Von Vorbildern lernen
Von Vorbildern lernen
SchĂĽlerinnen und SchĂĽler lernen durch Nachahmen von Modellen oder Vorbildern. Im deutschsprachigen Raum ist dieses vor allem durch den amerikanischen Lernpsychologen Bandura bekannt geworden. Wo finden SchĂĽlerinnen und SchĂĽler diese Modelle zur Nachahmung? Ist unerwĂĽnschtes Verhalten auf falsche Vorbilder zurĂĽck zu fĂĽhren? Wer kann ein Vorbild sein und unter welchen Bedingungen?
Lernen am Modell: Warum Vorbilder fĂĽr SchĂĽlerinnen und SchĂĽler wichtig sind
Wir ahmen nicht automatisch alles nach, was wir sehen. Damit Lernen am Modell funktioniert, mĂĽssen bestimmte Bedingungen erfĂĽllt sein:
Das Modell muss wahrgenommen, verstanden, gemocht und sein Verhalten als bedeutsam eingeschätzt werden. Erst dann wird eine Imitation wahrscheinlich.
Bedingungen fĂĽr erfolgreiches modelllernendes Verhalten
Aufmerksamkeit und Bedeutung
Kinder und Jugendliche beobachten vor allem Verhalten, das:
- erfolgreich wirkt
- anerkannt wird
- sozialen Status erzeugt
- relevant fĂĽr eigene Ziele erscheint
Beispiel:
Ein Mitschüler mit neuem Smartphone, um den sich andere scharen, wird automatisch aufmerksam beobachtet – weil er sichtbar Erfolg und Anerkennung erhält.
Emotionale Bindung und Sympathie
Die Wahrscheinlichkeit, ein Modell nachzuahmen, steigt, wenn man:
- das Modell mag
- sich ihm verbunden fĂĽhlt
- Vertrauen hat
Darum sind Eltern, Geschwister, Freundinnen und Freunde bedeutsame Vorbilder.
Bei Jugendlichen besonders: die Peergroup.
Wenn Vorbilder fehlen oder abgewertet werden
- Wird ein leistungsstarker Schüler als „Streber“ gemobbt, sinkt die Chance, dass andere sein Lernverhalten übernehmen.
- In Klassen, in denen gute Vorbereitung „uncool“ ist, entsteht häufig ein niedriges Leistungsniveau.
Erfolgreiches Modelllernen braucht soziale Anerkennung fĂĽr positives Verhalten.
Lernvorbilder in heterogenen Lerngruppen
In neuen Schulformen arbeiten leistungsstärkere und leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler stärker zusammen. Die Zukunft wird zeigen:
- Orientieren sich schwächere eher an leistungsstarken Peers?
- Oder setzen sich hedonistische, weniger leistungsorientierte Rollenmodelle durch?
Wettbewerbe wie „Jugend forscht“ können motivierende Vorbilder außerhalb des eigenen Klassenraums schaffen.
Die Lehrerrolle als Vorbild – unterschätzt, aber wirksam
Lernprozess statt Lehrerzentrierung
Moderne Schule ist weniger lehrerzentriert. Dennoch spielt die Lehrkraft als Vorbild weiterhin eine wichtige Rolle – oft unterschätzt und unbewusst.
Wie Lehrkräfte wirken
Auch wenn Jugendliche Distanz zeigen (vor allem in der Pubertät), suchen sie Orientierung bei Erwachsenen ihres Alltags. Lehrkräfte können Vorbilder sein für:
- Konfliktlösung
- sprachliches Vorbildverhalten
- Arbeitsmotivation
- Höflichkeit, Werte und Umgangsformen
- ein positives Menschenbild
Berufliche Vorbilder
Schüler erleben ihre Lehrkräfte fast täglich bei der Arbeit. Wer seine Arbeit gern macht, kann Jugendliche für den Lehrerberuf begeistern – besonders wichtig angesichts kommender Lehrkräfteengpässe.
Lehrkräfte mit Migrationshintergrund
Sie sind oft besonders wertvolle Vorbilder – als Beweis, dass erfolgreiche Bildungswege trotz schwieriger Ausgangslagen möglich sind.
Weibliche Vorbilder in MINT
In Fächern wie Chemie, Physik oder Mathematik gibt es zu wenige Lehrerinnen. Die wenigen vorhandenen können Mädchen wichtige Orientierung geben.
Kinder aus bildungsfernen Familien: Wenn Vorbilder fehlen
Kinder aus bildungsfernen Familien haben häufig:
- keine akademischen Vorbilder
- wenig UnterstĂĽtzung fĂĽr lange Bildungswege
- finanzielle Hindernisse
- fehlende Netzwerke
- psychologische Hemmschwellen („Nicht für mich gemacht“)
Programme wie ArbeiterKind.de unterstützen gezielt Jugendliche, die als Erste in ihrer Familie studieren möchten.
Ähnliche Netzwerke wären für junge Menschen mit problematischem Migrationshintergrund ebenso notwendig.
Vorbilder: Chancen, Gefahren und Grenzen
Grenzen des Modelllernens
- Imitation ohne Nachdenken bringt wenig.
- Eigene Problemlösung bleibt die wichtigste Lernform.
- Unkritisches Nachahmen bedeutet Verlust von Verantwortung.
Kinder mĂĽssen deshalb lernen:
- Vorbilder kritisch zu betrachten
- ihre eigenen Werte zu entwickeln
- unrealistische Identifikationen zu erkennen
Gefährliche Vorbilder
- kommerziell inszenierte Stars
- extrem schlanke Models
- Leistungssportler mit unerreichbaren Standards
- radikale politische oder religiöse Gruppen
Hier sind Erwachsene gefragt, Orientierung zu bieten.
Kommentar: Wir brauchen viele gute Vorbilder
SchĂĽlerinnen und SchĂĽler profitieren, wenn sie verschiedene Vorbilder haben. Kein Mensch ist in allem ein Vorbild.
Manche Jugendliche lernen lieber selbstbestimmt – Vorbilder dienen ihnen höchstens als Inspiration.
Vorbilder realistisch sehen
Gefährlich wird es, wenn:
- man Vorbildern keine Fehler mehr zugesteht
- unrealistische Perfektion verlangt wird
- Erwachsene widersprĂĽchliche Signale senden:
- Lehrer verlangt Ordnung, wirkt aber selbst uninteressiert
- Schule erwartet gute Kleidung, aber die Toiletten sind ungepflegt
Vorbilder können Mut machen
Biografien erfolgreicher Menschen zeigen, dass groĂźe Leistungen oft mit Hindernissen verbunden sind.
Solche Lebensgeschichten können Jugendlichen Kraft geben – besonders in Krisen.
Literatur & Links
Buchtipps
- Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen e.V.: Vorbilder: Unsere Suche nach Idealen, UVK 2013
- Siegfried Lenz: Das Vorbild, DTV 2006
Link
- www.arbeiterkind.de – Netzwerk zur Unterstützung von Arbeiterkindern
Zuletzt geändert am 17.02.2026
Hildegard Dierks arbeitet seit vielen Jahren als Online-Autorin und Online-Redakteurin für verschiedene Zielgruppen, z.B. Eltern. Zu ihren Themenschwerpunkten zählen alle Themen rund um Grundschule, Fremdsprachenlernen, Musikerziehung, computergestütztes Lernen aber auch schulpolitische Themen.