Überfordert durch Über-Förderung
Überfordert durch Über-Förderung
Selbst die Allerkleinsten werden heute intensiv gefördert – die Förderung beginnt häufig bereits im Alter von zwei bis drei Monaten. Wie selbstverständlich werden Babys und Kleinkinder von einem Kurs zum nächsten chauffiert: Babyschwimmen, motorische Förderung, Kinder-Yoga zur Entspannung und kaum können die Kleinen ein paar Worte sprechen, sind auch schon erste Fremdsprachen-Angebote gefragt...
Überförderung bei Kindern – Wenn Förderung krank macht
Die Leiter vieler Kurse für Kleinkinder und Grundschulkinder sind häufig pädagogische Laien oder bestenfalls in der angebotenen Disziplin ausgebildet. Das Motto „je früher, desto besser“ führt dazu, dass Angebote meist nicht dem Entwicklungsstand der Kinder entsprechen. Bereits im Kindergartenalter stehen Aktivitäten wie Ballett, Cello oder Mathematik auf dem Programm. Die Woche eines zehnjährigen Kindes kann so stark verplant sein wie ein Erwachsener-Arbeitstag. Für viele Kinder bedeutet das nicht Förderung, sondern Drill und Dressur. Freies Spiel, Zeit für Familie oder Freunde bleibt dabei auf der Strecke.
Die Krux mit den sensiblen Phasen
Begriffe wie „sensible Phasen“ werden von einigen Kursanbietern pseudowissenschaftlich interpretiert. Richtig ist: Kinder sind in bestimmten Entwicklungsphasen besonders empfänglich für Lernen. Das bedeutet jedoch nicht, dass in dieser Zeit erworbene Inhalte lebenslang gespeichert werden. Das Gehirn reorganisiert sich ständig. In den ersten Lebensjahren lassen sich vor allem Grundlagen wie Sozialverhalten fördern. Konkretes Wissen, zum Beispiel Fremdsprachenkenntnisse, wird später oft überschrieben.
Freies Spiel als Schlüssel zur Entwicklung
Das freie Spiel ist die beste Lernform für Kinder. Dabei entwickeln sie:
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Beziehungen zu Gleichaltrigen
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Fähigkeiten zur Konfliktlösung
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Einfühlungsvermögen und Frustrationstoleranz
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Selbstorganisation und Problemlösungsfähigkeiten
Im Gegensatz dazu bestimmen in organisierten Kursen Erwachsene Regeln und Inhalte. Sie greifen ein, wenn Kinder „falsch“ interagieren, ohne zu erkennen, dass dadurch wichtige Lernprozesse blockiert werden. Authentische Erfahrungen und soziale Kompetenzen werden so stark eingeschränkt.
Fazit: Weniger ist mehr
Exzessive Frühförderung hat nachweislich negative Folgen:
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Etwa jedes dritte Schulkind erlebt Stress
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3–10 % zeigen depressive Symptome
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Kinder lernen häufig nur, ehrgeizig und rücksichtslos zu agieren
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Empathie, Solidarität und soziale Fähigkeiten bleiben unzureichend entwickelt
Die beste Förderung ist daher das freie Spiel. Kinder benötigen Raum, um selbstständig zu handeln, zu entdecken und soziale Beziehungen zu knüpfen. Wer diesen Freiraum einschränkt, beraubt sie ihrer Kindheit und zentraler Entwicklungschancen. Die Forderung an Eltern, Erzieher:innen und Gesellschaft lautet klar: Gebt den Kindern wieder mehr freien Spielraum!
Weiterführende Links
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Förderung oder schon Überforderung? Was ist „das Beste“ für mein Kind?
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"Überfördern wir unsere Kinder? Kindheit zwischen Förderung und Überförderung"
Zuletzt geändert am 17.02.2026
Christine Kammerer, Politologin M. A., Heilpraktikerin (Psychotherapie), freie Journalistin und Trainerin. Berufliche Stationen: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Bundeszentrale für politische Bildung, Deutscher Kinderschutzbund.