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Digitale Demenz… - oder digitale Kompetenz - wohin führt der Weg?

Foto eines Mädchens, das am Laptop sitzt
Entwicklung und Erziehung
© Prod. Numérik - Fotolia.de
von Jörg Sauer

Die immer enger zusammenwachsende Welt stellt jeden von uns vor neue Herausforderungen. Alles scheint schneller abzulaufen, sei es die Menge an Informationen oder das Tempo der Datenübertragung. Diesem Prozess muss sich jeder Einzelne stellen, bewusst oder unbewusst. Ein Aussteigen gibt es für "Normalverbraucher" nicht. Es gilt, dabei das individuell passende Maß zu finden. Dazu möchte der nachfolgende Beitrag einige Anregungen geben und den Fokus in besonderem Maße auf Schule und Elternhaus richten.

Lesedauer:
6 min

Digitale Medien bei Kindern: Zwischen „Digitaler Demenz“ und digitaler Kompetenz

Smartphone, Tablet, soziale Netzwerke, Streaming und inzwischen auch Künstliche Intelligenz gehören für Kinder und Jugendliche selbstverständlich zum Alltag. Damit wachsen auch die Fragen vieler Eltern: Wie viel Mediennutzung ist noch in Ordnung? Können digitale Medien Konzentration und Lernen beeinträchtigen? Und welche Fähigkeiten brauchen Kinder, um sich sicher und selbstbestimmt in der digitalen Welt zu bewegen?

Die Diskussion bewegt sich häufig zwischen zwei Polen: Auf der einen Seite stehen Warnungen vor den negativen Folgen intensiver Mediennutzung, auf der anderen Seite die Forderung nach mehr digitaler Kompetenz. Der aktuelle Forschungsstand zeigt jedoch: Eine einfache Einteilung in „digital ist schädlich“ oder „digital ist gut“ greift zu kurz. Entscheidend ist, wie, wofür und in welchem Umfang Kinder digitale Medien nutzen.

Was steckt hinter dem Begriff „Digitale Demenz“?

Bekannt wurde der Begriff „Digitale Demenz“ vor allem durch den Hirnforscher Manfred Spitzer und sein gleichnamiges Buch aus dem Jahr 2012. Spitzer vertritt darin die These, dass eine intensive Nutzung digitaler Medien unter anderem Gedächtnis, Konzentration und Lernfähigkeit beeinträchtigen könne.

Aus heutiger Sicht muss der Begriff jedoch eingeordnet werden. „Digitale Demenz“ ist keine medizinische Diagnose. Vor allem lässt sich aus dem aktuellen Forschungsstand nicht ableiten, dass die allgemeine Nutzung digitaler Technologien zu einem demenzähnlichen geistigen Abbau führt.

Große Forschungsübersichten zeigen vielmehr ein differenziertes Bild. Je nach Art der Mediennutzung können sowohl negative als auch positive Zusammenhänge auftreten. Eine umfangreiche Übersichtsarbeit, die mehr als 100 Meta-Analysen zusammenfasste, fand überwiegend kleine bis moderate Zusammenhänge zwischen Bildschirmnutzung und verschiedenen Gesundheits- und Bildungsmerkmalen. Auch der Nutzungskontext spielte eine Rolle. So waren beispielsweise bei jüngeren Kindern bessere Lernergebnisse zu beobachten, wenn Eltern digitale Inhalte gemeinsam mit ihnen nutzten.

Auch die Weltgesundheitsorganisation betont, dass die Auswirkungen digitaler Technologien auf das Wohlbefinden junger Menschen weder ausschließlich positiv noch ausschließlich negativ sind. Besonders wichtig sind Art und Inhalt der Nutzung, individuelle Voraussetzungen und das soziale Umfeld.

Wann kann Mediennutzung problematisch werden?

Dass der Begriff „Digitale Demenz“ zu pauschal ist, bedeutet nicht, dass intensive Mediennutzung ohne Risiken wäre. Problematisch kann sie insbesondere dann werden, wenn andere wichtige Bereiche des Alltags dauerhaft zu kurz kommen.

Dazu gehören ausreichender Schlaf, Bewegung, persönliche Kontakte, Familienzeit, freies Spiel und konzentriertes Lernen. Auch wenn Kinder oder Jugendliche ihre Nutzung nur schwer selbst steuern können oder andere Aktivitäten zunehmend vernachlässigen, sollten Eltern genauer hinschauen.

Die WHO berichtete auf Grundlage einer internationalen Untersuchung, dass problematische Social-Media-Nutzung bei Jugendlichen zugenommen hat. Solche Nutzungsmuster gehen unter anderem häufiger mit geringerem Wohlbefinden und Schlafproblemen einher. Gleichzeitig weist die WHO ausdrücklich darauf hin, dass soziale Medien für Jugendliche auch positive Funktionen haben können, etwa für Kontakte und soziale Unterstützung.

Deshalb sollte nicht allein die Zahl der Minuten vor einem Bildschirm betrachtet werden. Ebenso wichtig ist die Frage: Was macht mein Kind am Bildschirm und was verdrängt diese Nutzung möglicherweise?

Wie digital ist der Alltag von Jugendlichen heute?

Digitale Medien sind längst kein zusätzlicher Bestandteil des Alltags mehr, sondern gehören unmittelbar zur Lebenswelt junger Menschen.

Die JIM-Studie 2025 zeigt, dass 98 Prozent der befragten 12- bis 19-Jährigen regelmäßig ein Smartphone nutzen. Die durchschnittliche tägliche Smartphone-Bildschirmzeit liegt bei knapp vier Stunden. Rund 30 Prozent berichten, morgens häufig müde zu sein, weil sie ihr Smartphone abends zu spät aus der Hand legen.

Eine besonders große Veränderung bringt die Künstliche Intelligenz. 74 Prozent der Jugendlichen nutzen KI-Anwendungen bereits für Hausaufgaben oder zum Lernen. 70 Prozent setzen sie für die Suche nach Informationen ein. Damit werden Fähigkeiten wie Quellenkritik, das Überprüfen von Informationen und der verantwortungsvolle Umgang mit KI für Kinder und Jugendliche immer wichtiger.

Was bedeutet digitale Kompetenz heute?

Digitale Kompetenz bedeutet weit mehr, als Smartphone, Tablet oder Computer bedienen zu können.

Der Erziehungswissenschaftler Dieter Baacke unterschied bereits vier wichtige Bereiche der Medienkompetenz: Medienkritik, Medienkunde, Mediennutzung und Mediengestaltung. Seine Überlegungen sind bis heute eine wichtige Grundlage der Medienpädagogik.

Inzwischen hat sich das Verständnis jedoch erweitert. Das aktuelle europäische Kompetenzmodell DigComp 3.0 beschreibt digitale Kompetenz als einen Zusammenschluss aus Wissen, Fähigkeiten und Einstellungen. Dazu gehören unter anderem das Finden und Bewerten von Informationen, digitale Kommunikation, das Erstellen eigener Inhalte, Sicherheit, Datenschutz, digitales Wohlbefinden und das Lösen von Problemen.

Neu ist vor allem, dass Künstliche Intelligenz, Cybersicherheit, digitale Rechte sowie der Umgang mit Fehl- und Desinformation ausdrücklich berücksichtigt werden. KI-Kompetenz zieht sich inzwischen durch sämtliche Bereiche des europäischen Kompetenzmodells.

Für Kinder bedeutet digitale Kompetenz deshalb auch, nicht jede Information ungeprüft zu übernehmen. Sie sollten lernen, Quellen zu vergleichen, Werbung und manipulierte Inhalte zu erkennen und zu verstehen, dass auch eine KI überzeugend klingende, aber falsche Antworten geben kann.

Was Eltern für einen guten Medienumgang tun können

Eltern spielen eine entscheidende Rolle dabei, wie Kinder den Umgang mit digitalen Medien lernen. Dabei geht es weniger darum, jede Nutzung zu kontrollieren, als Kinder altersgerecht zu begleiten und schrittweise zu mehr Selbstständigkeit zu führen.

Hilfreich sind klare und nachvollziehbare Vereinbarungen darüber, wann und wo Medien genutzt werden. Familien können beispielsweise festlegen, dass gemeinsame Mahlzeiten oder bestimmte Familienzeiten medienfrei bleiben.

Auch rund um den Schlaf sind feste Regeln sinnvoll. Die aktuelle medizinische Leitlinie zur Prävention problematischer Bildschirmmediennutzung empfiehlt unter anderem, in der letzten Stunde vor dem Schlafengehen auf Bildschirmmedien zu verzichten und Smartphones nachts möglichst nicht im Schlafzimmer aufzubewahren. Sie betont außerdem, dass Eltern ihre eigene Mediennutzung im Blick behalten sollten, da sie für ihre Kinder eine wichtige Vorbildfunktion haben. Die Leitlinie wurde 2026 überprüft und bis Juli 2028 verlängert.

Bei jüngeren Kindern ist gemeinsame Mediennutzung besonders sinnvoll. Eltern können sich Inhalte erklären lassen, gemeinsam recherchieren oder darüber sprechen, was ein Kind in einem Video, Spiel oder einer App erlebt hat. So wird aus Medienkonsum gleichzeitig eine Gelegenheit zum Lernen und Reflektieren.

Sicherheit gehört zur Medienkompetenz

Kinder sollten früh lernen, dass persönliche Informationen im Internet geschützt werden müssen. Dazu gehören beispielsweise der vollständige Name, Adresse, Telefonnummer, Schule und persönliche Bilder.

Auch sichere Zugänge sind wichtig. Passwörter sollten nicht weitergegeben werden. Wo es möglich ist, erhöht eine Zwei-Faktor-Authentisierung den Schutz von Benutzerkonten. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik empfiehlt ausdrücklich, Kinder früh für sichere Passwörter, Passwortmanager, Phishing und den Schutz persönlicher Informationen zu sensibilisieren.

Bei Online-Kontakten brauchen besonders jüngere Kinder klare Regeln. Sie sollten wissen, dass Menschen im Internet nicht immer diejenigen sind, für die sie sich ausgeben. Unsichere oder unangenehme Kontakte sollten Kinder jederzeit mit einer vertrauten erwachsenen Person besprechen können.

Wichtig ist dabei, dass Kinder keine Angst haben müssen, bei Problemen sofort mit einem vollständigen Internet- oder Handyverbot bestraft zu werden. Nur wenn sie Vertrauen haben, werden sie sich im Zweifel an ihre Eltern wenden.

KI, Deepfakes und Desinformation: neue Herausforderungen für Familien

Ein aktueller Bestandteil von Medienkompetenz ist der Umgang mit Künstlicher Intelligenz. KI kann beim Lernen unterstützen, komplizierte Inhalte erklären oder Ideen liefern. Gleichzeitig entstehen neue Risiken.

Mit KI lassen sich Texte, Bilder, Stimmen und Videos erzeugen oder manipulieren. Deepfakes und Desinformation können dadurch immer überzeugender wirken. Kinder und Jugendliche müssen deshalb lernen, digitale Inhalte kritisch zu hinterfragen und Informationen aus mehreren verlässlichen Quellen zu überprüfen.

Auch bei KI-Chatbots ist Aufmerksamkeit gefragt. Einige Systeme sind darauf ausgelegt, persönliche Gespräche zu führen oder menschliche Nähe zu simulieren. Eltern sollten mit ihren Kindern darüber sprechen, dass ein KI-System kein Mensch und keine reale Vertrauensperson ist. Persönliche oder intime Daten sollten auch einem Chatbot nicht bedenkenlos anvertraut werden.

Kinderfotos gehören ebenfalls zur Medienerziehung

Medienkompetenz betrifft nicht nur das Verhalten von Kindern. Auch Erwachsene tragen Verantwortung.

Fotos und Videos von Kindern sollten nicht selbstverständlich öffentlich über soziale Netzwerke geteilt werden. Einmal veröffentlichte Inhalte können weiterverbreitet, aus dem Zusammenhang gerissen oder mithilfe von KI verändert werden. Jugendschutzorganisationen weisen deshalb verstärkt auf die Risiken des sogenannten Sharenting hin.

Eltern können ihre Kinder schon früh beteiligen und fragen, bevor Bilder von ihnen verschickt oder veröffentlicht werden. So lernen Kinder gleichzeitig, dass sie ein Recht am eigenen Bild und an ihrer Privatsphäre haben.

Welche Rolle spielt die Schule?

Medienkompetenz gehört heute zum Bildungsauftrag von Schulen. Die Kultusministerkonferenz verfolgt mit ihrer Strategie „Bildung in der digitalen Welt“ das Ziel, digitale Kompetenzen systematisch in Unterricht und Schulentwicklung zu verankern. Seit 2024 wird dabei auch der Umgang mit Künstlicher Intelligenz ausdrücklich berücksichtigt.

Für die Grundschule hat die Kultusministerkonferenz ebenfalls konkrete Eckpunkte zur Verankerung von Medienbildung und informatischer Bildung verabschiedet. Es geht damit nicht nur darum, digitale Geräte einzusetzen. Kinder sollen verstehen, wie digitale Systeme funktionieren, Informationen kritisch bewerten und Medien verantwortungsvoll nutzen können.

2026 haben die Länder den Umgang mit sozialen Medien in der Schule noch stärker in den Fokus gerückt. Dabei verfolgen sie den Dreiklang „Sensibilisieren – Stärken – Schützen“. Schule und Elternhaus sollen enger zusammenarbeiten, um Kinder bei Themen wie Social Media, Smartphone-Nutzung, Cybermobbing, Desinformation und Künstlicher Intelligenz zu unterstützen.

Lernen mit digitalen Medien: nicht möglichst viel, sondern möglichst sinnvoll

Digitaler Unterricht ist nicht automatisch moderner oder besserer Unterricht. Entscheidend ist, ob digitale Werkzeuge einen konkreten pädagogischen Nutzen haben.

Digitale Anwendungen können beispielsweise individuelles Üben ermöglichen, Informationen zugänglich machen, Zusammenarbeit unterstützen oder unmittelbares Feedback geben. Gleichzeitig bleiben Lesen, Schreiben, Rechnen, selbstständiges Denken, Bewegung, soziale Interaktion und praktische Erfahrungen unverzichtbar.

Die zentrale Frage sollte daher nicht lauten: analog oder digital? Sinnvoller ist die Frage: Welche Form unterstützt das Lernen in dieser Situation am besten?

Was Eltern mitnehmen können

Digitale Medien gehören zur Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen. Sie grundsätzlich abzulehnen, hilft ihnen deshalb ebenso wenig wie eine vollkommen ungeregelte Nutzung.

Der aktuelle Forschungsstand spricht für einen differenzierten und begleiteten Umgang. Digitale Medien können Lernen, Kreativität, Kommunikation und gesellschaftliche Teilhabe unterstützen. Problematisch können sie werden, wenn die Nutzung dauerhaft Schlaf, Bewegung, soziale Kontakte, konzentriertes Lernen oder andere wichtige Erfahrungen verdrängt.

Eltern müssen dabei nicht jede neue App und jede technische Entwicklung besser kennen als ihre Kinder. Entscheidend ist, Interesse zu zeigen, im Gespräch zu bleiben, Orientierung zu geben und gemeinsam Regeln zu entwickeln.

Das langfristige Ziel ist nicht ein möglichst medienfreies Kind. Es ist ein Kind, das digitale Medien zunehmend selbstständig, kritisch, sicher und verantwortungsbewusst nutzen kann.

Weiterführende Informationen

Für Eltern bietet klicksafe aktuelle Informationen zu Medienerziehung, Social Media, problematischer Mediennutzung und Künstlicher Intelligenz. klicksafe: Informationen und Materialien für Eltern

Das Internet-ABC richtet sich insbesondere an Kinder im Grundschulalter sowie an Eltern und Lehrkräfte und vermittelt Grundlagen für einen sicheren und selbstbestimmten Umgang mit dem Internet.

Mit fragFINN steht Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren ein geschützter Surfraum mit geprüften Internetangeboten zur Verfügung.

Die Medienleitlinie für Eltern bietet medizinisch und wissenschaftlich abgestimmte Empfehlungen zum Umgang mit Smartphone, Computer, Spielkonsole und Fernsehen in der Familie. Medienleitlinie für Eltern

Aktuelle Daten zur Mediennutzung von Jugendlichen in Deutschland bietet die JIM-Studie 2025 des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest. JIM-Studie 2025

Zuletzt geändert am 15.02.2026

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Themen:
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Über den Autor/die Autorin
Foto des lernando-Autors Jörg Sauer

Jörg Sauer ist ausgebildeter Grundschullehrer und unterrichtet seit über 20 Jahren an einer Schule. Neben der Lehrertätigkeit führte er in den vergangenen Jahren zahlreiche Weiterbildungen über die Nutzung von Neuen Medien im Unterricht durch.

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