Hochbegabung bei Kindern â Anzeichen und Fördermöglichkeiten
Hochbegabung bei Kindern â Anzeichen und Fördermöglichkeiten
Jedes Kind ist begabt â das eine kann besonders gut zeichnen, ein anderes beweist seine groĂe Geschicklichkeit beim Handball und das dritte ĂŒberrascht mit seinem musikalischen Können am Klavier. Einige Kinder jedoch liegen mit ihren Talenten weit ĂŒber dem Durchschnitt. Nicht immer ist es fĂŒr Eltern und LehrkrĂ€fte einfach, eine Hochbegabung zu erkennen und zu fördern. Darauf sollten Sie achten:
Das Thema Hochbegabung sorgt bei vielen Eltern fĂŒr GesprĂ€chsstoff. HĂ€ufig entsteht eine Mischung aus Hoffnung und Unsicherheit: Mein Kind spricht schon so frĂŒh vollstĂ€ndige SĂ€tze, mein Kind ist so gut in Mathe, ... ist es etwa hochbegabt?
TatsĂ€chlich sind nur rund 2,2 Prozent der Bevölkerung hochbegabt, das heiĂt ihr IQ liegt ĂŒber 130. Ein normaler Intelligenzwert bewegt sich zwischen 95 bis 100. Die FĂ€higkeit, komplex zu denken und das Wissen schnell zu verknĂŒpfen, die mit einem IQ-Test nachgewiesen wird, sagt aber noch nichts ĂŒber die spezielle Begabung des Kindes aus. Hochbegabung hat viele Gesichter: So kann es sein, dass ein Kind seinen Gleichaltrigen im mathematisch-logischen Denken weit voraus ist oder im musischen oder sportlichen Bereich auffallendes Talent zeigt.
Von welchen Faktoren eine ĂŒberdurchschnittliche Begabung allerdings abhĂ€ngt, beschĂ€ftigt die Wissenschaft in hohem MaĂe. Bislang vermuten Forschende genetische Voraussetzungen, aber auch der soziale Einfluss spiele eine Rolle.
Hochbegabung bei Kindern frĂŒhzeitig erkennen
âHochbegabung bei Kindern fĂ€ngt nicht erst in der Schule an, nur dauert es meist etliche Jahre, bis sie erkannt wirdâ, beschreibt Hanna Vock vom Institut zur Förderung hochbegabter Vorschulkinder (IHVO) das PhĂ€nomen. Eltern seien oft unsicher, hĂ€tten wenig Vergleichsmöglichkeiten und wĂŒrden sich scheuen, ĂŒber ihre Vermutungen zu sprechen. Auch fĂŒr Erzieher:innen sei es nicht leicht, Hochbegabung bei Kindern zu erkennen und sie abzugrenzen von normalen Entwicklungsschwankungen oder besonders ehrgeiziger Förderung aus dem Elternhaus.
Die Deutsche Gesellschaft fĂŒr das hochbegabte Kind (DGhK) in Berlin kennt typische Anzeichen einer Hochbegabung. Kleine Schnelldenkende langweilen sich schon im Kindergarten, finden âmanche Spiele doofâ und stören âum wahrgenommen zu werdenâ. In der Grundschule fĂŒhlt sich das Kind âstĂ€ndig unterfordertâ, gilt als Streber:in oder Besserwisser:in und kann sogar, âtrotz bekannter Intelligenz unerklĂ€rlich schwache Leistungenâ hervorbringen. Ein sehr geringes SchlafbedĂŒrfnis und ein sehr wacher und aufmerksamer Blick auf die Welt seien ebenso typisch fĂŒr hochbegabte Kinder.
Auch im familiĂ€ren Umfeld grenzt sich das hochbegabte Kind vom Verhalten Gleichaltriger ab. Manchmal kĂ€me es auch zu VerhaltensauffĂ€lligkeiten, die auf eine Unterforderung hindeuten können, so Christian Fischer vom Internationalen Centrum fĂŒr Begabungsforschung an der UniversitĂ€t MĂŒnster.
In seiner sozialen Umgebung sticht das hochbegabte Kind auĂerdem hervor, âweil es perfektionistisch und sich selbst und Anderen gegenĂŒber sehr kritisch istâ und âweil es intellektuell zwar seinem Alter um Jahre voraus ist, gefĂŒhlsmĂ€Ăig aber meist seinem Alter entsprechend reagiertâ.
Hochbegabung bei Kindern â Förderung im familiĂ€ren Umfeld
AuĂerschulische Förderung und Angebote
Eltern mit feinen Antennen fĂŒr die BedĂŒrfnisse ihres Kindes werden vielleicht schon intuitiv auf den Wissensdurst ihres Kindes reagieren und es auĂerhalb von Schule und Hort mit passenden Angeboten unterstĂŒtzen. SpĂ€testens wenn sich die Hochbegabung bestĂ€tigt, sollten Eltern ihr Kind gezielt fördern. Kinder mit einer Begabung im logischen Denken werden sich im Schachclub gut aufgehoben wissen, musikalisch talentierte Kinder sollten ein Instrument erlernen.
Wissen vertiefen
Besonders begabte Kinder sind immer auf der Suche nach neuen Ideen und Lösungen. Dabei sei es durchaus legitim, wenn Eltern nicht immer die passende Antwort bereit hĂ€tten, erklĂ€rt der DGhK. Wenn Eltern sich mit den Fragen zu oftmals sehr speziellen Themen ĂŒberfordert fĂŒhlen, kann es hilfreich sein, dem Kind den Zugang zu Bibliotheken in der Umgebung zu ermöglichen. Diese bieten vertiefende Literatur und vor allem auch Fachzeitschriften an.
Digitale Förderung
Hochbegabte Kinder profitieren besonders von Angeboten, die selbststĂ€ndiges Lernen, kreatives Arbeiten, logisches Denken und komplexe Problemlösung fördern. Digitale Tools eignen sich dafĂŒr hervorragend, wenn sie flexibel, herausfordernd und offen gestaltet sind.
Tolle Programme sind bspw.:
- Scratch â Programmieren fĂŒr Kinder (ab ca. 7 Jahren)
- Kinder erstellen eigene Spiele, Animationen und interaktive Geschichten
- Fördert logisches Denken, KreativitÀt und Problemlösekompetenz
- Komplett kostenlos
- Tinkercad â 3D-Design & Elektronik (ab ca. 8 Jahren)
- Browserbasiertes Tool fĂŒr 3DâModelle, Elektronik und einfache Programmierung
- Ideal fĂŒr Kinder mit Interesse an Technik, Bauen, Architektur
- Sehr gut zur Förderung des rÀumlichen Denkens und des technischen VerstÀndnisses
- mBlock â Programmieren + Robotik + KI
- Aufbauend auf Scratch, aber erweitert um Robotik, Arduino und kĂŒnstliche Intelligenz
- Optimal fĂŒr wissbegierige Kinder, die mehr Tiefe möchten
- EdClub â Zehnfingersystem spielerisch lernen
- Adaptives Lernsystem, fördert Konzentration und Durchhaltevermögen
- Besonders fĂŒr Kinder, die SpaĂ an Tempo und Herausforderung haben
- GeoGebra â Mathe interaktiv
- Dynamische Mathematiksoftware fĂŒr Geometrie, Algebra, Statistik
- Sehr geeignet fĂŒr mathematisch begabte Kinder
- Khan Academy â Breites Spektrum an Lerninhalten
- Mathe, Naturwissenschaften, Informatik, Kunst â alles kostenlos
- Kinder können im eigenen Tempo selbststÀndig lernen
- Code.org â Spielerischer Einstieg in die Informatik
- Sehr kindgerechte Programmieraufgaben, von einfach bis anspruchsvoll
PĂ€dagogisch bewertete Spiele-Datenbank
- Die Stiftung Digitale Spielekultur fĂŒhrt eine umfangreiche Datenbank
- Nach Alter, Thema, Lernziel, zusÀtzlicher medienpÀdagogischer Einordnung, usw. filterbar
- Ideal, um passende Spiele zu finden
Kommunikation ist wichtig
Auf jeden Fall, rĂ€t der DGhK, sollten Eltern mit ihren Kindern offen ĂŒber die Hochbegabung reden ohne die Nachteile auszuklammern. Erleichternd kann es auch sein, das Kind mit anderen hochbegabten Kindern zusammenzubringen. WĂ€hrend die Kinder sich auf ihrem Themenfeld austoben, experimentieren oder tĂŒfteln, können die Eltern sich untereinander austauschen, Strategien fĂŒr den Alltag und die Lernumgebung besprechen.
Ratgeber und Fördermöglichkeiten bei Hochbegabung
Hochbegabung bei Kindern in der Schule
Mittlerweile haben sich viele KindergĂ€rten und Schulen auf das PhĂ€nomen Hochbegabung eingestellt. Die Begabtenförderprogramme sind in den letzten 20 Jahren deutlich ausgeweitet worden. Doch nicht immer ist es einfach, eine Hochbegabung bei Kindern zu erkennen. Es kann vorkommen, dass ein hochbegabtes Kind versucht, sein besonderes Talent zu verstecken und absichtlich falsche Antworten gibt â auch um im Klassenverband akzeptiert zu werden. Andere Kinder fallen durch störendes Verhalten auf, spielen den Clown oder sind patzig. Oftmals gelingt es LehrkrĂ€ften nicht, hochbegabte SchĂŒler:innen zu identifizieren. Vor allem weil sie dazu neigen âsich bei dieser Beurteilung vorwiegend an den schulischen Leistungen ihrer SchĂŒlerinnen und SchĂŒler zu orientierenâ, so Eva Stumpf, Professorin fĂŒr pĂ€dagogische Psychologie.
Hat sich der Verdacht auf Hochbegabung allerdings bestĂ€tigt â meist nach mehreren Testverfahren â kann das Talent gezielt gefördert werden. GĂ€ngige Praxis an vielen Schulen ist es, ein Kind vorzeitig einzuschulen oder das Kind eine Klasse ĂŒberspringen zu lassen. Problematisch kann es jedoch sein, wenn das Kind emotional und sozial nicht den Stand der Klassenkamerad:innen erreicht. Hier mĂŒssen LehrkrĂ€fte, Erziehende und Eltern eine gemeinsame Lösung finden, die dem Charakter des Kindes am ehesten entspricht.
In vielen Schulen werden hochbegabten Kindern zusĂ€tzliche Materialien angeboten oder die aktuellen Inhalte vertieft. Bei dieser Methode geht es vor allem um âeine Individualisierung des Unterrichtsâ. Auch ein hohes MaĂ an selbststĂ€ndigem Arbeiten komme dem Kind entgegen, so Stumpf.
Eine andere Variante ist es, das Kind teilweise vom Unterricht der Klasse freizustellen und die Teilnahme an speziellem Kinderseminaren zu ermöglichen. Das Deutsche Zentrum fĂŒr Luft- und Raumfahrt bietet zum Beispiel SchĂŒlerlabore an, in denen SchĂŒler:innen experimentieren und forschen können. Naturwissenschaftlichen Interessen werden in Kursen wie etwa Chemie, Biologie, Physik oder Mathematik nachgegangen. Rund 200 solcher SchĂŒlerlabore, so Stumpf, gebe es mittlerweile in Deutschland. Angesprochen werden hier nicht nur SchĂŒler:innen der Mittel- und Oberstufe, auch Grundschulkinder können teilnehmen.
Hochbegabte Kinder sind ganz normale Kinder
Trotz der Hochbegabung ist es auch fĂŒr diese Kinder wichtig, dazuzugehören und Freund:innen zu haben. LehrkrĂ€fte sollten versuchen, die Kinder in den Klassenverband zu integrieren und nicht in eine Sonderrolle zu versetzen. Die jeweiligen Leistungen sollten unbedingt anerkannt werden, rĂ€t auch der DGhK, jedoch ohne das Kind herauszustellen.
Das Gleiche gilt auch fĂŒr die Familie: Eine Hochbegabung ist nicht das einzige Wesensmerkmal eines Kindes. Denn bei aller Förderung sollten Eltern nicht vergessen, dass ihr Kind genau wie alle anderen Kinder auch Liebe, Geborgenheit und Zuwendung braucht und â genau wie seine Altersgenoss:innen â manchmal einfach nur spielen will.
Quellen:
- www.dghk.de/hochbegabung
- Bastis Lernwelt: Hochbegabte Kinder fördern
- Stumpf, Eva: Förderung bei Hochbegabung. Kohlhammer. 2012.
- Fisher, Christian. In: www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/genies-in-der-grundschule-wie-sich-hochbegabung-erkennen-laesst-a-304859.html
- Vock, Hanna. In: "KiTa aktuell", Ausgaben NRW und Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Oktober 2003.
Melanie Herber hat Medienwissenschaften, Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation in Leipzig und WĂŒrzburg studiert. Ihr beruflicher Werdegang ist von verschiedenen Etappen in der Bildungswelt geprĂ€gt: Hochschulkommunikation, Bildungsministerium, Bildungsmedienverlag. Sie ist Teil der Redaktion von lernando aus dem Hause Westermann.