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Lifestage, Snapchat & WhatsApp - wo bleibt die zwischenmenschliche Nähe?

Familie schaut gemeinsam in ein Tablet
Freizeit und Erholung
© Rawpixel.com - Fotolia.de
von Christine Kammerer

Jüngste Studien zum Medienverhalten Jugendlicher sind alarmierend. Sie bestätigen im Wesentlichen, was viele Eltern, Pädagogen und Erzieher schon seit geraumer Zeit befürchten: Durch die exzessive Medien-Nutzung wird das Soziale zunehmend verdrängt. Die konkreten Auswirkungen machen sich heute bereits bemerkbar.

Lesedauer:
3 min

Digitale Signale statt persönlicher Kontakt

Immer häufiger zeigen sich bei Jugendlichen ein Mangel an Empathie und Konfliktfähigkeit, während narzisstische und egoistische Verhaltensweisen zunehmen. Zugleich verspüren viele junge Menschen immer weniger das Bedürfnis, sich mit dem realen Leben auseinanderzusetzen. Virtuelle Welten erscheinen ihnen oft als attraktivere Alternative.

Jugendliche erleben es heute als selbstverständlich, dass ihr Alltag durch digitale Kommunikation in kleine Einheiten zersplittert wird. Soziale Aktivitäten werden ständig unterbrochen – durch das Lesen und Beantworten von Kurznachrichten. Der Drang, Nachrichten sofort zu checken und zu beantworten, wirkt nahezu zwanghaft und beeinträchtigt sogar Gespräche mit anwesenden Freunden oder Familienmitgliedern. Viele Jugendliche nehmen dieses Verhalten selbst als eine Art Sucht wahr.

Informationsflut ohne Verarbeitung

Von früh morgens bis spät in die Nacht prasseln unzählige Textfragmente, Smileys, Bilder und Videos auf die Jugendlichen ein. Die Aufmerksamkeit richtet sich wie in einem Tunnel fast ausschließlich auf digitale Signale; der Blick für die Realität verblasst. Täglich nehmen Jugendliche auf diese Weise enorme Informationsmengen auf, können diese jedoch kaum bewältigen. Dadurch bleibt ihrer realen Umgebung zunehmend weniger Aufmerksamkeit.

Persönlichkeitsentwicklung gefährdet

Eine Studie des Unternehmens Microsoft zeigt, dass die Aufmerksamkeitsspanne deutlich gesunken ist: Von 12 Sekunden im Jahr 2000 auf nur noch 8 Sekunden im Jahr 2013. Hauptursache ist die exzessive Nutzung digitaler Kommunikationswerkzeuge und sozialer Netzwerke. Jugendliche verlieren im realen Leben schnell den Faden und geraten bei Anforderungen aus dem Konzept – ein Hindernis für die Entwicklung sozialer Fähigkeiten.

Um persönlich reifen zu können, brauchen Jugendliche direkte Gespräche. Nur so lernen sie, Probleme zu lösen, Konflikte auszuhalten und Frustration zu bewältigen. Echte zwischenmenschliche Beziehungen erfordern Interesse und Aufmerksamkeit gegenüber anderen. Diese Kompetenzen sind später entscheidend im Umgang mit Kolleginnen, Kollegen, Kundschaft und Vorgesetzten.

Das Virtuelle verdrängt das Soziale

Die Nutzung mobiler Geräte steigt laut JIM-Studie bei Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren weiter: 95 % nutzen WhatsApp, 51 % Instagram, 45 % Snapchat und 43 % Facebook. Bis zu 3000 Nachrichten pro Monat schreiben oder lesen Jugendliche allein über WhatsApp. Digitale Kommunikation wird zum Stressfaktor – für soziale Interaktion im realen Leben bleibt kaum Zeit. Viele Jugendliche würden ihre Mediennutzung gerne reduzieren, wissen aber nicht, wie sie das schaffen sollen.

Nur noch online glücklich?

Neue Nachrichten lösen im Gehirn die Ausschüttung von Dopamin aus – ein Botenstoff, der uns glücklich macht. Deshalb suchen wir ständig nach solchen digitalen „Belohnungen“, selbst wenn die meisten Nachrichten belanglos sind. Dieses Muster gilt als Vorstufe eines Suchtverhaltens. Viele Jugendliche erkennen selbst, dass sie ihr Verhalten problematisch finden und nicht mehr kontrollieren können.

Glücklicherweise entwickelt sich nur selten eine echte Abhängigkeit. Dennoch leiden viele unter dem ständigen digitalen Dauerfeuer, das ihnen Ruhe raubt. Nur wenige schaffen es, sich regelmäßig Auszeiten zu gönnen.

Fazit: Digitale Auszeiten für ein lebendiges Miteinander

Kinder und Jugendliche müssen früh lernen, die digitale Welt konstruktiv zu nutzen. Erwachsene tragen Verantwortung – als Vorbilder und als Begleiter. Dazu gehört, das eigene Kommunikationsverhalten zu hinterfragen: Ist all die digitale Kommunikation wirklich nötig? Oder wäre manches besser in einem persönlichen oder telefonischen Gespräch aufgehoben?

Oberflächliche digitale Interaktion ersetzt keine echte Nähe – sie kann diese sogar schwächen. Gleichzeitig ist die Sehnsucht nach realem Miteinander groß. Doch auf andere zuzugehen, Gespräche zu führen und Sympathien zu entwickeln, will gelernt sein. Elternhaus und Schule bleiben die zentralen Orte, an denen diese Fähigkeiten wachsen.

Links:

JIM-Studie 2016: Das Digitale verdrängt das Soziale – und schwächt Jugendliche
https://myconvento.com/public/get_file.php?id=1520429

"Soziale Netzwerke schädigen soziale Fähigkeiten"
https://www.welt.de/wirtschaft/karriere/leadership/article106568479/Soziale-Netzwerke-schaedigen-soziale-Faehigkeiten.html

Beherrscht uns das Internet?
http://www.tagesspiegel.de/politik/mediengesellschaft-die-digitale-kommunikation-bleibt-oberflaechlich-soziale-kontakte-kann-sie-nicht-ersetzen-/7138526-5.html

Zuletzt geändert am 17.02.2026

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Themen:
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Über den Autor/die Autorin
Foto der lernando-Autorin Christine Kammerer

Christine Kammerer, Politologin M. A., Heilpraktikerin (Psychotherapie), freie Journalistin und Trainerin. Berufliche Stationen: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Bundeszentrale für politische Bildung, Deutscher Kinderschutzbund.

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