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Haul und Unboxing - neue Werbeformen im Internet

Zwei Mädchen am Laptop
Wissen und Bildung
© scottdunlap - istockphoto.com
von Christine Kammerer

Wenn Kaufentscheidungen anstehen informieren sich Kinder und Jugendliche vorab über Produkte wie selbstverständlich im Internet. Als Quelle dienen meist Bewertungen anderer Nutzer in sozialen Netzwerken, zum Beispiel YouTube-Videos, die von Privatpersonen produziert wurden. Ihre Inhalte werden im Unterschied zur Werbung von Unternehmen als authentisch und sympathisch empfunden. Sie genießen daher eine hohe Glaubwürdigkeit...

Lesedauer:
4 min

Solche Inhalte genießen zunächst eine hohe Glaubwürdigkeit bei den Zuschauern. Inzwischen handelt es sich jedoch immer häufiger nicht mehr um echte Verbrauchermeinungen, sondern um gekaufte Bewertungen. Die Filmemacher präsentieren die Produkte natürlich sehr positiv – schließlich werden sie dafür bezahlt. Problematisch ist das vor allem, weil Kinder und Jugendliche oft nicht mehr unterscheiden können, ob es sich um reine Unterhaltung oder bereits um Werbung handelt.

Haul-Videos – Shopping, Tipps und versteckte Werbung

Das englische Wort „haul“ bedeutet „Fang“, „Ausbeute“ oder „Fischzug“. In Haul-Videos zeigen Privatpersonen – meist junge Frauen – ihre Einkaufsbeute auf Videoportalen wie YouTube. Dabei handelt es sich beispielsweise um Kleidung, modische Accessoires oder Kosmetikartikel. Neben klassischen Fashion-Hauls gibt es auch Food-Hauls, in denen frisch gekaufte Lebensmittel präsentiert werden.

Die Urheberinnen und Urheber erzählen von ihrem Shopping-Erlebnis, geben Details zu den Produkten wie Preis, Größe oder Herkunft preis und teilen anschließend Tipps und Empfehlungen zur Nutzung.

Neben dem Austausch mit der Community geht es für viele Akteure auch darum, Bekanntheit im Internet zu erlangen. Je größer die Reichweite ihrer Videos, desto eher können sie damit Geld verdienen. Zuschauerinnen und Zuschauer können über die Kommentar-Funktionen Feedback geben und sich mit den Produzenten austauschen.

Haul-Videos wirken besonders persönlich und glaubwürdig, weil sie meist zu Hause gedreht werden. Sie werden nicht offiziell als Werbung von den Firmen produziert, deren Produkte gezeigt werden. Unternehmen haben jedoch längst erkannt, dass diese positiven Erfahrungsberichte eine attraktive Werbewirkung haben.

Oft werden in Hauls nur positive Aspekte der Produkte gezeigt, da die Käuferinnen und Käufer die Produkte ohnehin freiwillig gekauft haben. Genau das macht Haul-Videos besonders interessant für Sponsoring und Markenwerbung.

Unternehmen honorieren die Produzenten entweder durch Geldzahlungen oder durch kostenlose Produkte. Zusätzliche Einnahmen entstehen, wenn die Videos Werbung oder Partnerprogramme auf Plattformen wie YouTube enthalten. Bezahlte Inhalte erkennt man häufig daran, dass

  • die Wortwahl typische Werbefloskeln enthält,

  • Formulierungen offiziellen Werbeslogans ähneln, und

  • die Produkte mit ĂĽbertriebenen Lobeshymnen präsentiert werden.

Unboxing – Das Auspack-Erlebnis online erleben

Der Trend des „Unboxing“ ist schon etwas älter, setzt sich aber bis heute stark durch. Bei Unboxing-Videos zeigen Menschen, wie sie ein Paket öffnen – von der ersten Berührung des Kartons bis zum letzten Detail des Produkts. Besonders beliebt sind solche Videos bei Technikartikeln, Spielzeug oder anderen spannenden Neuheiten.

Die Macher dieser Videos filmen meist zuhause, wie sie ihr neues Produkt auspacken, Stück für Stück vorstellen, erklären und testen. Dabei kommentieren sie den gesamten Vorgang und geben Tipps zur Nutzung. Zuschauer bekommen so das Gefühl, selbst dabei zu sein und das Produkt hautnah zu erleben.

Unboxing-Videos wirken sehr authentisch, da die Filmer ihre echten Reaktionen zeigen – Vorfreude, Staunen und Freude inklusive. Genau diese Authentizität macht die Videos für Zuschauer attraktiv, die noch unsicher sind, ob sie das Produkt selbst kaufen möchten.

Auch Unternehmen haben den Trend längst erkannt: Wer in einem Unboxing-Video vorkommt, profitiert von der Reichweite und kann sein Produkt gezielt bewerben. Oft erhalten die Video-Macher die Artikel kostenlos oder bekommen Geld für die Vorstellung. Auf diese Weise verschwimmen Unterhaltung, private Meinung und Werbung – ähnlich wie beim Haul.

 

Versteckte Werbung in Haul- und Unboxing-Videos

Haul- und Unboxing-Videos wirken auf den ersten Blick wie harmlose Erfahrungsberichte: Influencer oder YouTuber zeigen, was sie gekauft haben, oder packen neue Produkte vor der Kamera aus. Doch hinter der scheinbar privaten Präsentation steckt oft Werbung, die nicht immer klar gekennzeichnet ist.

Die Grenze zwischen Unterhaltung und Marketing ist fließend. Kinder und Jugendliche erkennen diese Vermischung nur selten und werden so unbewusst beeinflusst. Sie liken Produkte, teilen Videos oder entwickeln ein Interesse an bestimmten Marken – ohne dass ihnen der werbliche Charakter bewusst ist.

Social-Media-Plattformen verstärken diesen Effekt noch. Inhalte verbreiten sich in Sekundenschnelle, wodurch Marken schnell und effektiv ihre Reichweite erhöhen. Wer Haul- oder Unboxing-Videos konsumiert, sollte sich daher bewusst machen: Nicht alles, was nach privatem Erfahrungsbericht aussieht, ist wirklich neutral.

Tipps für Eltern und Jugendliche: Achten Sie auf Hinweise wie „Werbung“ oder „Sponsored“ und besprechen Sie mit Kindern, wie man Werbung von echten Empfehlungen unterscheidet.

 

Rechtliche Lage: Transparenz bei Werbung im Netz

In den USA gibt es bereits klare Regeln für Online-Inhalte: Wer Produkte kostenlos erhält oder für Werbung bezahlt wird, muss dies transparent machen. Markennamen, Sponsoren und erhaltene Geschenke müssen eindeutig offengelegt werden, damit Zuschauer erkennen können, ob es sich um Werbung handelt.

In Deutschland gilt Ähnliches: Inhalte müssen so gekennzeichnet sein, dass der durchschnittliche Nutzer sofort erkennen kann, ob Werbung vorliegt. Kommerzielle Kommunikation muss nach § 6 Telemediengesetz (TMG) klar erkennbar sein. Zusätzlich greifen Vorschriften des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG), die Verbraucher vor irreführender Werbung schützen. Versteckte Werbung oder als neutrale Information getarnte Werbeinhalte sind ausdrücklich verboten.

Trotz dieser Regeln bewegen sich viele Haul- und Unboxing-Videos oft in einer rechtlichen Grauzone. Eine lückenlose Kontrolle ist schwierig, sodass die Kennzeichnungspflichten häufig nicht vollständig umgesetzt werden. Ziel der Vorschriften ist vor allem Transparenz, faire Werbung und Schutz der Konsumenten – insbesondere von Kindern und Jugendlichen, die Werbung schwerer erkennen können.

Fazit: Die richtigen Fragen stellen

Lehrer und Eltern können Kindern und Jugendlichen einige Instrumente an die Hand geben, um Werbebotschaften im Internet zu enttarnen. Dazu gehören zum Beispiel auch gezielte Fragestellungen an die Inhalte der Videos:

1. Handelt es sich um Unterhaltung, Information oder Werbung?
2. Bezieht sich der Inhalt auf ein bestimmtes Produkt und dessen Eigenschaften?
3. Ist das Ziel, die Absicht, der Zweck hauptsächlich kommerziell?
4. Ist es ein privates Video?
5. Kannst Du erkennen, wer das Video
a) produziert und
b) finanziert hat?
6. Gibt es einen Sponsor?
7. Gibt es ausreichend Hinweise auf
a) den Sponsor,
b) den Werbecharakter,
c) das Verhältnis zwischen dem Unternehmen und dem Produzenten?
8. Welchen Einfluss hat der Sponsor oder das Unternehmen auf die Inhalte?

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Ăśber den Autor/die Autorin
Foto der lernando-Autorin Christine Kammerer

Christine Kammerer, Politologin M. A., Heilpraktikerin (Psychotherapie), freie Journalistin und Trainerin. Berufliche Stationen: Bundesamt fĂĽr Migration und FlĂĽchtlinge, Bundeszentrale fĂĽr politische Bildung, Deutscher Kinderschutzbund.

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