Du oder Sie? Vom Umgang zwischen Lehrern und Schülern
Du oder Sie? Vom Umgang zwischen Lehrern und Schülern
Bis in die 60er Jahre hinein galt es in Deutschland als vollkommen selbstverständlich, dass man sich in bestimmten gesellschaftlichen Zusammenhängen siezte, so auch an der Schule. Zwischen 1960 und 1970 war es allerdings in gewissen Kreisen en vogue, sich ohne Einschränkung zu duzen. Seither verbreitete sich das gegenseitige Duzen auch an deutschen Schulen.
Heute ist die Verunsicherung groß: Soll man Duzen oder Siezen? In vielen Bereichen – auch an den Schulen – ist eine Rückkehr zum förmlichen Sie zu beobachten und das hat gute Gründe.
„Du oder Sie?“ – Anredeformen in der Schule und warum sie wichtig sind
Seit dem 20. Jahrhundert gilt im deutschsprachigen Raum eine klare Grundregel:
Familienangehörige und enge Freunde werden geduzt, fremde Erwachsene grundsätzlich gesiezt.
Kinder und Jugendliche werden bis zu einem bestimmten Alter üblicherweise geduzt.
Auch in der Schule spielt die Frage nach „Du“ oder „Sie“ eine wichtige Rolle – nicht nur aus Höflichkeit, sondern auch aus pädagogischen und hierarchischen Gründen.
Wie wird in der Schule üblicherweise angesprochen?
- Lehrkräfte duzen ihre Schülerinnen und Schüler,
- Schülerinnen und Schüler siezen ihre Lehrkräfte.
Für die Oberstufe gibt es keine einheitliche Regel. Häufig fragen Lehrkräfte ab Klasse 9 oder 10, ob ein „Du“ oder „Sie“ gewünscht wird. Manche Schulen führen sogar einheitliche Regelungen für ganze Klassen ein, um Ungleichheiten zu vermeiden.
Wichtig:
➡️ Schüler haben ab 18 Jahren ein Recht darauf, gesiezt zu werden.
Uneinheitliche Anredeformen innerhalb einer Klasse können die Gruppenatmosphäre stören. Deshalb setzen viele Lehrkräfte auf:
- klassisches Siezen mit Nachnamen oder
- „Hamburger Siezen“ (Vorname + Sie).
Sollten Schüler Lehrkräfte duzen?
Was früher undenkbar war, ist heute an Gesamtschulen und reformpädagogischen Schulformen teilweise üblich:
Schüler duzen ihre Lehrer und sprechen sie mit Vornamen an.
Die Idee dahinter:
- besseres Verhältnis
- weniger Konflikte
- mehr Vertrauen und Offenheit
Doch diese Erwartungen erfüllen sich nicht immer. Denn:
- Mit dem „Sie“ geht oft ein Stück natürliche Autorität und Respekt verloren.
- Das „Du“ verschleiert die bestehende Hierarchie, die in der Schule weiterhin klar gegeben ist.
- Lehrkräfte bleiben Verantwortungsträger und Autoritätspersonen – unabhängig von der Anrede.
Wird das Duzen einmal eingeführt, ist es oft kaum rückgängig zu machen.
Mut zur Autorität – warum Distanz wichtig bleibt
Lehrkräfte brauchen eine professionelle Rolle, die:
- Respekt ermöglicht
- Grenzen klar markiert
- pädagogische Entscheidungen schützt
Wichtig sind daher:
- Die höhergestellte Person bietet das „Du“ an, nicht umgekehrt.
- Wird ein unaufgefordertes „Du“ kommentarlos akzeptiert, kann das als Einladung zu Grenzverletzungen verstanden werden.
- Lehrkräfte benötigen die Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen und durchzusetzen.
Eine zu flache Hierarchie lässt sie unglaubwürdig wirken.
Kurz:
➡️ Lehrer und Schüler stehen nicht auf derselben Ebene – und das ist pädagogisch notwendig.
Respektvolle Nähe statt unangebrachter Vertraulichkeit
Das „Sie“ vermittelt:
- Respekt
- Höflichkeit
- professionelle Distanz
- Neutralität
Es signalisiert:
„Ich nehme dich ernst – aber ich dringe nicht in deinen persönlichen Raum ein.“
Das „Du“ steht für:
- Nähe
- Vertrautheit
Ist diese nicht beidseitig gewollt, kann das „Du“:
- distanzlos wirken
- peinlich sein
- zu viel Persönliches in den Unterricht tragen
- die Professionalität gefährden
- Missbrauchsrisiken begünstigen
Auch viele Schülerinnen und Schüler schätzen langfristig eine respektvolle, klare Lehrerhaltung mehr als „Kumpelhaftigkeit“.
Fazit: Das richtige Maß an Distanz schafft Sicherheit
Eine angemessene Anrede:
- stärkt Wertschätzung,
- schafft Klarheit,
- ermöglicht professionelle Beziehungen,
- schützt Lehrkräfte und Kinder,
- erleichtert Kritik und Konfliktgespräche,
- verhindert Rollenkonflikte.
Ob „Du“ oder „Sie“ – entscheidend ist, dass die pädagogische Beziehung klar definiert bleibt. Respektvolle Nähe ist sinnvoll – Kumpelrollen hingegen schaden eher.
Christine Kammerer, Politologin M. A., Heilpraktikerin (Psychotherapie), freie Journalistin und Trainerin. Berufliche Stationen: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Bundeszentrale für politische Bildung, Deutscher Kinderschutzbund.