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Korrigieren oder nicht?

Umgang mit Rechtschreibfehlern

Eine schreibende Schülerin unter Aufsicht
Wissen und Bildung
© diego cervo - Fotolia.com
von Ulrike Lindner

„Das kint get in den tso“ schreibt Luisa in ihr Heft. Was die Erstklässlerin mit Stolz erfüllt, bereitet ihren Eltern eher Sorge. Wie viele Erziehungsberechtigte fragen Sie sich, ob Sie Rechtschreibfehler Ihrer Tochter korrigieren sollen. Oder ob es den kindlichen Lerneifer im Keim ersticken könnte, darauf hinzuweisen, dass der „tso“ eben doch ein Zoo sei.

Lesedauer:
2 min

Schriftspracherwerb in den ersten Schuljahren

Über kaum ein anderes Thema wird seit Jahren so intensiv diskutiert wie der Schriftspracherwerb und der Umgang mit Rechtschreibfehlern. Besonders kontrovers wird die Methode „Lesen durch Schreiben“ diskutiert, bei der Kinder die deutsche Sprache über das Gehörte erschließen. Erwachsene sollen dabei nur wenig eingreifen und Fehler nicht sofort korrigieren.

Die Methode wurde in den 1970er Jahren von dem Schweizer Pädagogen Jürgen Reichen für den Primarschulbereich entwickelt und vom Grundschulverband befürwortet.


Freies Schreiben: Nicht für alle Kinder gleich geeignet

Kritikpunkte:

  • Kinder mit Lernschwierigkeiten oder unsicherer Beherrschung der deutschen Sprache haben oft Probleme mit der Gehör-Methode.

  • Kinder, die Dialekt sprechen, werden häufig benachteiligt.

  • Diese Kinder benötigen eher strukturierte, aufeinander aufbauende Lese- und Schreiblehrgänge.

Vorteile:

  • Kinder, die gut Laute und Silben heraushören können, werden durch freies Schreiben motiviert, eigene Texte zu verfassen.

  • Mit zunehmender Übung können sie später auch die korrekte Rechtschreibung leichter integrieren.

Methodenintegration:
Viele Pädagoginnen und Pädagogen setzen heute auf eine Mischung:

  • Freies Schreiben aus „Lesen durch Schreiben“

  • Systematische Schreiblehrgänge

  • Anlauttabellen zur Vermittlung von Laut-Buchstaben-Beziehungen

  • Verbindlicher Grundwortschatz, der in vielen Bundesländern wieder eingeführt wurde


Umgang mit Rechtschreibfehlern

Grundprinzip:

  • Orthografische Fehler sollen korrigiert werden, aber auf eine ermutigende, nicht entmutigende Weise.

  • Sobald Kinder phonetisch schreiben können, kann die „Erwachsenen-Schreibweise“ gezeigt werden, z. B. neben dem falsch geschriebenen Wort.

  • Wichtiger als absolute Fehlerfreiheit ist die Freude am Schreiben und die Fähigkeit, Texte zu lesen und zu verfassen.

Strategien im Alltag:

  1. Absprache mit Lehrkräften: Klären, wie Hausaufgaben korrigiert werden sollen.

  2. Vergleich mit „Erwachsenen-Schreibweise“: Texte können zum Gegenüberstellen präsentiert werden.

  3. Fokus auf einzelne Regeln: Zu viele Regeln auf einmal überfordern Schreibanfänger. Zunächst z. B. Großschreibung üben.

  4. Viel vorlesen: Lesen fördert das Sprachgefühl. Kinder zum selbstständigen Vorlesen motivieren.

  5. Spielerisch üben: Stadt-Land-Fluss, Leselern-Spiele, Buchstabensuppe, Kreuzworträtsel oder Scrabble.

  6. Geschriebenes im Alltag: Bücher, Zeitschriften, Einkaufszettel, kleine Briefe, Magnetbuchstaben am Kühlschrank machen Schrift sichtbar und greifbar.


Kernbotschaft:
Der Schriftspracherwerb ist ein Entwicklungsprozess, der Kinder motivieren und Spaß machen sollte. Fehler gehören dazu und können lernförderlich genutzt werden – sie sind kein Grund zur Kritik, sondern Anknüpfungspunkt für spielerisches und strukturiertes Lernen.

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Über den Autor/die Autorin
Foto der lernando-Autorin Ulrike Lindner

Ulrike Lindner hat Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Hochschule der Künste, Berlin, studiert. Sie arbeitet als freie Journalistin, Werbetexterin und Moderatorin.

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