Hans Christian Andersen
Die Faszination um seine Märchen
Hans Christian Andersen
Die Faszination um seine Märchen
Märchen erzählen von wundersamen Begebenheiten, von Zauber und Magie, von der Anziehungskraft des Bösen und der Macht des Guten. Generationen von Kindern kennen die alten Volksmärchen der Gebrüder Grimm, sind mit ihnen aufgewachsen. Mindestens genauso bekannt, sind die Kunstmärchen des dänischen Schriftstellers Hans Christian Andersen.
Die „Kleine Seejungfrau“, „Des Kaisers neue Kleider“ oder „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ haben bis heute nicht an Faszination verloren.
Hans Christian Andersen und seine Märchen
Hans Christian Andersen wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Geboren wurde der Autor der traurig-schönen Geschichten vor über 200 Jahren, am 2. April 1805, in Odense in Dänemark. Im Gegensatz zu den klassischen Volksmärchen, die über Jahrhunderte mündlich überliefert wurden, komponierte Andersen seine Kunstmärchen in einer poetischen Sprache. Mehr als einhundertsechzig Märchen veröffentlichte er zwischen 1835 und 1848 in insgesamt acht Bänden. Als Vorgabe dienten ihm meist Volksmärchen, die er literarisch bearbeitete. Viele seiner Geschichten kommen ohne Magie oder Zauberei aus. Vielmehr verknüpft er die Welt der Phantasie mit der Realität und schafft so wundersame Begebenheiten. Andersen verfasste auch Dramen und Erzählungen. Berühmt machten ihn aber seine Märchen.
Hans Christian Andersen – Vom hässlichen Entlein zum schönen Schwan
In seine Märchen fließen immer wieder seine eigenen Lebenserfahrungen ein. „Das hässliche Entlein“ beispielsweise spiegelt exemplarisch seine eigene Biografie wieder. Andersens psychischer Leidensdruck und seine von Selbstzweifeln gequälte Persönlichkeit finden sich hier wieder. Im Märchen verirrt sich ein Schwanenei in das Nest einer Ente. Der Schwan wächst mit den Enten zusammen auf, wird aber aufgrund seines gänzlich anderen Äußeren von seinen Geschwistern nicht akzeptiert. Erst bei einem Ausflug auf dem Teich erkennt das Schwanenkind, was es für ein schönes Tier ist und das es eigentlich zu einer anderen Familie gehört.
Andersens Kindheit und Jugend muss ähnlich verlaufen sein. Auch er, der Einzelgänger, fühlte sich nicht richtig aufgehoben in seiner von Armut und Alkoholsucht geprägten Familie. Erst in der Welt der Kunst und Produktivität findet er zu seinem wahren Ich. Schon früh verlässt er das familiäre Umfeld und versucht sein Glück als Theaterschauspieler. Als dieser Plan scheitert, ermöglicht ihm der dänische König Friedrich VI. den Besuch der Lateinschule in Slagelsen. Andersen besteht sein Abitur und besucht anschließend die Universität.
Seine unglückliche Liebe zu Riborg Voigt veranlasst ihn später zu insgesamt 30 großen Reisen nach Deutschland, Italien, Spanien und England. Hier entstehen erste Märchen und Romane.
Warum Märchen in der Erziehung wichtig sind
Auch heute noch lesen viele Eltern ihren Kindern Märchen vor und auch viele Erwachsene selbst sind immer noch fasziniert von der Welt des Fantastischen und Fabelhaften. Ein Grund, warum Märchen in der Erziehung wichtig sind, ist die Spiegelung der Welt des Zauberhaften in ihnen. Ungefähr zwischen dem dritten und sechsten Lebensjahr befinden sich Kinder in der sogenannten magischen Phase. Hier dreht sich alles um Hexerei, Zauberei und Phantasiewesen. Eben diese Welt finden die Kinder in den Märchen wieder. Die magischen Vorgänge erklären ihnen Dinge, die sie mit dem bloßen Verstand noch nicht fassen können. Sie haben noch nicht das Wissen der Erwachsenen um technische und physikalische Vorgänge. Ihre Fantasie hilft ihnen deshalb, die Welt um sie herum zu begreifen.
Dass diese Erzählungen so fesselnd für Kinder sind, ergründete Bruno Bettelheim bereits 1977 in seinem Werk „Warum Kinder Märchen brauchen“. In seiner Analyse wirft er einen psychoanalytischen Blick auf die Gattung Märchen. Für ihn sprechen viele Gründe dafür, Märchen in den Familienalltag zu integrieren. Im Märchen geht es meist um zentrale Konflikte des Lebens, die auch für Kinder eine wichtige Rolle spielen. Sie thematisieren zum Beispiel Liebe und Zusammenhalt, aber auch Trennungsangst und Gewalt. Durch die Märchen können Kinder Hoffnung auf eine positive Wendung, auf einen glücklichen Ausgang im Leben schöpfen. Und sie bieten oftmals einfache Lösungsansätze, so Bettelheim weiter. Haben Kinder beispielsweise Angst vor dem Bösen, kann das Märchen von Hänsel und Gretel helfen. Hier wird die Angst, in Gestalt der bösen Hexe, von den beiden mutigen Kindern einfach in den Ofen geschoben.
Verschiedene Lebenssituationen werden also im Märchen in Symbolen vermittelt, die von den Kindern gut verstanden werden. Kindliche Ängste werden im Märchen ernst genommen und nicht verniedlicht. Ein weiteres Argument für Märchen, so Bettelheim, sei die Identifikation der kleinen Zuhörenden mit den Heldinnen und Helden der Geschichte.
Märchen – egal ob Kunst- oder Volksmärchen – regen außerdem die Fantasie der Kinder an. Während ihnen von „Der kleinen Seejungfrau" oder „Des Kaisers neuen Kleidern“ vorgelesen wird, imaginieren sie selbst die Bilder, zu dem ihnen vorgelesenen Text. Im Gegensatz zu Bildschirmzeit eine ruhige und entspannende Alternative, durch die Kinder emotional und geistig reifen können.
Gut und Böse im Märchen
Durch Märchen können Kinder auch lernen, sich in andere Menschen einzufühlen. Im Märchen vom „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ erzählt Hans Christian Andersen von einer schlimmen Form von Armut. Die Hauptfigur, ein kleines Mädchen, wird in solch ärmlichen Verhältnissen groß, dass sie auf der Straße Schwefelhölzer verkaufen muss, um zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Die Geschichte weckt tiefes Mitgefühl für Menschen, die es nicht so leicht im Leben haben und am Rand der Gesellschaft stehen. Durch die Emotionen, die dadurch bei den Lesenden geweckt werden, geht die Geschichte unter die Haut.
Viele Eltern jedoch fürchten sich vor der Brutalität in den Märchen. Denn hier wird entführt, geraubt und getötet. Eltern haben oftmals Angst, ihre Kinder damit zu überfordern. Und ja: aus heutiger Sicht, können die deutlichen Formen von physischer und psychischer Gewalt, die teils in Märchen zutage kommen, als problematisch bewertet werden. Erwachsene kritisieren insbesondere, dass die Konfliktlösung oft über harte Bestrafung oder Rache erfolgt und damit ein Schwarz-Weiß-Bild von Gut und Böse vermittelt wird, das wenig Raum für Empathie oder alternative Lösungswege lässt. Darum bietet es sich an, nach dem gemeinsamen Lesen von Märchen anschließend darüber zu sprechen, gemeinsam zu reflektieren und sich die Meinung des eigenen Kindes anzuhören. Häufig können Kinder im Kindergartenalter diese Darstellungen in alten Märchen noch nicht in ihrer detaillierten Grausamkeit erfassen. Für sie steht noch die Macht des Guten und die Kraft des Bösen im Mittelpunkt. In Andersens „Schneekönigin“ siegt am Ende die Liebe und die Kinder Kay und Gerda entkommen dem bösen Zauber der bösen Eiskönigin. Das Gefühl des Guten hat die Oberhand über die grausame Zeit bei der Eiskönigin.
Bei Andersen steht allerdings die stark konturierte Darstellung von Gut und Böse nicht immer im Vordergrund. Oft verbleiben die Figuren in Grauzonen und auch das Ende der Märchen ist nicht immer glücklich. Im Gegensatz zur Disney-Verfilmung „Arielle“, endet „Die kleine Seejungfrau“ in ihrer Originalversion tragisch: sie zergeht zu Meeresschaum. Aber meist nehmen Andersens Geschichten einen positiven Ausgang. „Die Prinzessin auf der Erbse“ wird anfangs verkannt, nicht ernst genommen und muss sich erst einer Prüfung unterziehen, um ihre wahre Herkunft zu beweisen.
Neben Spannung und Unterhaltung bereichern alte Märchen die Welt des Kindes auch mit einem antiquierten Wortschatz, das die sprachliche Entwicklung des Kindes fördert. Dies bietet ebenfalls einen schönen Anreiz, um sich nach dem Lesen mit seinem Kind über die Geschichte zu unterhalten.
Andersens literarische Kunstmärchen bestechen vor allem durch ihre Poesie und ihre emotionale Eindringlichkeit. Sie bringen den Kindern eine fantasievolle Welt mit der gesamten Bandbreite menschlicher Emotionen, Ängsten und Kräften nahe. Welche Märchen für das eigene Kind tatsächlich geeignet sind – egal ob klassisch von Grimm oder aus der Welt der Kunst wie bei Andersen – müssen Eltern in jedem Fall individuell entscheiden.
Hans Christian Andersen starb am 4. August 1875 in Kopenhagen.
Quellen:
- Andersen, Jens: Hans-Christian Andersen. Eine Biographie. Insel Verlag. 2005
- Bettelheim, Brund: Kinder brauchen Märchen. dtv. 2006
- Michaelis, Richard: Die ersten fĂĽnf Jahre. Wie sich ihr Kind entwickelt. Trias Verlag. 2012
- Schweizer Märchengesellschaft
Melanie Herber hat Medienwissenschaften, Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation in Leipzig und Würzburg studiert. Ihr beruflicher Werdegang ist von verschiedenen Etappen in der Bildungswelt geprägt: Hochschulkommunikation, Bildungsministerium, Bildungsmedienverlag. Sie ist Teil der Redaktion von lernando aus dem Hause Westermann.