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Verbale Entgleisungen - wann ist es Gewalt?

EFoto eines Mädchens mit megafon
Wissen und Bildung
© WavebreakmediaMicro - Fotolia.de
von Christine Kammerer

Die Gewalt an Schulen nimmt zu. Doch heute sind es nicht mehr so sehr die Schüler, die prügelnde Lehrer fürchten müssen. Es sind vielfach die Lehrer selbst, die bedroht und tätlich angegangen werden. Der Lehrerverband Bildung und Erziehung (VBE) stellte im November 2016 in Düsseldorf eine repräsentative Forsa-Umfrage vor, in deren Rahmen bundesweit fast 2.000 Lehrerinnen und Lehrer befragt wurden. Sie ergab, dass fast ein Viertel aller deutschen Lehrer schon einmal beschimpft, bedroht und gemobbt wurde.

Lesedauer:
3 min

Psychische Gewalt – wenn Worte verletzen wie Schläge

Laut einer Umfrage gaben 23 Prozent der Lehrkräfte an, an ihrer Schule Opfer psychischer Gewalt durch Schüler, Eltern oder Kollegen geworden zu sein.

Anders als körperliche Übergriffe hinterlässt psychische Gewalt keine sichtbaren Spuren. Sie wirkt still, oft unbemerkt – und ist für Betroffene wie Außenstehende schwerer zu erkennen. Doch ihre Folgen können genauso zerstörerisch sein wie körperliche Verletzungen.

Ab wann ist eine Äußerung psychische Gewalt?

Nicht jede Entgleisung ist gleich Gewalt. Entscheidend ist die Absicht, die dahintersteht:

Ziel psychischer Gewalt ist Machtgewinn.
Der Täter möchte sein Gegenüber abwerten, dominieren oder kontrollieren – und sich dadurch selbst aufwerten.

Formen psychischer Gewalt

Psychische bzw. verbale Gewalt zeigt sich auf sehr unterschiedliche Weise. Offensichtliche Formen sind:

  • Beschimpfungen
  • Herumbrüllen
  • Drohungen
  • offene Abwertungen
  • destruktive Kritik

Schwieriger zu erkennen sind die subtile Varianten – oft Alltag in Schulen, Betrieben und sogar Familien:

  • respektloser Umgang
  • abfälliger Tonfall
  • ständige Unhöflichkeit
  • ironisch verpackte Abwertungen
  • herablassendes Verhalten
  • Ausgrenzen, Ignorieren
  • absichtliches „Missverstehen“
  • Bevormundung

In unserer Leistungsgesellschaft hat vieles davon traurigerweise Normalitätsstatus. Menschen, die andere bloßstellen oder manipulativ agieren, gelten nicht selten als „schlau“ oder „schlagfertig“ – ein fatales Signal.

Subtile Psycho-Spielchen – die unsichtbare Form der Gewalt

Viele Täter nutzen verdeckte Formen, die schwer beweisbar sind:

  • abwertende Kommentare, die „nicht so gemeint waren“
  • verletzende Aussagen, als Witz getarnt
  • bewusst leise gesprochene Gemeinheiten
  • Kommunikationsverweigerung
  • absichtliches Vergessen von Absprachen
  • widersprechen „um des Widersprechens willen“

Wer darauf reagiert, wird mit Sätzen abgewiegelt wie:

  • „Du bist zu empfindlich.“
  • „Das war doch nur Spaß.“
  • „Du übertreibst.“
  • „Du bildest dir das ein.“

Diese Strategie nennt man heute oft Gaslighting – eine besonders manipulative Form psychischer Gewalt, bei der das Opfer an seinem eigenen Wahrnehmungsvermögen zweifelt.

Folgen psychischer Gewalt

Menschen, die längerfristig psychischer Gewalt ausgesetzt sind, berichten, dass diese oft schlimmer ist als körperliche Verletzungen.

Mögliche Auswirkungen:

  • schwindendes Selbstwertgefühl
  • Angstzustände
  • Rückzug
  • depressive Symptome
  • Gefühl des „Verrücktwerdens“
  • emotionale Abhängigkeit
  • Verdrängung und Selbstzweifel
  • Selbstbeschuldigung

Erschwerend: Viele Betroffene schweigen.
Laut Umfrage betrachten 57 % der Lehrkräfte Gewalt gegen Lehrkräfte als Tabuthema.
Nur in 9 % der Fälle körperlicher Übergriffe wird überhaupt Anzeige erstattet.

Wie kann man reagieren? – Regeln, Sanktionen, Dokumentation

Ob zu Hause, in der Schule oder am Arbeitsplatz: Es braucht klare Grenzen.

1. Klare Gesprächs- und Umgangsregeln

Jeder muss wissen:

  • Was ist akzeptables Verhalten?
  • Was ist ein Regelverstoß?

2. Sofortige Reaktion

Auf Fehlverhalten muss unmittelbar reagiert werden – konsequent, ruhig und eindeutig.

Differenzieren ist wichtig:

  • Verbale Entgleisungen (z. B. Provokation)
    → humorvoll kontern, Grenzen zeigen
  • Verbale Gewalt (z. B. Beleidigung, Demütigung)
    → klare Zurechtweisung, Konsequenzen

3. Konsequenzen

Dazu gehören z. B.:

  • Gespräch mit den Beteiligten
  • pädagogische Maßnahmen
  • Elternkontakt
  • Ordnungsmaßnahmen im Rahmen der Schulordnung

4. Dokumentation

Der VBE fordert zu Recht:
Gewalttätige Vorfälle müssen verpflichtend gemeldet und dokumentiert werden.

Nur so lassen sich Muster erkennen und Schutzmaßnahmen entwickeln.

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Zuletzt aktualisiert am: 09.02.2026

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Über den Autor/die Autorin
Foto der lernando-Autorin Christine Kammerer

Christine Kammerer, Politologin M. A., Heilpraktikerin (Psychotherapie), freie Journalistin und Trainerin. Berufliche Stationen: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Bundeszentrale für politische Bildung, Deutscher Kinderschutzbund.

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