Digitale Demenz… - oder digitale Kompetenz - wohin führt der Weg?
Digitale Demenz… - oder digitale Kompetenz - wohin führt der Weg?
Die immer enger zusammenwachsende Welt stellt jeden von uns vor neue Herausforderungen. Alles scheint schneller abzulaufen, sei es die Menge an Informationen oder das Tempo der Datenübertragung. Diesem Prozess muss sich jeder Einzelne stellen, bewusst oder unbewusst. Ein Aussteigen gibt es für "Normalverbraucher" nicht. Es gilt, dabei das individuell passende Maß zu finden. Dazu möchte der nachfolgende Beitrag einige Anregungen geben und den Fokus in besonderem Maße auf Schule und Elternhaus richten.
Kurze begriffliche Erläuterungen
Die beiden Begriffe „Digitale Demenz“ und „Digitale Kompetenz“ stehen sinnbildlich für zwei Seiten einer Medaille: einerseits die Sorge vor negativen Folgen digitaler Medien, andererseits der konstruktive Umgang mit ihnen.
Digitale Demenz
Der Begriff digital stammt vom lateinischen digitus – „Finger“ – und verweist auf das frühe Zählen mit den Fingern. Daraus entwickelte sich das Prinzip der begrenzten Anzahl von Signalen, wie es digitale Systeme nutzen. Das bekannteste ist das binäre System mit den Zeichen 0 und 1. Als geistiger Wegbereiter gilt Gottfried Wilhelm Leibniz, der die „1“ für Existenz und die „0“ für Nichts setzte.
Demenz (von lateinisch demens = „ohne Geist“) bezeichnet den Verlust von emotionalen, sozialen und kognitiven Fähigkeiten, meist hervorgerufen durch Erkrankungen des Gehirns.
Die Wortkombination „Digitale Demenz“ prägte der Hirnforscher Manfred Spitzer. In seinem Buch Digitale Demenz argumentiert er, dass mangelndes Training durch übermäßigen Medienkonsum negative Folgen für Gedächtnis, Konzentration und räumliche Orientierung haben könne. Er beschreibt, dass fehlende geistige Aktivität soziale Isolation begünstigen kann und warnt vor einer „kritiklosen“ Nutzung digitaler Medien.
Allerdings formuliert Spitzer keine präzise Definition des Begriffs, sodass die Interpretation beim Leser bleibt. Auch liefert er wenig konkrete Lösungswege, was zu Kritik führt. So meint etwa Vera Linß, Spitzer biete keine hilfreichen Ansätze für soziale Chancengleichheit beim Umgang mit digitalen Medien.
Digitale Kompetenz
Der Begriff Kompetenz umfasst Fähigkeiten und Fertigkeiten, die notwendig sind, um Probleme zu bewältigen. Übertragen auf digitale Medien meint digitale Kompetenz die Fähigkeit, Geräte und Inhalte zielgerichtet, verantwortungsbewusst und selbstbestimmt zu nutzen.
Der Erziehungswissenschaftler Dieter Baacke prägte dabei vier Bereiche:
- Medienkritik
- Medienkunde
- Mediennutzung
- Mediengestaltung
Unter diesem Blickwinkel bedeutet digitale Kompetenz weit mehr als technisches Wissen – sie umfasst Reflexion, Bewertung, Anwendung und kreatives Gestalten.
Praktische Hinweise finden sich u. a. unter:
www.lehrer-online.de/medienkompetenz.php
Fazit
Die Entwicklung hin zur Informationsgesellschaft ist unumkehrbar. Fortschritt zu verweigern war historisch selten erfolgreich – ähnlich wie im 19. Jahrhundert die Gegner der Eisenbahn oder später des Automobils. Michel Gorbatschows Satz «Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben» lässt sich hier gut übertragen.
Entscheidend ist ein ausgewogener Umgang mit Medien: keine Schwarz‑Weiß‑Sicht, keine Verbote um der Verbote willen, sondern bewusste Nutzung und sinnvolle Grenzen.
Beitrag des Elternhauses
Eltern tragen eine zentrale Verantwortung. Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Schule ist hilfreich. Für den Medienumgang sollten klare Regeln gelten – so wie in anderen Bereichen des Familienlebens.
Hilfreiche Webseiten:
- www.medienwerkstatt-online.de
- www.klicksafe.de
- www.blinde-kuh.de/sicherheit/
Der Beitrag der Schulen
Kinder verbringen einen großen Teil ihres Tages in der Schule. Dort entstehen Freundschaften, Wertvorstellungen, Trends – und ein großer Teil ihrer Medienerfahrungen. Das typische Bild vieler Schulen heute: Schülerinnen und Schüler informieren sich auf dem Smartphone, tauschen sich digital aus und sprechen gleichzeitig mit anderen vor Ort. Diese neue Kommunikationskultur verlangt Orientierung und Regeln.
Die Lehrpläne fordern schon ab der Grundschule eine altersgerechte Einbindung digitaler Medien. Auch wenn die technische Ausstattung variiert, sind bestimmte Inhalte unverzichtbar.
Wichtige Themen, die Schulen vermitteln sollten
- Grundlagen im Umgang mit dem Computer
- Keine Preisgabe persönlicher Daten (z. B. Adresse, Telefonnummer, Fotos)
- Sichere Wahl und Aufbewahrung von Benutzernamen und Kennwörtern
- Keine Treffen mit Personen aus sozialen Netzwerken
- Unklare oder verdächtige E‑Mails nicht beantworten, sondern löschen
Wandel in der Unterrichtsgestaltung
Kinder wachsen heute in einer völlig anderen Erfahrungswelt auf als vor wenigen Jahren. Unterricht kann daher nicht mehr wie früher funktionieren. Neue Formen wie Projektarbeit, fächerverbindendes Lernen oder offener Unterricht unterstützen selbstständiges Arbeiten und fördern die Kompetenzen, die moderne Lebenswelten verlangen.
Linktipps
» www.netzwelt.de/news/93140_99-kommentar-mythos-wissensgesellschaft.html
» www.bildungsserver.de/Medienkompetenz-2924.html
Quellen
(1)Manfred Spitzer, Digitale Demenz Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen, Droemer Verlag, MĂĽnchen, 2012
(2) http://www.abendblatt.de/region/stormarn/article1473661/Alles-ist-digital-aber-was-bedeutet-das-eigentlich.html
(3) ebd.
(4) http://de.wikipedia.org/wiki/Gottfried_Wilhelm_Leibniz#Logik
(5) http://de.wikipedia.org/wiki/Demenz
(6) Manfred Spitzer, Digitale Demenz Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen, Droemer Verlag, MĂĽnchen, 2012, Seite 293
(7) http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/1862673/
(8) http://de.wikipedia.org/wiki/Medienkompetenz
(9) ebd.
Zuletzt geändert am 17.02.2026
Jörg Sauer ist ausgebildeter Grundschullehrer und unterrichtet seit über 20 Jahren an einer Schule. Neben der Lehrertätigkeit führte er in den vergangenen Jahren zahlreiche Weiterbildungen über die Nutzung von Neuen Medien im Unterricht durch.