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Langeweile fördert Kreativität

Ein Kind streckt seine bunt angemalten Hände in die Kamera und lacht
Freizeit und Erholung
© YuliiaKa auf Freepik
von Melanie Herber | lernando-Redaktion

"Mir ist langweilig!" hören Eltern öfter. Häufig folgt der Impuls, direkt verschiedene Beschäftigungsmöglichkeiten anzubieten, um der Langeweile entgegenzuwirken. Aber muss ein Kind in seiner Freizeit einen stets durchgetakteten Stundenplan haben? Nein, meint die Wissenschaft. Denn Langeweile fördert die Kreativität.

Lesedauer:
4 min

Tanzen, Fußball, Töpfern, Geigenunterricht... Die Möglichkeiten, seinem Kind Beschäftigung zu bieten, sind riesig und die Nachmittage vieler Kinder sind durchgeplant wie die eines Erwachsenen. Ihre Eltern bringen sie von einem Kurs zum nächsten. Dazwischen werden die Hausaufgaben erledigt oder der außerschulische Nachhilfeunterricht besucht.

Das kann bei einigen Kindern dazu führen, dass sie nichts mit sich anzufangen wissen, wenn einmal keine aktive Beschäftigung vorgegeben wird. Das Gefühl ist ungewohnt, den Kindern wird langweilig.

Während viele Menschen ohne konkret geplante Vorhaben nicht wissen, was sie machen sollen, kultivierten Philosophen der Antike das Nichtstun als hohes Gut. Die Muße, auch als Gegenteil der Arbeit verstanden, galt als wohltuende geistige Auszeit. Ziel der Übung war es, schöpferische Energie frei zu setzen.

Die vermeintlich unbeliebte Verwandte der MuĂźe heiĂźt Langeweile. Doch: sie bringt das gleiche Resultat hervor – sie weckt kreatives Potential im Menschen. Was die Philosophen der Antike unbewusst ahnten, belegen inzwischen auch verschiedene Studien: Langeweile fördert die Kreativität.

Vom Takt des Schulalltags in die Freiheit der Ferien: Entschleunigung ohne Terminplan

Wenn die Ferien beginnen, fällt für viele Kinder erst einmal eine Last von den Schultern. Der eng getaktete Alltag – Hausaufgaben, Sportvereine, Musikunterricht, Verabredungen – macht plötzlich Platz für freie, noch völlig unbeschriebene Tage. Für Eltern kann diese Umstellung herausfordernd sein: Plötzlich steht viel Zeit im Raum, und nicht jede Stunde ist sinnvoll „gefüllt“. Doch genau darin steckt ein großer Gewinn.

Im Schuljahr sind Kinder häufig damit beschäftigt, Erwartungen zu erfüllen und Termine einzuhalten. Die Ferien ermöglichen ihnen eine seltene Form des Freiraums. Wenn Kinder sich langweilen, entsteht ein Moment des Innehaltens – ein kurzer Leerlauf, der für das Gehirn erstaunlich fruchtbar sein kann. Ohne äußere Anleitung beginnen Kinder, selbst aktiv zu werden: Sie erfinden Spiele, probieren Neues aus, versinken in Rollenspielen oder tauchen tief in Fantasiewelten ein. Das ist kein Zufall. Langeweile schafft Raum für Kreativität, weil sie Kinder herausfordert, selbst eine Lösung zu finden und sich auf ihre eigenen Ideen zu verlassen.

Warum Langeweile wertvoll ist

Im Prinzip passiert ein kleiner „Reset“: Abseits der gewohnten Strukturen können Kinder spüren, was ihnen eigentlich Spaß macht. Sie lernen, wieder auf die eigenen Impulse zu hören – und genau das fördert nicht nur Kreativität, sondern auch Selbstständigkeit und Problemlösungsfähigkeit. Ferien müssen also nicht bis ins letzte Detail durchgeplant werden. Im Gegenteil: Ein bisschen Leerlauf ist wie frische Luft für den Kopf.

Und genau daraus entstehen die Momente, an die sich Kinder später erinnern – nicht zwingend wegen großer Ausflüge, sondern wegen selbst ausgedachter Abenteuer im Garten, spontaner Bauwerke aus Kartons oder fantastischer Geschichten, die nur entstehen konnten, weil niemand vorgegeben hat, was als Nächstes zu tun ist.

Langweilen ohne schlechtes Gewissen

Wissenschaftler haben nicht nur herausgefunden, dass Langeweile nützlich für die Kreativität ist, sondern fordern sie sogar für die gesunde Entwicklung von Kindern ein. Das Kind müsse sich aus diesem vielleicht als zäh empfundenen Zustand selbst befreien. Es müsse tätig werden, um wieder ein ausgeglichenes Selbstverhältnis zu empfinden.

Eltern sollten das Experiment wagen und nicht eingreifen, sobald das erste "mir ist langweilig" fällt. Nicht jedes Kind steigt sofort in kreative Projekte ein. Bei vielen kann die Langeweile auch zunächst für etwas Unmut sorgen. Aber Kinder finden irgendwann von allein zu einer Aktivität: Ihre Fantasie kommt wieder in Bewegung, sie spüren ihr wirkliches Selbst, so die Erfahrung des Erziehungsexperten Jesper Juul. Der Autor vieler Erziehungsratgeber plädiert ausdrücklich dafür, Kinder die Erfahrung der Langeweile machen zu lassen. Langeweile würde als eine Art Schlüssel zu inerer Balance führen und das für Menschen jeden Alters. Was zunächst noch als unangenehme Stille wahrgenommen werden kann, führt schnell zu innerem Frieden und fühlt sich wie eine "emotionale Aufladestation" an.

Juul geht sogar noch weiter und rät Eltern, sich gemeinsam mit ihren Kindern zu langweilen. So würden Gespräche jenseits des "Unterhaltungsmodus" entstehen. Erst so könne eine echte Nähe wachsen. Eltern können mit ihrem Kind über Dinge sprechen, die nichts mit den täglichen Aufgaben zu tun haben, über das Leben philosophieren oder einfach gemeinsam herumalbern.

Natürlich habe Juul nichts gegen Eltern, die sich mit ihren Kindern beschäftigen, mit ihnen Fahrradtouren unternehmen, Höhlen bauen oder Verstecken spielen. Ihm ginge es darum, Eltern den Druck aus der Erziehung zu nehmen. Mütter und Väter müssen sich, so seine Empfehlung, nicht für ihre Kinder verbiegen und sie ständig beschäftigen. Langweilen ist also durchaus erlaubt und Eltern müssen kein schlechtes Gewissen haben, wenn der Nachwuchs nichts mit sich anzufangen weiß.

Langeweile als Motor

Viele Erwachsene halten Langeweile ebenso schlecht aus wie Kinder. Das ist nicht weiter verwunderlich. Unser gesellschaftlicher Wert wird immer noch an unserer Nützlichkeit und Produktivität ausgemacht. Momente, in denen man keine Aufgabe oder Beschäftigung hat, gelten als Zeitverschwendung. Langeweile wird sogar oftmals mit Faulheit gleichgesetzt. Eine derartige Betrachtung ist aus vielerlei Perspektive kritisch zu bewerten

Die wenigsten Menschen haben demnach gelernt, sich nach diesem Zustand zu sehen und ihn sich zu nutze zu machen. Dabei ist Langeweile für Erwachsene ebenso förderlich wie für Kinder. Einmal zur Ruhe kommen, in sein Inneres horchen und sich nach seinen wirklichen Bedürfnissen befragen. In vielen Kreativ-Berufen sind Momente des Nichtstuns sogar ausdrücklich erwünscht. Denn oftmals kommen in solchen Pausen gute Ideen oder sogar Geistesblitze.

Wer in seinem Alltag keine Zeit für Langeweile hat, kann auch die kleinen Momente nutzen, um einmal nichts zu tun. Das Warten an der Supermarktkasse ohne Blick auf das Smartphone überstehen und statt dessen die Gedanken schweifen lassen. Oder während der Mittagspause einfach mal aus dem Fenster gucken und träumen. Das ist zwar von Langeweile noch weit entfernt, aber immerhin ein Anfang auf dem Weg zur Kreativität. So können Sie als Eltern auch zu einem tollen Vorbild für Ihr Kind werden.

 

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Themen:
Langeweile
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Ăśber den Autor/die Autorin
Foto der lernando-Autorin Melanie Herber

Melanie Herber hat Medienwissenschaften, Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation in Leipzig und Würzburg studiert. Ihr beruflicher Werdegang ist von verschiedenen Etappen in der Bildungswelt geprägt: Hochschulkommunikation, Bildungsministerium, Bildungsmedienverlag. Sie ist Teil der Redaktion von lernando aus dem Hause Westermann.

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