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Hören und Zuhören – Hörbildung fĂŒr Kinder

MĂ€dchen flĂŒstern im Klassenzimmer
Entwicklung und Erziehung
© Sergey Novikov – Fotolia.de
von Hildegard Dierks

Kannst du nicht hören? Du hörst nicht zu. Hör mal zu. Bereits in diesen alltĂ€glichen SĂ€tzen wird deutlich wie wichtig Hören und Zuhören im Alltag ist. Schlechtes Hören und Zuhören fĂŒhren zu Fehlern und VerstĂ€ndigungsproblemen z.B. in Schule und Familie. Eine angeborene Schwerhörigkeit wird inzwischen hĂ€ufig beim Hörscreening erkannt. Die meisten Kinder hören von Geburt an gut. Leider nimmt eine erworbene Schwerhörigkeit bei Kindern und Jugendlichen zu. Wie kann dieses wichtige Vermögen geschĂŒtzt werden? Wie können wir lernen, besser zuzuhören?

Lesedauer:
5 min

Zu laute Musik in Kinderohren - Auswirkungen

SchÀtzungen zu Folge hat circa jedes vierte Kind ein beeintrÀchtigtes Gehör. Schwerhörigkeit bei Kindern und Jugendlichen ist ein wachsendes Problem. Vermindertes Hörvermögen erschwert eine aktive und adÀquate Teilnahme am Unterricht, kann soziale und psychische Probleme auslösen.
Ein wichtiger Grund fĂŒr die zunehmende Schwerhörigkeit bei Kindern und Jugendlichen ist eine hohe und andauernde laute Beschallung mit Musik ĂŒber Kopfhörer. Da Kinder und Jugendliche nicht nur zu Hause ĂŒber Kopfhörer Musik hören sondern auch mobil mit dem Smartphone oder MP3-Player, ist die GefĂ€hrdung des Gehörs grĂ¶ĂŸer geworden.

Zwar sollen die in der BRD verwendeten Smartphones und MP3-Player nicht ĂŒber 85 Dezibel laut werden, ob diese Grenze jedoch bei den von Kindern verwendeten GerĂ€ten immer eingehalten wird, darf man anzweifeln.
Ist die Beschallung ĂŒber einen lĂ€ngeren Zeitraum lauter als 85 Dezibel, entwickelt sich eine Schwerhörigkeit. Die beliebten In-Ear Kopfhörer schĂ€digen das Gehör von Kindern und Jugendlichen – so wird vermutet – noch leichter als die traditionellen Kopfhörer.

Außerdem nehmen z.B. Kinder und Jugendliche, die beispielweise auf dem Schulweg Musik mit einem In-Ear Kopfhörer hören, ihre Umwelt nicht mehr so genau war. Sie reagieren bei Gefahren nicht oder zu langsam: Es kommt auf Schulwegen in der Folge zu UnfĂ€llen.
Kinder und Jugendliche sollten ĂŒber die Gefahren von LĂ€rm und lauter Musik ĂŒber In-Ear Kopfhörer immer wieder aufgeklĂ€rt werden. Ist ein SchĂŒler oder eine SchĂŒlerin sozial nicht integriert oder gibt es Probleme mit der Schulleistung, sollte immer auch ein Hörtest gemacht werden. HörschĂ€den können Probleme verschĂ€rfen, manchmal sogar hervorrufen: Schwerhörige SchĂŒlerinnen und SchĂŒler werden oft als nicht kooperativ und unkonzentriert wahrgenommen.

PrĂ€ventionsarbeit ĂŒber das Internet - Beispiele

SchĂŒlerinnen und SchĂŒler informieren sich primĂ€r ĂŒber das Internet. PrĂ€ventionsarbeit mit dem Ziel, Schwerhörigkeit zu vermeiden, kommt ohne Neue Medien nicht aus. Entsprechend bietet das Bayerische Staatsministerium fĂŒr Gesundheit und Pflege auf der Website earaction.bayern.de Informationen und Tests zum Hören an, die auch als App heruntergeladen werden können.
Kinder können zum Thema Hören darĂŒber hinaus auf der Website auditorix.de Informatives und Spielerisches finden. LĂ€rmampel-Apps können Internet heruntergeladen werden. Sie helfen Kindern und Jugendlichen, sich fĂŒr LĂ€rmschutz in ihrer Umgebung zu interessieren und sensibilisieren.

Projektarbeit zur Hörbildung

Schon immer war Gehörbildung beispielweise im Fach Musik verankert. In Sprachfördermaßnahmen in der Grundschule lernen Kinder Konsonanten genau zu unterscheiden.

Hörbildung als eine Kulturtechnik muss aber auch in einem allgemeineren, grundsĂ€tzlicheren fĂ€cherĂŒbergreifenden Sinne stattfinden. Dazu eignen sich besonders Projekte oder Projekttage im Rahmen der Gesundheitserziehung oder fĂ€cherĂŒbergreifend (z.B. Fach Musik und Deutsch oder Biologie sowie Physik) um etwas ĂŒber Akustik, Hören, den Chancen und Möglichkeiten, die uns dieser Sinn verschafft, zu erfahren.

Stichpunkte zu Projekten zur Hörbildung können sein:

  • GerĂ€usche im Gegensatz zur Stille bewusst erfahren
  • GefĂŒhle mit GerĂ€uschen, LĂ€rm oder Musik verbinden
  • Laut und leise bewusst erleben und einsetzen
  • Stille und KreativitĂ€t
  • Akustik in den KlassenrĂ€umen ĂŒberprĂŒfen
  • Akustikingenieure oder HörgerĂ€teakustiker kennenlernen


Materialien und Anregungen zur DurchfĂŒhrung findet man auf der Website zuhoeren.de, der Website der Stiftung Zuhören. Im Gegensatz zur Stiftung Lesen ist sie weniger bekannt, bietet aber umfassende Informationen.

Grundschule: Die LĂ€rmampel und der FlĂŒster-FĂŒhrerschein

Grundschulkinder werden durch LĂ€rm stĂ€rker gestört als Erwachsene. Sie lassen sich bei großem LĂ€rm von der Erledigung ihrer Aufgaben ablenken, können schlechter Arbeitsanweisungen aufnehmen. Der tĂ€gliche Unterrichtsbetrieb mit seinen modernen Arbeitsweisen ist jedoch mit LĂ€rm verbunden, z.B. beim StĂŒhle rĂŒcken oder bei kontroversen Diskussionen.

Oft sitzen Kinder in KlassenrÀumen mit einer sehr schlechten Akustik.

In der Grundschule ist es deshalb besonders wichtig, immer wieder auf eine Senkung des GerĂ€uschpegels zu achten. Hilfreich kann dabei eine sog. LĂ€rmampel sein. Ähnlich wie eine Verkehrsampel zeigt sie an, ob der gewĂŒnschte LĂ€rmpegel ĂŒberschritten wird. Verschiedene Einstellungen sind entsprechend den Anforderungen im Unterricht möglich.

Eine fĂŒr Grundschule ebenfalls motivierende Möglichkeit, sich mit dem Thema LĂ€rm auseinanderzusetzen ist der sog. FlĂŒster-FĂŒhrerschein, den Kinder erwerben können. Beim Erwerb des FlĂŒster-FĂŒhrerscheins reflektieren Kinder ihr Verhalten. Die Übungen und das Bearbeiten von ArbeitsblĂ€ttern zielen sowohl auf eine LĂ€rmreduktion ab als auch auf ein friedliches Miteinander. Anregungen fĂŒr Eltern sind bei diesem von Bernd Wehren entwickelten FĂŒhrerschein ebenfalls enthalten.

Fast jede Schulhausordnung enthĂ€lt Regeln zur Ruhe. Wie eine LĂ€rmreduktion eingehalten werden kann, wird dabei selten formuliert. Insbesondere Grundschulkinder benötigen aber Hinweise wie sie etwas in Ruhe erledigen können, z.B. Tasche auspacken, still von einem Raum zum anderen gehen. FrĂŒh erlerntes Verhalten wirkt oft nachhaltig. Hörbildung hat in dieser Schulform deshalb einen besonders wichtigen Stellenwert. Die LĂ€rmampel oder der FlĂŒster-FĂŒhrerschein sind nur zwei Beispiele, die von Grundschulkindern meistens interessiert angenommen werden.

Zuhören muss man lernen

Die Stiftung Zuhören widmet sich intensiv der Förderung dieser wichtigen Kompetenz, die von der Kultusministerkonferenz als zu fördernde Kulturtechnik aufgewertet wurde. Im Gegensatz zum Hören muss man gutes Zuhören lernen.

Es gibt ein paar allgemeine Regeln fĂŒr gutes Zuhören. Einige davon gehen auf den bekannten Psychotherapeuten Carl R. Rogers zurĂŒck.

  • Geduldig zuhören bis zum Schluss
  • Sich konzentrieren auf den anderen
  • Sich dem anderen freundlich zuwenden
  • Erfahren wollen, was der andere sagen will
  • Blickkontakt zum GesprĂ€chspartner/-in suchen
  • GefĂŒhle des anderen verbalisieren
  • Verstandenes wiedergeben
  • KlĂ€rende und weiterfĂŒhrende RĂŒckfragen stellen


Gutes Zuhören kann helfen Probleme zu erkennen und zu lösen. Wenn stille Kinder sich Ă€ußern, ist gutes Zuhören beispielsweise besonders wichtig.

Kommentar: LĂ€rmreduktion kommt nicht von allein

Ist Ruhe die erste SchĂŒlerpflicht, wenn Unterricht gelingen soll? Dabei hatten wir das Stillsitzen doch aus gutem Grund fast abgeschafft. Wir wollten Verkrampfungen und eine zu angespannte LernatmosphĂ€re vermeiden. Sind lebhafte, kontroverse Diskussionen, GelĂ€chter, Musik und Tanz nicht auch ein Ausdruck von Lebensfreude?

Die Situation ist differenziert zu betrachten. Wir haben allen Grund uns um einen geringeren LĂ€rmpegel zu bemĂŒhen. Ziel ist es, unsere Gesundheit, insbesondere unser Gehör, zu schĂŒtzen und ein besseres Miteinander durch gutes Zuhören zu befördern. Die Motivation fĂŒr mehr Ruhe und Stille ist deshalb eine andere als frĂŒher. Sie dient nicht dazu, Menschen mundtot zu machen oder ein DuckmĂ€usertum zu befördern.

In unserem modernen (Schul-)leben ist der LĂ€rmpegel schnell und dauerhaft zu hoch. Die Belastung durch einen hohen LĂ€rmpegel in der Schule wird oft nicht explizit wahrgenommen, manchmal sogar heruntergespielt. Das ist ein Problem. Negative Auswirkungen stellen sich ein. Die GrĂŒnde werden nicht in einem zu hohen LĂ€rmpegel gesucht. Alle Studien zeigen jedoch, dass unser modernes Leben, insbesondere in großen StĂ€dten mit hohen LĂ€rmbelastungen verbunden ist. Unsere großen Schulzentren liegen oft wegen der besseren Verkehrsanbindung in StĂ€dten. Sie sind darĂŒber hinaus zusĂ€tzlich wegen ihrer großen SchĂŒlerzahl von LĂ€rmproblemen besonders betroffen.

Eine Hörbildung, die sich um gutes Zuhören bemĂŒht sowie um den Schutz unserer Gesundheit ist eine moderne Herausforderung, die in der Schule aber auch im Elternhaus angenommen werden muss. Hörbildung ist so wichtig wie der Erwerb von Computerkenntnissen. Bauliche Maßnahmen u.a. das Einziehen von Akustikdecken, die den GesprĂ€chslĂ€rm in Klassenzimmern reduzieren können, sollten in Schulen selbstverstĂ€ndlich werden.

Link- und Buchtipps

Linktipps:

Buchtipps:

  • Kaltwasser, Vera Achtsamkeit in der Schule: Stille-Inseln im Unterricht: Entspannung und Konzentration Beltz Verlag 2013
  • Snel Eline Stillsitzen wie ein Frosch: Kinderleichte Meditationen fĂŒr Groß und Klein Mit CD Goldmann Verlag 2013
  • Wehren Bernd Der FlĂŒster-FĂŒhrerschein – fĂŒr eine ruhige und friedliche AtmosphĂ€re in Klassenzimmer und Schule (1.-4. Klasse) Brigg PĂ€dagogik Verlag 2009
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Über den Autor/die Autorin
Foto der lernando-Autorin Hildegard Dierks

Hildegard Dierks arbeitet seit vielen Jahren als Online-Autorin und Online-Redakteurin fĂŒr verschiedene Zielgruppen, z.B. Eltern. Zu ihren Themenschwerpunkten zĂ€hlen alle Themen rund um Grundschule, Fremdsprachenlernen, Musikerziehung, computergestĂŒtztes Lernen aber auch schulpolitische Themen.

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