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Schule als Ort der Begegnung: Von anderen Kulturen lernen

Foto einer Gruppe Kinder
Wissen und Bildung
© Monkey Business - Fotolia.de
von Melanie Herber | lernando-Redaktion

Längst gehören multikulturelle Klassen zum Alltag in deutschen Schulen. Kinder mit Migrationsbiografie und Kinder, die in Deutschland geboren sind, lernen gemeinsam Lesen, Schreiben und Rechnen. Lehrkräfte können die unterschiedlichen kulturellen oder religiösen Hintergründe aktiv in den Schulalltag einbeziehen und ihren Schülerinnen und Schülern die Chance bieten, über den Lehrplan hinaus gegenseitig aus den Lebenswelten der anderen zu lernen. So wird Schule für alle Kinder zu einem Ort vielfältiger Begegnungen und neuer Freundschaften. Zuhause führen Eltern diesen aufgeklärten Austausch mit ihren Kindern fort.

Lesedauer:
4 min

In der Schule kommen Kinder und Jugendliche zusammen, deren religiöse und familiäre Wurzeln sowie Interessen und Traditionen vielfältig und unterschiedlich sein können. Wenn Lehrkräfte die Schule als Ort der Begegnung verstehen und den Kindern die Möglichkeit geben, gezielt voneinander zu lernen, kann die Heterogenität in den Klassen eine Chance für die Schülerinnen und Schüler sein. Die unterschiedlichen Biografien, Erfahrungen und kulturellen Prägungen vermitteln Wissen innerhalb der Klasse, von dem alle etwas lernen und ihr Leben lang zehren. Bereits 2001 erklärte die Generalkonferenz der Unesco die Vielfalt der Kulturen einer Gesellschaft als einen Reichtum, der gepflegt werden müsse.

Voneinander Lernen - ganz nebenbei

Kinder wachsen heute in einer globalisierten Welt auf. Sie sehen und erleben verschiedene Kulturen und Sprachen jeden Tag vor der eigenen Haustür, in Serien und Filmen, online und eben auch in der Schule. Dazu kommt, dass Kinder einen ganz anderen Blick auf ihr Umfeld haben und die Neugier, etwas oder jemanden Neues kennenzulernen, meist die Angst vor etwas vermeintlich Fremden überwiegt. Erwachsene, Eltern und Lehrkräfte brauchen dabei nur vermittelnd in diese Neugier einsteigen.

So entsteht der Prozess des interkulturellen Lernens. Ein tägliches Lernen, bei dem Menschen sowohl voneinander als auch übereinander lernen. In der Schule passiert das zum Teil ganz nebenbei: im Unterricht, in einer Nachmittagsveranstaltung oder in der Pause. Kinder gehen gemeinsam auf Entdeckungstour durch den Alltag: nicht alle haben ein Käsebrot in der Brotbüchse, deine Kleidung sieht anders aus als meine, manche Kinder essen kein Schweinefleisch aus religiösen Gründen, ... Die Kinder fragen von selbst nach und lernen dabei ganz selbstverständlich andere Gewohnheiten kennen.

Auch wenn sich in der Kommunikation der Kinder untereinander bereits interkulturelles Lernen von ganz alleine ergibt, kann die Lehrkraft Themen aufgreifen und vertiefen, um gezielt Wissen zu vermitteln, bei dem die Kinder nicht nur über die Anderen, sondern sich auch über die eigene kulturelle Identität bewusst werden. Nach der Schule können die Eltern übernehmen und mit ihren Kindern über deren Klassenkameradinnen und Klassenkameraden sprechen. Wichtig ist, aufmerksam und unterstützend zu sein: Mit wem hast du heute Zeit in der Schule verbracht? Warum magst du diese Person? Habt ihr euch über eure Familien unterhalten? Was hast du von dir erzählt? Welche Fragen hast du gestellt? Was hast du dabei Neues gelernt?

Mit Kindern über Vielfalt und Miteinander lesen

Steuerung des Lernprozesses

„Von allein entwickelt sich interkulturelle Kompetenz jedoch weder bei Schülerinnen und Schülern noch bei den Lehrkräften und den pädagogischen Mitarbeitern. Die Förderung des reflektierten Umgangs mit unterschiedlichen Werthaltungen, der konstruktiven Interaktion und interkulturellen Handlungskompetenz sind entscheidende Querschnittsaufgaben von Schule“, fasst das Schulentwicklungsprogramm „Ideen für mehr! Ganztägig lernen“ zusammen.

Dabei sollte interkulturelles Lernen bereits in der Grundschule gefördert werden, plädiert der Pädagoge Prof. D. Spanhel. In diesem Alter seien die Kinder nämlich „besonders offen und bildungsfähig“. Wichtig für die Schülerinnen und Schüler sei es aber, von einer pädagogischen Fachkraft unterstützt zu werden, um keine abwertenden Meinungen und Haltungen, sowie Vorurteile und Ängste gegenüber Menschen mit Migrationsbiografie zu übernehmen. Denn nur wenn Kinder Vorurteile als solche erkennen, können sie auch daran mitwirken, diese abzubauen. Eltern können die Lehrkräfte bei dieser Anleitung unterstützen, indem sie ihre Kinder auch zu Hause aufgeschlossen erziehen. So können junge Menschen ihre eigenen wertvollen Erfahrungen sammeln und sich selbst eine Meinung bilden.

Ideen für interkulturelles Lernen

Im Schulalltag wird interkulturelles Lernen häufig mit Projekttagen und gemeinschaftlichen Aktionen gefördert. Aber auch zuhause können Eltern für ihre Kinder Anregungen zum interkulturellen Austausch schaffen.

So kann ein Familiennachmittag zum spannenden Erfahrungsaustausch werden: laden Sie Freundinnen und Freunde (von Ihnen selbst oder Ihren Kindern), Bekannte, Nachbarinnen und Nachbarn ein, deren familiäre Wurzeln in einem anderen Land liegen. Gestalten Sie ein Motto und tauschen Sie sich aus. Hier sind einige thematische Vorschläge:

Zusammen kochen und essen 

Vielfalt unter den Menschen ist kulinarisch eine absolute Bereicherung. Alle Gäste können typische Rezepte aus ihrem Herkunftsland mitbringen, gekocht wird gemeinsam. Hier werden Unterschiede und Gemeinsamkeiten zum Gesprächsthema: Welche Gewürze sind typisch für ein bestimmtes Land, welche Essgewohnheiten sind ähnlich?

Sicher kennen Ihre Kinder einige Gerichte aus anderen Ländern auch aus ihrem Alltag, denn bspw. italienische, griechische, türkische oder chinesische Restaurants sind in Deutschland gar nicht mehr wegzudenken. Welche Erfahrungen haben Ihre Kinder hier gemacht? Haben sie internationale Lieblingsgerichte?

Musik und Tanz verbindet die Menschen

Auch Musik verbindet und kann zu einem tollen Motto für ein gemeinsames Treffen werden. Welche Musik wird in anderen Ländern gehört? Auch wenn die Kinder und Jugendlichen die andere Sprache nicht verstehen, hören sie dennoch, welche Stimmung über die Melodie, den Gesang oder die Instrumente transportiert wird. Alle Gäste können sich die jeweiligen Texte übersetzen und gemeinsam über die Lieder austauschen.

Häufig gibt es passende Tänze zu verschiedenen Musikrichtungen, die miteinander eingeübt werden können. Wer kann etwas vorführen und den anderen beibringen?

Lass uns spielen!

Besonders für jüngere Kinder eignet sich das Thema "Spiele" für ein interkulturelles Kennenlernen. Die Grundfrage könnte dabei sein, ob Kinder in anderen Ländern die gleichen Spiele wie in Deutschland spielen? Welche Spiele sind in anderen Ländern besonders beliebt? Gibt es Unterschiede zwischen früher und heute? Durch das gemeinsame Spielen und Spaß haben wird der Zusammenhalt gestärkt.

Mehrsprachigkeit in den Alltag integrieren

In den Schulen wird oft bereits Mehrsprachigkeit in den Unterricht aktiv einbezogen, bspw. bei Unterrichtsmaterialien oder Beschriftungen im Klassenzimmer. Das holt alle Kinder und Jugendlichen gleichermaßen ab und vereinfacht das gemeinsame Lernen. Gleichzeitig werden so die verschiedenen Sprachen als identitätsstiftend akzeptiert und gefördert.

Zu Hause kann dies bei einem interkulturellen Familiennachmittag ebenfalls aufgegriffen werden. So können Sie, Ihre Kinder und Ihre Gäste sich gegenseitig Vokabeln beibringen. Gibt es besonders lustige Wörter in der eigenen Sprache, die dem Gegenüber gezeigt werden möchten? Oder gar ein witziges Sprichwort? Dabei können sicher alle noch etwas Neues lernen.

Kritische Auseinandersetzung mit Vorurteilen

Bei älteren Kindern und Jugendlichen bietet sich die Auseinandersetzung mit stereotypischen Zuschreibungen und Vorurteilen gegenüber Menschen aus anderen Ländern an. Wie wird etwa ein Amerikaner oder eine Spanierin in bekannten Spielfilmen dargestellt? Lässt sich hier ein wiederkehrendes Muster erkennen? Oder sehr aktuell: Mit welchen Rollenklischees sind Männer und Frauen aus der arabischen Welt konfrontiert? Woher kommen diese Klischees und kennt ihr Menschen, die wirklich so sind?

Gleichermaßen kann die Frage gestellt werden, ob es Vorurteile oder Klischees in anderen Ländern gegenüber Deutschen gibt.

An vielen Schulen ist eine kritische Auseinandersetzung mit Vorurteilen anderen Menschen gegenüber Teil des Unterrichts. Damit leistet die Schule einen wichtigen Beitrag gegen rassistische Gedanken und Vorurteile. Denk- und Handlungsmuster der Schülerinnen und Schüler werden so analysiert und kritisch hinterfragt: woher habe ich dieses Bild von Menschen?.

Wo Eltern mehr Informationen finden

Weiteres Material bietet unter anderem die Bundeszentrale für politische Bildung an. In den meisten Städten existieren zudem Vereine, die sich für die Belange von Menschen mit Migrationshintergrund einsetzen und die sich bestimmt gerne bereit erklären, Vorträge in Schulen zu halten. Stimmen Sie sich dazu gern mit den Lehrkräften Ihrer Kinder und den Vereinen vor Ort ab.

 

Quellen:

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Über den Autor/die Autorin
Foto der lernando-Autorin Melanie Herber

Melanie Herber hat Medienwissenschaften, Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation in Leipzig und Würzburg studiert. Ihr beruflicher Werdegang ist von verschiedenen Etappen in der Bildungswelt geprägt: Hochschulkommunikation, Bildungsministerium, Bildungsmedienverlag. Sie ist Teil der Redaktion von lernando aus dem Hause Westermann.

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