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Wie besorgniserregend ist die Verrohung unserer Gesellschaft?

Foto aus Froschperspektive, ein posierender Hoodie-Träger
Wissen und Bildung
© Bits and Splits - Fotolia.com
von Christine Kammerer

Zahlreiche Menschen in Deutschland beobachten die Berichterstattung über Gewalttaten in den Medien mit großer Aufmerksamkeit. Viele von ihnen gewinnen dabei zunehmend den Eindruck, als ob die Verrohung insgesamt stetig und beängstigend zunimmt.

Lesedauer:
3 min

Seit einigen Jahren wird in Deutschland intensiv über eine mögliche Verrohung der Gesellschaft diskutiert. Gleichzeitig entsteht bei vielen Menschen der Eindruck, dass Zuwanderung dafür mitverantwortlich sein könnte. Diese Wahrnehmung hat verschiedene Ursachen – doch aktuelle Statistiken und Einschätzungen führender Kriminologen zeigen: Eine direkte Verbindung ist so nicht belegbar.


Kriminalitätsstatistik: Keine generelle Zunahme der Straftaten

Als der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière Anfang 2016 die Kriminalitätsstatistik präsentierte, sprach er von einer „besorgniserregenden“ Entwicklung.

Ein Blick auf die Fakten macht jedoch deutlich:

  • Die Gesamtzahl der Straftaten blieb 2015 im Vergleich zum Vorjahr nahezu unverändert.

  • Lediglich im Bereich der Gewaltkriminalität gab es einen spĂĽrbaren Anstieg.

Diese Entwicklung sollte keinesfalls verharmlost werden. Gleichzeitig ist eine sachliche Analyse hilfreicher als pauschale Panikmache, wie sie in politischen Debatten häufig vorkommt.


Zuwanderung ist nicht die Ursache gesellschaftlicher Verrohung

De Maizière räumte ein, dass der Anteil von Straftaten, die durch Zuwanderer begangen wurden, 2015 überproportional gestiegen sei – insbesondere bei Gewaltdelikten.

Dabei ist jedoch entscheidend:

  • Verantwortlich war vor allem eine kleine Gruppe intensiver Mehrfachtäter.

  • Rund 80 Prozent der Opfer dieser Straftaten waren ebenfalls Zuwanderer.

Das deutet eher auf Konflikte innerhalb bestimmter Lebenssituationen hin, etwa durch beengte Wohnverhältnisse oder soziale Spannungen – nicht aber auf eine allgemeine „Verrohung“ der Gesamtgesellschaft.

Die klare Antwort auf die Frage, ob Verrohung „importiert“ werde, lautet daher: Nein.

De Maizière selbst stellte im April 2016 fest, dass der Trend zur Verrohung bereits vor der Flüchtlingskrise begonnen habe. Hinweise seien unter anderem:

  • eine zunehmende sprachliche Verrohung

  • Respektlosigkeit im öffentlichen Umgang


Zuwanderung als ideologische Vorlage fĂĽr Hass und Gewalt

Auch wenn Zuwanderung nicht die Ursache gesellschaftlicher Verrohung ist, kann sie von bestimmten Gruppen als politische Steilvorlage genutzt werden.

Gerade im Bereich der politisch motivierten Kriminalität dient das Thema Migration häufig als Anknüpfungspunkt für:

  • Propaganda

  • Aggression

  • Hetze

  • Gewalt

Rechtsextreme Akteure nutzen die Flüchtlingsthematik gezielt, um einen ideologischen Konsens zu erzeugen – oft basierend auf Gerüchten und Pauschalurteilen, etwa dass Zuwanderer grundsätzlich kriminell oder gewalttätig seien.

Diese Strategie soll bewusst provozieren und die Gesellschaft spalten.

Ein drastisches Beispiel ist der Messerangriff auf den Bürgermeister von Altena, Andreas Hollstein, im November 2017 – ausdrücklich wegen seines Engagements für Flüchtlinge.


Von verbaler Aggression zur realen Gewalt

Die zunehmende Verrohung zeigt sich besonders deutlich im öffentlichen Diskurs – vor allem in sozialen Medien.

Dort wird häufig:

  • gehetzt

  • beleidigt

  • radikalisiert

  • mit Fake News gearbeitet

Statt konstruktiver Debatten entsteht ein Klima, in dem viele nur noch „dagegen“ sind – unabhängig von Fakten oder Sachfragen.

Die verbale Enthemmung kann schlieĂźlich in reale Gewalt umschlagen.


Respekt als Antwort: Gemeinsam gegen Verrohung

Besonders alarmierend ist die steigende Gewalt gegen:

  • Polizeibeamte

  • Rettungskräfte

  • Politiker

  • Ehrenamtliche

De Maizière sprach hier von einem „massiven“ Anstieg. Deshalb sind alle gesellschaftlichen Gruppen gefordert, aktiv gegenzusteuern.

Das bedeutet konkret:

  • Unwahrheiten und Hetze nicht dulden

  • Respekt im Alltag und online fördern

  • Angriffe nicht ignorieren

  • Menschen nicht wegen Herkunft oder Meinung abwerten

Freiheit und Demokratie sind kostbare Güter – sie brauchen eine Kultur des gegenseitigen Respekts.


Fazit: Verrohung hat viele Ursachen – Zuwanderung ist nicht die Hauptursache

Die Verrohung gesellschaftlicher Umgangsformen ist ein ernstes Thema. Doch aktuelle Daten zeigen: Zuwanderung ist nicht der Ursprung dieser Entwicklung.

Stattdessen spielen Faktoren wie Radikalisierung, Hasspropaganda und sprachliche Enthemmung eine entscheidende Rolle.

Nur durch Sachlichkeit, Zusammenhalt und gegenseitigen Respekt lässt sich dieser Entwicklung entgegenwirken.

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Themen:
Verrohung
Gesellschaft
Zuwanderung
Migrationshintergrund
Gewalt
Respekt
Ăśber den Autor/die Autorin
Foto der lernando-Autorin Christine Kammerer

Christine Kammerer, Politologin M. A., Heilpraktikerin (Psychotherapie), freie Journalistin und Trainerin. Berufliche Stationen: Bundesamt fĂĽr Migration und FlĂĽchtlinge, Bundeszentrale fĂĽr politische Bildung, Deutscher Kinderschutzbund.

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