, war für andere Stress: Bademeister, aber auch viele Eltern sind besorgt über die hohe Zahl von Kindern, die in Deutschland nach wie vor nicht schwimmen können.
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Der heißeste Sommer seit Langem geht gerade zu Ende – ein Sommer, der für Millionen Deutsche endlich wieder einmal Badespaß pur bedeutete. Bei Temperaturen von 30 Grad und mehr zog es unzählige Menschen in Freibäder oder Badeseen, um sich im Wasser richtig abzukühlen. Was für viele ein ungetrübtes Vergnügen bedeutete, war für andere Stress: Bademeister, aber auch viele Eltern sind besorgt über die hohe Zahl von Kindern, die in Deutschland nach wie vor nicht schwimmen können.

Zu viele Kinder können nicht schwimmen

Erst vor einem Jahr hatte eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) das Land aufgeschreckt. Sie ergab, dass etwa 60 Prozent der Sechs- bis Zehnjährigen nicht als sichere Schwimmer bezeichnet werden können. Nur 40 Prozent dieser Altersgruppe besaß ein ein Jugendschwimmabzeichen, immerhin 77 Prozent verfügten über das „Seepferdchen“. Doch das sei, so ein DLRG-Sprecher, nur ein „Heranführen an das Schwimmenlernen“, kein sicherer Schutz vor dem Ertrinken. Sichere Schwimmer sind nach der Definition der DLRG diejenigen, die über das Jugendschwimmabzeichen in Bronze verfügen bzw. die dafür notwendigen Fähigkeiten verfügen: Ein Strecke von 200 Metern in maximal 15 Minuten schwimmen.

2016 ertranken mehr Menschen in Deutschland, als je zuvor

Nachdem 2016 mit einer Rekordzahl von Badetoten erschreckt hatte, war die Zahl im Jahr 2017 wieder zurückgegangen. Allerdings nach Ansicht von Experten nicht, weil die Menschen besser schwimmen konnten. Ursache für die positive Entwicklung sei der kühle Sommer gewesen, der 2017 nur an wenigen Tagen zum Badevergnügen eingeladen habe. 2018, so scheint die Bilanz der ersten sieben Monate zu zeigen, dürfte wieder mit dramatischeren Zahlen aufwarten.

Ein Ursache: Zu wenig Schwimmunterricht

Gründe für die schlechten Schwimmfähigkeiten sieht die DLRG unter anderem in der nicht ausreichenden Versorgung mit Schwimmen als Schulsport. Die Grundschulen hätten zwar den gesetzlichen Auftrag, den Kindern das Schwimmen beizubringen – doch aus verschiedenen Gründen werde der oft nicht erfüllt. So haben etwa ein Viertel der Grundschulen keinen Zugang zu einem öffentlichen Schwimmbad. An anderen stehen keine Lehrer zur Verfügung, die über die sogenannte Rettungsfähigkeit verfügten. Kein Wunder, dass nur etwas mehr als ein Viertel der Befragten in der Forsa-Studie auf die Frage, wo ihre Kinder das Schwimmen gelernt hätten, antwortete: „In der Schule.“

Auch andere Institutionen schlugen bereits Alarm. So erklärte Peter Harzheim, Präsident des Bundesverbands Deutscher Schwimmmeister, dass zunehmend weniger Kinder in die Schwimmkurse kämen. „Früher“, so der Experte, „war der Schwimmkurs in vielen Haushalten Pflicht. Heute können sich vor allem in Ballungsgebieten viele Familien das Training nicht mehr leisten - oder ihre Kinder spielen lieber mit dem Smartphone, als in die Schwimmhalle zu gehen."

Was Eltern tun können

Um Kinder rechtzeitig an das Element Wasser heranzuführen, sollten Eltern sich also nicht allein auf die Schule verlassen. Im Gegenteil: Je früher ein Kind sich im Wasser wohl und sicher fühlt, desto besser die Chance, dass es früh und sicher Schwimmen lernt. Das dient nicht nur der Sicherheit! Schwimmen ist auch eine sportliche Betätigung, die Körper und Geist guttut. Es kräftigt die Muskeln, schont die Gelenke und trainiert Bewegung und Koordination, ebenso wie den Gleichgewichtssinn und weitere Fähigkeiten.

Um Kinder von Anfang an beim Schwimmenlernen zu unterstützen, können Eltern:

1. Die Kleinen möglichst früh ans Wasser heranführen, zum Beispiel in Säuglingsschwimmkursen. Ebenfalls gut geeignet sind sogenannte Wassergewöhnungskurse für Ein- bis Vierjährige an, die viele Schwimmvereine anbieten. Hier lernen schon die Kleinen im Wasser zu gleiten, zu tauchen oder mit Hilfsmitteln die korrekten Beinbewegungen zu trainieren.
2. Schon mit kleinen Kindern regelmäßig ins Schwimmbad gehen – möglichst einmal pro Woche. So entwickelt sich Vertrauen und eine Angst vor dem Nass, die später oder bis in Erwachsenenalter anhält, kann gar nicht erst entstehen.
3. Sich klarmachen, dass zum Schwimmen in komplexer Bewegungsablauf gehört. Crashkurse, die versprechen, Kindern innerhalb weniger Wochen zum Schwimmen zu bringen, sollten daher lieber vermieden werden – auch wenn sie kostengünstiger erscheinen. Ein guter Schwimmkurs, so eine Faustregel, umfasst nicht weniger als 20 Schwimmstunden.
4. Auch zu viele Schüler im Schwimmkurs gefährden den Lernerfolg. Eltern sollten darauf achten, dass nicht mehr als zwölf Kinder pro Kurs unterrichtet werden, ideal sind sogar noch kleinere Schülerzahlen.
5. Was viele nicht wissen: Schwimmlehrer ist in Deutschland keine geschützte Berufsbezeichnung. Wenn Sie sich unsicher sind, fragen Sie deshalb ruhig, ob der Schwimmlehrer ein Zertifikat vorweisen kann. Lizenzierte Lehrgänge für Schwimmlehrer gibt es etwa vom Deutschen Schwimmverband oder der DLRG.

Von der Aufsichtspflicht der Eltern entbindet aber auch ein Schwimmabzeichen nicht. Die DLRG rät, Kinder unter zwölf grundsätzlich nicht unbeaufsichtigt im Wasser zu lassen. Dazu gehört auch das Hinsehen: Eltern, die statt auf ihre Kinder auf das eigene Smartphone fixiert sind, gelten ebenso als Risikofaktoren am Strand wie Kinder, die nicht schwimmen können.

Links:

Zur aktuellen Entwicklung: http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/badetote-in-deutschland-ertrinken-ist-ein-maennliches-problem-a-1218753.html

Forsa-Umfrage: https://www.dlrg.de/fileadmin/user_upload/DLRG.de/Ak-Layout2013/Presse/forsa-Umfrage2017.pdf
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Über den Autor/die Autorin

Ulrike Lindner hat Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Hochschule der Künste, Berlin, studiert. Sie arbeitet als freie Journalistin, Werbetexterin und Moderatorin.

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