Versagensängste in der Schule
Versagensängste in der Schule
In unserer Gesellschaft zählen Leistung und Erfolg viel. Die Schule vermittelt Wissen, bildet und erzieht. Nicht zuletzt ist Schule ein Raum, in dem Schülerinnen und Schüler Leistung erbringen und sich dem Leistungsvergleich stellen. Leistung zeigen zu müssen, kann Leistungsdruck erzeugen und dieser wiederum provoziert bei einigen Versagensängste.
Viele Schülerinnen und Schüler möchten in der Schule gute Leistungen erbringen. Sie wollen Erwartungen erfüllen, Erfolg erleben und Anerkennung bekommen. Doch genau diese Motivation kann manchmal in eine starke Belastung umschlagen: Versagensangst.
Besonders betroffen sind häufig Kinder,
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die sich stark mit schulischen Zielen identifizieren,
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die sehr ehrgeizig sind,
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oder deren Eltern hohe Leistungserwartungen haben.
Versagensängste sind weit verbreitet – problematisch werden sie jedoch dann, wenn sie das Lernen dauerhaft blockieren.
Psychische Reaktionen auf Schulstress
Schülerinnen und Schüler können auf schulischen Druck sehr unterschiedlich reagieren. Häufig zeigen sich psychische oder körperliche Auffälligkeiten wie:
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Schulverweigerung
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starke Nervosität vor Klassenarbeiten
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Bauch- oder Kopfschmerzen
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auffälliges Verhalten wie das „Klassenclown-Phänomen“
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Rückzug oder aggressives Verhalten
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Mobbing (als Täter oder Opfer)
Versagensangst ist dabei oft nur ein Teil eines größeren Unwohlseins.
Leichte Formen von Prüfungsangst kennt fast jeder. Kritisch wird es, wenn die Angst so stark wird, dass:
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eine reguläre Teilnahme am Unterricht kaum möglich ist
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das Kind deutlich unter seinen Möglichkeiten bleibt
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die Angst krank macht oder dauerhaft belastet
Gerade für Lehrkräfte ist es schwierig, Schülerinnen und Schüler mit geringem Selbstwertgefühl und starker Angst angemessen zu begleiten.
Warum entsteht Versagensangst?
Angst ist grundsätzlich eine natürliche psychologische Reaktion. Sie macht uns wachsam in Situationen, die wir als bedrohlich erleben.
Doch was empfinden Kinder in der Schule als Gefahr?
Leistungsdruck und Noten
In der Schule geht es weiterhin stark darum,
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gute Noten zu erreichen
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Klassenarbeiten zu bestehen
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Prüfungen erfolgreich zu bewältigen
Besonders Prüfungstage zählen oft „mehrfach“, was den Druck zusätzlich verstärkt.
Erwartungen von Eltern und Lehrkräften
Schüler spüren häufig sehr genau, was Erwachsene von ihnen erwarten. Viele strengen sich an,
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um Eltern stolz zu machen
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um Lehrkräften zu gefallen
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um Chancen auf Praktika oder Ausbildungsplätze zu sichern
Auch Übergänge wie der Wechsel von der Grundschule zur weiterführenden Schule können Versagensängste verstärken.
Angst vor sozialer Bewertung
Heute spielt nicht nur die schulische Leistung eine Rolle, sondern auch die soziale Anerkennung.
Blamagen oder schlechte Ergebnisse werden oft nicht nur im Klassenraum erlebt, sondern auch über soziale Netzwerke verbreitet. Dadurch wächst die Angst, als „Versager“ dazustehen.
Entspannungsübungen gegen Prüfungsangst
Kinder mit Versagensängsten sollten nicht allein gelassen werden. Wichtig ist, ihre Sorgen ernst zu nehmen und ihnen konkrete Hilfen anzubieten.
Bewährte Entspannungstechniken sind zum Beispiel:
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Autogenes Training
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Yoga
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Progressive Muskelentspannung
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Atemübungen zur Beruhigung
Solche Methoden helfen Schülerinnen und Schülern, ihre Angst aktiv zu kontrollieren und Stress abzubauen.
Entspannungsübungen können als Ritual regelmäßig im Unterricht stattfinden – besonders in stressigen Prüfungsphasen. Auch Krankenkassen oder Gesundheitsämter unterstützen manchmal entsprechende Projekte.
Je früher Kinder solche Strategien lernen (am besten schon in der Grundschule), desto besser können sie sie später abrufen.
Weitere Maßnahmen gegen Versagensängste
Neben Entspannung gibt es weitere wirksame Strategien:
Ängste aufschreiben
Gerade ältere Schülerinnen und Schüler können profitieren, wenn sie ihre Sorgen schriftlich festhalten. Studien zeigen, dass das Aufschreiben entlastend wirkt und die Konzentration verbessert.
Gute Vorbereitung auf Klassenarbeiten
Eine der wichtigsten Maßnahmen gegen Prüfungsangst ist rechtzeitiges Lernen.
Dabei hilft es, gemeinsam zu klären:
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Wann beginne ich mit der Vorbereitung?
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Lerne ich besser allein oder in einer Gruppe?
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Wie strukturiere ich meinen Lernplan?
Auch ältere Schüler brauchen hier oft noch Unterstützung durch Lehrkräfte.
Ursachen genau analysieren
Versagensangst entsteht nicht immer nur durch Druck. Manchmal gibt es tieferliegende Gründe:
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passt die Schulform zum Kind?
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sind die Aufgaben zu schwer oder zu leicht?
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treten Ängste nur in bestimmten Fächern auf?
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liegen Lernstörungen wie Legasthenie oder Dyskalkulie vor?
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besteht ADHS oder eine andere Belastung?
Bei sehr starken Ängsten ist die Zusammenarbeit mit Schulpsychologen besonders wichtig.
Blackout in Prüfungen: Was passiert im Gehirn?
Viele Schüler sagen vor Klassenarbeiten:
„Hoffentlich habe ich keinen Blackout.“
Ein Blackout ist zwar unangenehm, tritt aber seltener auf, als viele befürchten.
In Stresssituationen schüttet der Körper Hormone wie Cortisol aus. Diese sorgen zunächst für Leistungssteigerung. Wird der Stress jedoch zu groß, kann ein Schutzmechanismus einsetzen:
Das Gehirn blockiert kurzfristig den Zugriff auf gespeicherte Informationen, um Überlastung zu vermeiden.
Wichtig: Ein Blackout ist nicht endgültig.
Hilfreich ist es, kurz innezuhalten, ruhig zu atmen und sich an etwas Beruhigendes zu erinnern. Oft löst sich die Blockade dann wieder.
Nobody is Perfect: Versagen gehört zum Leben
Gute Schulabschlüsse sind wichtig. Dennoch ist es entscheidend, Kindern zu vermitteln:
Ein Mensch ist nicht nur durch Noten wertvoll.
Auch ohne Abitur kann jemand ein verantwortungsbewusstes, integriertes Mitglied der Gesellschaft sein.
Emotionale Intelligenz, Mitgefühl und soziale Stärke sind ebenso bedeutend wie akademische Leistungen.
Der Anspruch, immer perfekt zu sein, ist unrealistisch – und genau dieser Perfektionsdruck verstärkt oft Versagensängste.
Buchtipp
Korte, Martin: Wie Kinder heute lernen
Goldmann Verlag, München 2011
Hildegard Dierks arbeitet seit vielen Jahren als Online-Autorin und Online-Redakteurin für verschiedene Zielgruppen, z.B. Eltern. Zu ihren Themenschwerpunkten zählen alle Themen rund um Grundschule, Fremdsprachenlernen, Musikerziehung, computergestütztes Lernen aber auch schulpolitische Themen.