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Jugendkultur – Warum Abgrenzung wichtig ist

Eine junge Frau schaut mit rosa Sonnenbrille in die Kamera und stellt ein Herz mit ihren Fingern dar
Entwicklung und Erziehung
© pikisuperstar auf Freepik
von Melanie Herber | lernando-Redaktion

Wenn Teenager plötzlich eigene Wege gehen, eigene Styles ausprobieren oder neue Worte sprechen, die Eltern kaum verstehen, sorgt das im Familienalltag oft für Stirnrunzeln. Doch all diese Veränderungen gehören zu einem wichtigen Entwicklungsprozess: Jugendliche testen aus, wer sie sein wollen – und brauchen dafür Abstand von den Eltern. In diesem Artikel erfahren Sie, warum Jugendkultur für junge Menschen so bedeutsam ist, welche Veränderungen in der Pubertät ganz normal sind und wie Eltern ihre Kinder in dieser turbulenten Phase einfühlsam begleiten können.

Lesedauer:
7 min

Hilfe, Pubertät!

Die Pubertät ist eine ganz besondere Zeit im Leben: ein Übergang, in dem Jugendliche weder richtig Kind noch schon erwachsen sind. Körper und Gehirn verändern sich rasant, Gefühle fahren Achterbahn, und gleichzeitig wächst der Wunsch nach Selbstständigkeit. Jugendliche spüren, dass sie ihren Platz in der Welt neu definieren müssen – und dass die Antworten darauf nicht mehr von den Eltern kommen sollen.

Diese Zwischenphase kann herausfordernd sein, weil vieles gleichzeitig passiert: Jugendliche wollen mehr Freiheit, wissen aber oft noch nicht genau, wie man Verantwortung trägt. Sie sehnen sich nach Zugehörigkeit, möchten aber zugleich ihre Individualität betonen. Genau dieses Spannungsfeld macht die Pubertät so prägend: Hier wird die Basis gelegt für das spätere Erwachsenenleben und dafür, wer man sein möchte.

Zeit der Veränderung

Im Alter zwischen 13 und 21 Jahren spricht man von Jugendlichen, wobei diese Zeitspanne in der Forschung unterschiedlich gesetzt wird. Rechtlich gesehen gelten Heranwachsende ab dem vollendeten 14. Lebensjahr als jugendlich. FĂĽr jedes Kind ist die Pubertät anders â€“ sowohl der Beginn als auch der Verlauf.

Nicht nur körperlich entwickeln sich Jugendliche weiter, auch im kognitiven Bereich finden beachtliche Veränderungen statt. US-Psychiater Jay Giedd wies nach, welche fundamentalen Umbauarbeiten im Gehirn von Jugendlichen passieren: Die graue Substanz beispielsweise, welche die Nervenzellen der Großhirnrinde bildet, wird in dieser Zeit in großer Menge vom Gehirn abgestoßen, um Platz für neue Verknüpfungen zu schaffen. Alle Zeichen stehen auf Veränderung. Kein Wunder das die Heranwachsenden nach Orientierung suchen.

Jugendkultur – vielfältige Richtungen

Abgrenzung und Rebellion – auch das gehört zur Jugend und zum Erwachsenwerden. Dieser Prozess fĂĽhrt schon seit jeher dazu, dass sich verschiedene Jugendkulturen bilden: hier finden Jugendliche ihren eigenen Weg unter Gleichgesinnten.

Jugendkultur bezeichnet die typischen Lebensstile, Ausdrucksformen und Verhaltensweisen von Jugendlichen, die sich bewusst von der Erwachsenenwelt unterscheiden. Dazu gehören unter anderem Musik, Mode, Sprache und gemeinsame Werte, über die junge Menschen Zugehörigkeit erleben und eine eigene Identität entwickeln.

Der Begriff "Jugendkultur" hat sich erst in den letzten 150 Jahren für dieses Phänomen herausgebildet. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren es noch die sogenannten "Wandervögel", die mit ihrer romantischen Naturflucht den industriell geprägten Erwachsenen etwas entgegen setzen wollten. Eine breitere Bekanntheit erreichte die 68er-Bewegung. Da gab es beispielsweise die Anhänger der Rolling Stones, die ihre Eltern mit dem Motto "Sex, Drugs & Rock´n`Roll" schockierten oder die Hippies, die mit ihrer friedlich-harmonischen Grundhaltung die Welt verbessern wollten.

In den letzten 30 bis 40 Jahren wurde die Jugendkultur immer facettenreicher. Vor allem die weitreichende digitale Vernetzung junger Menschen spielt dabei eine große Rolle und findet sich auch in sämtlichen aktuellen Ausprägungen von Jugendkulturen wieder.

Zentrale Elemente, um die sich Jugendkulturen entwickeln, sind bestimmte Hobbys, Mode und Musik. Meist gehen diese Elemente Hand in Hand. Bestimmte Hobbys und Lifestyle-Themen wie TikTok und Meme-Kultur, Gaming, Skaten oder Cosplay prägen die Sphären, in denen Jugendliche sich bewegen. Die Mode ist heutzutage bspw. stark geprägt von Y2K-, 90s- und Retro‑Styles. Das Interesse an kreativen, diversen und individuellen Looks ist groĂź. Second-Hand- und Vintage-Kleidung ist beliebt â€“ aus GrĂĽnden der Nachhaltigkeit, aber auch auf der Suche nach besonderen EinzelstĂĽcken. Gender-Klischees werden bei der Kleidung entweder komplett abgelegt oder bewusst ĂĽbertrieben. Jugendkulturen haben sich schon immer um bestimmte Musikrichtungen gedreht: Techno, Punk, Metal, Emo, Hip Hop und sämtliche Untergenres dieser Musikrichtungen spielen schon lange eine Rolle fĂĽr die Jugendkultur. Momentan bringen groĂźe Pop-Ikonen und queere, bzw. queer-solidarische, Acts auch die Vorliebe fĂĽr Popmusik wieder verbreitet unter junge Menschen.

Flucht in die Gruppe

Jugendkulturen bieten den Jugendlichen die Möglichkeit, sich abzugrenzen. Abzugrenzen von den Eltern, der Familie und ganz allgemein von der Erwachsenenwelt. Damit verabschieden sich die Jugendlichen auch von den Werten, Vorstellungen und oftmals von den Verboten der Erwachsenenwelt.

Diese Abgrenzung vom "bisher Bekannten" findet gleichzeitig mit einem Wunsch nach Verbundenheit im "Neuen" statt. Innerhalb einer Jugendkultur, unter Gleichgesinnten, entsteht Verbundenheit, Verständnis und ein echtes Gefühl von Zugehörigkeit. Waren in der Kindheit noch die Werte der Familie ausschlaggebend, orientieren die Heranwachsenden sich nun an Gleichaltrigen und experimentieren mit anderen Ideen der persönlichen Lebensgestaltung.

In der Gruppe stoßen sie auf junge Menschen, denen ähnliche Fragen und Probleme im Leben wichtig sind. Wer bin ich und wo stehe ich im Leben? Wie geht es weiter nach der Schule, welchen Beruf werde ich ergreifen und wo will ich hin?

Wer sich einer Jugendkultur anschließt, kann so auch mit der eigenen Identität experimentieren: bunte Haare, ausgefallenes Make-Up, unkonventionelle Kleidung. Welche Wirkung haben Äußerlichkeiten auf meine Umwelt? Wie fühle ich mich stärker? Wie möchte ich mich positionieren? Darüber hinaus sind mit bestimmten Jugendkulturen oder Gruppen auch dezidierte Haltungen und Weltbilder verbunden. Das Gemeinschaftsgefühl geht also weit über die gemeinsamen Äußerlichkeiten hinaus: es geht um politische Meinungsbildung, um eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen, ökonomischen, gesundheitlichen und sozialen Themen.

In der Gruppe lassen sich Probleme besser verarbeiten: Stress mit den Eltern, Sorgen in der Schule, ... Die Gruppe schafft einen neuen sozialen Kosmos, der Halt geben kann â€“ entweder durch Gespräche und Verständnis oder durch gemeinsamen Eskapismus, der Flucht vor dem Alltag. Gleichzeitig erlangen viele Jugendliche Sicherheit und Anerkennung innerhalb ihrer Gruppe.

Jugendkultur und Schule

Auch in der Schule zeigen sich die Auswirkungen der Pubertät deutlich. Ungefähr ab Mitte der siebten Klasse, so die Erfahrung vieler Lehrkräfte, beginnen einige Schüler:innen vermehrt den Unterricht zu schwänzen oder sind unpünktlich. Zum Teil sitzen sie gelangweilt und unmotiviert in den Klassen und haben haben keine Lust zu lernen. Abgrenzung und Rebellion findet nicht nur gegen die eigenen Eltern statt, sondern gegen jegliche Formen von Autorität – so trifft es auch die Lehrkräfte.

Viele Jugendliche tragen die persönliche Veränderung in der Schule zur Schau, um ihr mehr Gewicht zu verleihen. Es ist eine Frage von "sehen und gesehen werden". Sie fangen an sich zu schminken und experimentieren mit ihrem Outfit. Die sozialen Gruppen innerhalb von Jugendkulturen bilden sich selbstverständlich auch im Schulkontext zwischen Klassenkamerad:innen und anderen Schüler:innen. Zugehörigkeit wird auf dem Pausenhof signalisiert. Nicht immer herrscht Harmonie zwischen den einzelnen Gruppen. Für die Lehrkräfte kann dies herausfordernd sein.

Oftmals ist es schwer, die Jugendlichen für den Stoff des jeweiligen Faches zu erreichen. Um dem entgegenzuwirken gibt es viele Ansätze, die an den Schulen verfolgt werden: den Heranwachsenden mehr Verantwortung zutrauen, Themen im Unterricht in aktuellere Bezüge setzen, Mitwirken ermöglichen. Emilia Galotti beispielsweise befand sich auch im Konflikt zwischen den Ansprüchen ihrer Eltern und ihren eigenen Bedürfnissen. Geht es den Jugendliche nicht ähnlich?

Wichtig ist, dass Lehrkräfte die Probleme und Konflikte ihrer Schüler:innen ernst nehmen. Streit und Belehrungen sind pädagogisch wenig hilfreich. Verständnis und eine Beziehung, in der Kinder und Jugendliche für voll genommen werden, können stattdessen die Motivation im Unterricht fördern.

Stress mit den Eltern ist nĂĽtzlich

Auch für die Eltern gilt: Verständnis und Beziehungsarbeit sind hilfreicher als Standpauken und Strafen.

Wenn Ihr Kind in seine eigene Welt abtaucht, ist diese Umbruchphase auch fĂĽr die Eltern eine ungewohnte Situation. In manchen Familien werden auf einmal TĂĽren geknallt, die Eltern werden beschimpft. Aus ehemals engen Eltern-Kind-Beziehungen entwickeln sich gegebenenfalls distanzierte Kontakte mit minimaler Kommunikation.

Experte in Sachen Pubertät, Ralf Dawirs, rät Eltern gegenüber Spiegel-Online zu mehr Gelassenheit: "Die Pubertät hat ja den Zweck, dass der Jugendliche sich emotional von den Eltern entkoppelt." Das sei, so der Autor weiter, "eine biologische Notwendigkeit, sonst kann er nicht erwachsen werden". Die Abgrenzung zur Welt der Erwachsenen habe, so Dawirs, einen wichtigen Nutzen. In der früheren Menschheitsgeschichte sei die Zeit der Adoleszenz sogar überlebenswichtig gewesen. "Vor eineinhalb Millionen Jahren sind die Eltern meist gestorben, wenn die Kinder in die Pubertät kamen". Und weiter: "Das war die eigentliche Zeit des Erwachsenseins." Die Entwicklung im Jugendalter und die Risikofreude sei damals ein hohes Gut gewesen. Heute hingegen "erleben die Jugendlichen diese Phase oft als Zeit der Verbote durch die Eltern, die mit Mitte 40 verständlicherweise noch nicht abtreten wollen".

Mit der Abnabelung vom Elternhaus gehen die Kinder also einen wichtigen Schritt in Richtung Eigenständigkeit. Dazu gehört aber eben auch, eine eigene Meinung zu haben und sich ein eigenes Bild von der Welt zu machen. Klar, dass es da auch zu Reibungen zwischen den Generationen kommt.

Auch wenn die Abgrenzung einen wichtigen Zweck erfüllt, ist diese Phase für Eltern oft schwer zu ertragen. Die Distanz ihrer Kinder weckt in vielen Eltern Trauer und Versagensängste. Ihr Kind ist nicht mehr länger ein Kind und nicht mehr in vollem Umfang auf sie angewiesen. Das heißt aber nicht, dass Eltern nun überflüssig werden. Immer noch ist das zu Hause ein wichtiger Zufluchts- und Rückzugsort. Wer die Turbulenzen dieses Alters nicht zu persönlich nimmt, kann seinen Kindern helfen, starke Erwachsene zu werden, die sich ihrer Wurzeln sicher sein können.

Wenn Eltern Freunde ihrer Kinder sein wollen

Problematisch kann es allerdings werden, wenn Eltern ihren Kindern die Abgrenzung nicht zugestehen, wenn sie Freunde ihrer Kinder sein wollen, beziehungsweise selbst aktuelle Codes der Jugendkultur verwenden, ohne sie zu verstehen. Dabei geht es nicht darum, dass Eltern zwangsläufig Hemd und Bluse tragen müssen, während Sie Jazzmusik hören. Es geht darum, den eigenen Kindern Abstand von den Vorlieben der Eltern zu ermöglichen, im individuellen Familienkontext.

Abgrenzung ist wichtig, findet auch Autorin Elisabeth Raffauf in ihrem Buch "Pubertät heute". Das sei aber nur möglich, "wenn Eltern nicht auf einer Stufe mit den Kindern stehen wollen, sondern ihre Meinung vertreten und es aushalten können, dass die Kinder sie zeitweilig ziemlich doof finden."

Jugendkultur als allgemeines Konsumgut

Ein weiteres Problem der Abgrenzung ist für Jugendliche die weitgehende Kommerzialisierung von Trends, die auch vor Subkulturen nicht halt macht. War der abgewetzte Parka in den 90ern noch den Grunge-Anhänger:innen vorbehalten, gehört er inzwischen zur Grundausstattung in vielen Schränken über Generationen hinweg. Die kaputten Hosen der Punks, einst Zeichen ihrer Rebellion gegen das Establishment, gibt es heute teuer von der Stange.

Da viele Einflüsse der Jugend- und Subkultur auf massentaugliche Mode übergehen, stehen auch Jugendkulturen unter beständigem Wandel. Styles, die wieder aus der Mode geraten, kommen später über die Jugendkulturen zurück und werden neu interpretiert: so geschieht es beispielsweise gerade mit Looks aus den 90ern und Nullerjahren. Kreativität schafft neue Wege der optischen Abgrenzung. Grenzen zwischen den Genres verschwimmen und bilden immer wieder neue Wege für junge Menschen, sich abzugrenzen und selbst zu finden.

Das Kind auf seinem Weg unterstĂĽtzen

Auch wenn die Eltern noch so verständnisvoll sein mögen, Auseinandersetzungen zwischen Jung und Alt werden sich nicht vermeiden lassen. Im Gegenteil: Sie sind sogar nützlich für die Heranwachsenden, um ihre Position in der Gesellschaft auszuloten. Trotzdem können die Erwachsenen ihren Kindern entgegen kommen und sie in ihrem Abnabelungsprozess unterstützen.

Statt ständigen Verboten kann es hilfreich sein, den Heranwachsenden Dinge zuzutrauen. Ihnen Freiraum zu bieten, um die Welt neu zu entdecken. Dass soll nicht heißen, dass sie keine Grenzen brauchen. Grenzen schützen nicht nur, sondern bieten auch Halt. Aber es ist nur natürlich, dass Jugendliche nun nicht mehr alles erzählen oder manche Erfahrungen vor den Eltern verbergen.

Auch wenn die Jugendlichen nun bald erwachsene Menschen sind: Sie sollten immer wissen, dass ihre Eltern für sie da sind und sie im Zweifelsfall Hilfe von zu Hause erwarten können.

Wenn das Kind langsam aber sicher erwachsen wird, wird es auch fĂĽr die Eltern Zeit, sich neu zu orientieren. Bald werden die Jugendlichen ausziehen, die Alltagsstruktur wird sich dadurch komplett umstellen und die Eltern haben wieder mehr Zeit fĂĽr eigene Interessen. Denn mit dem FlĂĽgge werden der Kinder beginnt auch fĂĽr sie eine neuer Abschnitt im Leben.

 

Quellen

  • Webseite des "Archiv der Jugendkulturen" www.jugendkulturen.de
  • Beitrag ĂĽber die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Hirnentwicklung während der Pubertät: www.spiegel.de
  • Ralf Dawirs, Gunther Moll: Endlich in der Pubertät. Vom Sinn der wilden Jahre. Beltz. 2011.
  • Elisabeth Raffauf. Pubertät heute. Ohne Stress durch die wilden Jahre. Beltz. 2011.
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Foto der lernando-Autorin Melanie Herber

Melanie Herber hat Medienwissenschaften, Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation in Leipzig und Würzburg studiert. Ihr beruflicher Werdegang ist von verschiedenen Etappen in der Bildungswelt geprägt: Hochschulkommunikation, Bildungsministerium, Bildungsmedienverlag. Sie ist Teil der Redaktion von lernando aus dem Hause Westermann.

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