Über den Autor/die Autorin

Anna Bahr

Anna Bahr hat an der Universität Leipzig ihr Germanistik- und Philosophiestudium abgeschlossen. Seit einigen Jahren arbeitet sie als freie Redakteurin. Ihre thematischen Schwerpunkte sind Kinder und Familie sowie Kunst und Kultur.

Schule als Ort der Begegnung: Von anderen Kulturen lernen

von Anna Bahr



© Monkey Business - Fotolia.de
Längst gehören multikulturelle Klassen zum Alltag in deutschen Schulen. Kinder mit Migrationshintergrund und Deutsche lernen gemeinsam Lesen, Schreiben und Rechnen. Lehrer können die unterschiedlichen kulturellen oder religiösen Hintergründe der Schüler aktiv in den Schulalltag einbeziehen und ihren Schülern die Chance bieten, über den Lehrplan hinaus gegenseitig aus den Lebenswelten der anderen zu lernen.

In der Schule kommen Kinder und Jugendliche zusammen, deren religiöse und familiäre Wurzeln sowie Interessen und Traditionen sich grundlegend unterscheiden. Wenn Lehrer die Schule als Ort der Begegnung verstehen und den Kindern die Möglichkeit geben, gezielt voneinander zu lernen, kann die Heterogenität in den Klassen eine Chance für die Schüler sein und ihnen Wissen vermitteln, von denen sie ihr Leben lang zehren. Bereits 2001 erklärte die Generalkonferenz der Unesco die Vielfalt der Kulturen einer Gesellschaft als einen Reichtum, der gepflegt werden müsse.

Voneinander Lernen - ganz nebenbei

Kinder wachsen heute in einer globalisierten Welt auf. Sie sehen und erleben verschiedene Kulturen und Sprachen jeden Tag vor der eigenen Haustür. Erwachsene, Eltern und Lehrer fungieren dabei als Vermittler und müssen versuchen, die Fremdheit der Anderen zu erklären. Dieser tägliche Prozess des interkulturellen Lernens bedeutet, dass Menschen sowohl von- als auch übereinander lernen. In der Schule passiert das zum Teil ganz nebenbei. Im Unterricht, in einer Nachmittagsveranstaltung oder in der Pause. Hier entdecken die Schüler kleine Unterschiede: In den Brotbüchsen mancher Kinder findet sich nicht nur das klassische Käsebrot, sondern auch Reis mit Hühnchen oder Teigtaschen mit Gemüse. Auch beim Mittagessen erfahren die Schüler viel voneinander, zum Beispiel dass einige Kinder kein Schweinefleisch essen, weil ihre Eltern sie muslimisch erziehen. Die Kinder fragen von selbst nach und lernen dabei wie selbstverständlich andere Gewohnheiten kennen. Auch wenn sich in der Kommunikation der Kinder untereinander bereits interkulturelles Lernen von ganz alleine ergibt, kann der Lehrer durch sein gezieltes Eingreifen tieferes Wissen vermitteln, bei dem die Kinder nicht nur über die Anderen, sondern sich auch über die eigene kulturelle Identität bewusst werden.

Steuerung des Lernprozesses

„Von allein entwickelt sich interkulturelle Kompetenz jedoch weder bei Schülerinnen und Schülern noch bei den Lehrkräften und den pädagogischen Mitarbeitern. Die Förderung des reflektierten Umgangs mit unterschiedlichen Werthaltungen, der konstruktiven Interaktion und interkulturellen Handlungskompetenz sind entscheidende Querschnittsaufgaben von Schule“, fasst das Schulentwicklungsprogramm „Ideen für mehr! Ganztägig lernen“ zusammen.

Dabei sollte interkulturelles Lernen bereits in der Grundschule gefördert werden, plädiert der Pädagoge Prof. D. Spanhel. In diesem Alter seien die Kinder nämlich „besonders offen und bildungsfähig“. Wichtig für die Schüler sei es aber, von einer pädagogischen Fachkraft unterstützt zu werden, um nicht „die vorherrschenden Meinungen und Haltungen, Vorurteile und Ängste gegenüber den Mitgliedern anderer Kulturen und Religionen“ zu übernehmen. Denn nur wenn Kinder Vorurteile als solche erkennen, können sie auch daran mitwirken, diese abzubauen.

Ideen für interkulturelles Lernen

Wie lässt sich interkulturelles Lernens konkret im Schulalltag umsetzen? Da der Lehrplan oft schon mit anderen Schwerpunkten ausgelastet ist, bieten sich Projekttage an, um den Austausch mit anderen Kulturen zu pflegen. Eine Möglichkeit des Erfahrungsaustausches wäre ein Kochprojekt, bei dem die Kinder und Jugendlichen typische Rezepte aus ihrem Herkunftsland beisteuern. Hier können nicht nur Unterschiede, sondern auch Gemeinsamkeiten erarbeitet werden. Welche Gewürze sind typisch für ein bestimmtes Land, welche Essgewohnheiten sind ähnlich? Viele Kinder kennen einige Gerichte aus anderen Kulturen auch aus ihrem deutschen Alltag, denn griechische, türkische oder chinesische Restaurants sind aus dem Großstadtleben gar nicht mehr wegzudenken. Welche Erfahrungen haben die Schüler hier gemacht? Die Idee lässt sich auch im kleineren Rahmen umsetzen, zum Beispiel als interkulturelles Pausenfrühstück, zu dem jeder eine Kleinigkeit beisteuert.
Nicht nur Essen, auch Musik verbindet und kann thematisch eingesetzt werden. Welche Musik wird in anderen Kulturen gehört? Auch wenn die Kinder und Jugendlichen die andere Sprache nicht verstehen, hören sie dennoch, welche Stimmung über die Melodie, den Gesang oder die Instrumente transportiert wird. Für die jüngsten Klassen eignet sich das Thema Spiele. Die Grundfrage könnte dabei sein, ob Kinder in anderen Ländern die gleichen Spiele wie in Deutschland spielen? Durch das gemeinsame Spielen wird auch der Klassenzusammenhalt gestärkt.
In der Grundschule lässt sich auch die bei vielen Kindern vorhandene Mehrsprachigkeit aktiv in den Unterricht einbeziehen. Arbeitsmaterialien im Klassenzimmer können mehrsprachig beschriftet und so das Lernen vereinfacht werden. Gleichzeitig werden so die verschiedenen Sprachen als identitätsstiftend akzeptiert und gefördert. Weitere Ideen, wie interkulturelles Lernen in den Unterricht integriert werden kann, erklärt ausführlich die Broschüre „Interkulturelles Lernen in den Lehrplänen. Anregungen für Schule und Unterricht“ des Ministeriums für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Schleswig-Holstein.
In höheren Jahrgangsstufen bietet sich die Auseinandersetzung mit stereotypischen Zuschreibungen bestimmter Bevölkerungsgruppen an. Wie wird etwa ein Amerikaner oder Spanier in bekannten Spielfilmen dargestellt? Lässt sich hier ein wiederkehrendes Muster erkennen? Oder sehr aktuell: Mit welchen Rollenklischees sind Männer und Frauen aus der arabischen Welt konfrontiert? Mit diesem Thema leistet die Schule auch einen wichtigen Beitrag gegen rassistische Gedanken und Vorurteile. Eigene Denk- und Handlungsmuster der Schüler werden so analysiert und kritisch hinterfragt.
Weiteres Material für den Einsatz im Unterricht bietet unter anderem die Bundeszentrale für politische Bildung an. In den meisten Städten existieren zudem Vereine, die sich für die Belange von Menschen mit Migrationshintergrund einsetzen und die sich bestimmt gerne bereit erklären, Vorträge in Schulen zu halten.

Quellen:

Interkulturelles Lernen in der Ganztagsschule
» www.ganztaegig-lernen.de

Interkulturelle Bildung - Wie kann Schule dieses Bildungsziel verwirklichen?
» Interkulturelle Bildung (PDF)

bpb-Bundeszentrale für politische Bildung: Themenblätter
» Vorurteile

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