Zeitgefühl entwickeln
Zeitgefühl entwickeln
Zeit begleitet uns ein Leben lang, gewollt oder nicht. Sie kann bei gleicher Dauer die unterschiedlichsten Eindrücke und Erfahrungen hinterlassen. Es entwickelt sich bei jedem von uns ein gewisses Gefühl für Zeit und deren Länge. Auf diesem nicht ganz einfachen Weg sollten wir unsere Kinder unterstützen. Im nachfolgenden Beitrag finden Sie dazu einige Anregungen.
Zeit – was ist das?
Wie Zeit allgemein verstanden wird
Unter Zeit versteht man üblicherweise die regelmäßige und fortlaufende Entwicklung, innerhalb derer alle Veränderungen stattfinden. Diese reale Zeit ist messbar. Sie beschreibt die Dauer von „aufeinanderfolgenden Veränderungen“ (1).
Der englische Naturforscher Isaac Newton (1643–1727) bezeichnete diese messbare Dauer als relative Zeit. Neben ihr existiert die Vorstellung einer idealen Zeit, die nicht gemessen werden kann. Sie ist eine gedachte, reine Ordnung – Newton nannte sie absolute Zeit.
Mit Einsteins spezieller Relativitätstheorie (1905) verlor diese Vorstellung der absoluten Zeit ihre Allgemeingültigkeit (3). Der Philosoph Immanuel Kant (1724–1804) stellte Zeit und Raum gleich und sah sie als „Form der sinnlichen Anschauung“ (4).
Unterschiedliches subjektives Zeitempfinden
Warum Zeit manchmal schnell, manchmal langsam vergeht
Wird eine Tätigkeit mit Freude und Interesse ausgeführt, vergeht die Zeit scheinbar im Flug. Aufgaben, die weniger Freude bereiten, ziehen sich hingegen endlos. Der Satz „Mir ist langweilig“, den viele Kinder äußern, drückt genau dieses Empfinden aus.
Intensiv erlebte Situationen bleiben länger im Gedächtnis als Phasen der Langeweile. Wenn nichts passiert, fühlt es sich an, als stünde die Zeit still. Bei Beschäftigung hingegen „fließt“ sie – ein Bild, das bereits in der Antike verwendet wurde. So sprach der Philosoph Heraklit von Ephesos vom Flussbett, in dem „alles fließt“ (5).
Spätestens mit Einstein gilt als allgemein bekannt: Zeit ist relativ – auch wenn dieses Konzept nicht immer leicht zu verstehen oder zu erklären ist.
Tipps für einen kindgerechten Zugang zur Zeit
Zeiträume an Erfahrungen knüpfen
Kinder entwickeln etwa ab dem vierten Lebensjahr ein erstes Verständnis für Zeit. Das kann variieren, sollte aber stets am individuellen Entwicklungsstand orientiert werden.
Wichtig ist: Zeitbegriffe sollten sich auf Situationen beziehen, die dem Kind vertraut sind.
Mit Kindern über Zeit nachdenken – philosophieren erwünscht
Fragen, die Kinder zum Nachdenken anregen
Ein Gespräch über Zeit lässt sich einfach beginnen – und führt oft zu erstaunlich weisen Antworten. Beispielsweise:
- „Was ist Zeit?“
- „Wann merkst du nicht, wie spät es wird?“
- „Wann ist dir langweilig und die Zeit scheint stehen zu bleiben?“
Auch grundlegende Gedanken über das Leben entstehen dabei:
- Unser Leben ist begrenzt.
- Jeder Tag ist wertvoll.
- Zeit sollte nicht „verschenkt“ werden.
Struktur und Rhythmus
Warum feste Abläufe helfen
Ein wiederkehrender Tagesrhythmus gibt Orientierung:
- durch das Vorleben der Erwachsenen
- durch regelmäßige Aufgaben für Kind, Familie oder Freunde
- durch Erfahrungen, wie lange Tätigkeiten dauern
Kleine Experimente zur Zeit
Flüssigkeiten und Filter
- Mit einem Trichter Flüssigkeiten in ein anderes Gefäß laufen lassen
- farbige oder klare Flüssigkeiten verwenden
- Filtermaterialien wie Sand oder Kies nutzen
- verschiedene Mengen vergleichen
(Bitte nur ungiftige Farben verwenden.)
Die Eieruhr nutzen
- Sanddurchlauf stoppen
- Uhren in verschiedenen Größen ausprobieren
- Eine eigene Sanduhr bauen (Linktipps am Ende)
Zeitpendel
- Dauer eines Pendelschwungs messen
- Wiederholungen vergleichen
Weitere Bastelideen
Zeitkiste
- Eine individuell gestaltete Kiste
- Ein langer Strick steht für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
- Wichtige persönliche Ereignisse an passenden Stellen befestigen
Kerzenuhr
- Kerze ziehen
- Markierungen setzen
- Abbrennzeit messen
Strickuhr
- mehrfach verknoteten dicken Strick abbrennen lassen
- Zeit anhand der Knotenabstände beobachten
(Letzte beiden Methoden nur unter Aufsicht!)
Sonnenuhr
- Am Strand oder im Garten einfach umsetzbar
Zeiträume schätzen lernen
Ein eindrucksvolles Experiment:
Das Kind schließt die Augen und sagt, wann es glaubt, dass eine Minute vergangen ist. Dasselbe funktioniert mit anderen Zeitspannen. Eine tickende Uhr kann helfen, ein Gefühl dafür zu entwickeln.
Erst wenn ein Kind Zeiträume sicher einschätzen kann, folgt der nächste Schritt:
- Uhrzeiten einstellen und ablesen
- Zeitspannen berechnen
- Fahrzeiten bestimmen
- Orientierung in und zwischen Zeitzonen
Literaturtipps, Links und Quellen
- Unser Leben hat Sinn, Prof. Fr. Helmut Zöpfl, rosenheimer
- Du bist einmalig, Gedanken über Gott und die Welt, Prof. Dr. Helmut Zöpfl, rosenheimer
- Lass dir Zeit, Prof. Fr. Helmut Zöpfl, rosenheimer
- Hört die Zeit auch mal auf?, Prof. Barbara Brüning, militzke
Linktipps
- https://www.geo.de/geolino/basteln/8122-rtkl-experiment-sanduhr-selbst-bauen
- http://www.medienwerkstatt-online.de/lws_wissen/index.php?action=SUCHEN&searchtext=zeit&action_search2.x=0&action_search2.y=0
Quellen
(1) Bertelsmann Universal Lexikon, Band 20, Verlagsgruppe Bertelsmann GmbH, Gütersloh, 1994, Seite 92
(2) ebd.
(3) https://de.wikipedia.org/wiki/Zeit
(4) Bertelsmann Universal Lexikon, Band 20, Verlagsgruppe Bertelsmann GmbH, Gütersloh, 1994, Seite 92
(5) https://de.wikipedia.org/wiki/Zeit
Zuletzt geändert am 11.02.2026
Jörg Sauer ist ausgebildeter Grundschullehrer und unterrichtet seit über 20 Jahren an einer Schule. Neben der Lehrertätigkeit führte er in den vergangenen Jahren zahlreiche Weiterbildungen über die Nutzung von Neuen Medien im Unterricht durch.