Baum des Jahres 2016 - Die Winterlinde
Baum des Jahres 2016 - Die Winterlinde
Im Oktober des vergangenen Jahres wurde die in Mitteleuropa weit verbreitete Winterlinde (Tilia cordata) von der Dr. Silvius Wodarz Stiftung zum Baum des Jahres ernannt. Damit wird der Baum mit den: „… vielfältigsten Verwendungsmöglichkeiten, der höchsten Wertschätzung und der größten Bedeutung in der Mythologie …“ (1) besonders gewürdigt. Dies alles ist Anlass genug, sich mit diesem Baum näher zu befassen. Dazu möchte der nachfolgende Beitrag einige Anregungen geben.
🌳 Steckbrief: Winterlinde (Tilia cordata)
Familie & Systematik
- Familie: Malvengewächse (Malvaceae)
- Gattung: Linden (Tilia)
🌍 Standort & Verbreitung
Die Winterlinde ist in Europa heimisch. Bereits:
- vor den Eiszeiten
- und in der Eichenmischwaldzeit (ca. 5500–2500 v. Chr.)
war sie weit verbreitet.
Sie gilt als typische Mischbaumart, die häufig zusammen mit Eichen und Hainbuchen wächst – bevorzugt an sonnigen, eher trockenen Standorten.
Die Winterlinde ist klimarobuster als die Sommerlinde und benötigt weniger Wärme. Im Gebirge steigt sie jedoch nicht so hoch auf wie ihre „große Schwester“.
Am besten gedeiht sie auf:
- lockeren
- tiefgründigen
- nährstoffreichen Böden
Beide heimischen Lindenarten gelten als gut an den Klimawandel angepasst und werden deshalb wieder häufiger in Wäldern angepflanzt.
📝 Herkunft des Namens
Der Name „Linde“ (ahd. linta) bezieht sich auf den weichen, biegsamen Bast, aus dem schon in der Steinzeit Gefäße und Flechtarbeiten hergestellt wurden.
- „Linta“ konnte auch „Schild“ bedeuten – aus Lindenholz wurden Schutzschilde gefertigt.
- Der Begriff „lind“ steht für weich, sanft, mild.
Die Linde lebt auch sprachlich weiter:
- in über 850 deutschen Ortsnamen
- in Familien‑ und Vornamen
- in historischen Gasthaus‑Bezeichnungen
🌲 Wuchsform, Höhe & Alter
- Höhe im Freistand: etwa 20 m
- Höhe im Wald: bis 25–35 m
- Krone: gewölbt, unregelmäßig; im Wald schmaler
- Lebensdauer: bis 1000 Jahre
🍃 Blätter
- herzförmig, 4–8 cm groß
- Oberseite: dunkelgrün, glänzend
- Unterseite: blaugrün mit kleinen rostbraunen Haarbüscheln
- Blattrand: fein gesägt
- Herbstfärbung: goldgelb
🌼 Blüten
- Blütezeit: Juni–Juli
- Farbe: gelblich‑weiß
- Duft: stark honigartig
- Form: doldenförmig, zwittrig
- Bis zu 60.000 Blüten pro Baum
- Enorm wichtig für Bienen: bis zu 2,5 kg Honig pro Saison möglich
Getrocknete Blüten eignen sich für Heiltees, besonders bei Erkältungskrankheiten.
🌰 Früchte
- kleine, ca. 6 mm große Nussfrüchte
- reifen im September
- leicht zerdrückbar
- mit typischem länglichen Trageblatt (Flugorgan)
- der Fruchtstand bleibt als „Wintersteher“ am Baum und dient Vögeln und Kleinsäugern als Nahrung
- Keimung: oberirdisch im Frühjahr
🌿 Äste, Zweige & Knospen
- Äste: steil aufrecht, später leicht zur Seite geneigt
- Zweige: bräunlich‑rot, nahezu kahl
- Knospen: eiförmig, glänzend rotbraun, zwei ungleich große Knospenschuppen
🌳 Stamm & Rinde
- Jung: glatt, grau
- Alt: braun‑grau, mit ausgeprägter Netzborke
- Stammdurchmesser: bis 6 m Umfang
- Oft mit typischen Stammknollen
- Am Stamm häufig Feuerwanzen, die Pflanzensaft saugen
🌱 Wurzelsystem
- tiefgehendes Herzwurzelsystem
- hoher Stockausschlag → Baum treibt nach dem Fällen wieder aus
⚠️ Gefahren & Schädlinge
- Verbiss durch Wild
- Blattläuse
- Honigtaupilze → Blätter werden schwarz
- verschiedene Pilzbefälle → Triebsterben
- Raupen des schneeweißen Goldafters → Brennhaare können Allergien auslösen
🪵 Holz & Nutzung
Lindenholz ist:
- weich
- weißlich‑gelb
- formstabil („arbeitet“ kaum)
- wenig witterungsbeständig
Daher ideal für:
- Bildhauerei
- Maskenschnitzerei
- Puppenköpfe
- Modellbau
- flächige Schnitzarbeiten (z. B. Kuckucksuhren)
Im Barock schufen Tilman Riemenschneider und Veit Stoß bedeutende Werke aus Lindenholz – daher der Beiname „Heiligenholz“.
Linden werden außerdem gerne gepflanzt:
- in Alleen
- an Straßen
- auf Plätzen
- in Parks
📜 Geschichte & Brauchtum
Die Linde hatte schon in der Antike hohe Bedeutung:
- Heilpflanze
- Bast für Werkzeuge und Gefäße
Bei den Germanen war sie:
- der Göttin Freya geweiht
- ein Baum mit Weissagungs- und Heilkräften
Traditionell galt sie als Dorfbaum:
- Treffpunkt
- Gerichtsbaum
- Ort für Feste und Versammlungen
Auch in deutschen Märchen, Liedern, Gedichten und Sagen ist die Linde fest verankert.
🏫 Tipps für den Unterricht
- geeignet für die Einheit „Einheimische Laubbäume“ (besonders als Baum des Jahres 2016)
- ideal für Exkursionen:
- Frühsommer zur Blüte
- Herbst bei Fruchtständen
- Winter zur Betrachtung der Silhouette
- Vorbereitung durch eine Vorexkursion empfohlen
- Winterlinden eignen sich gut für Schulhof‑ oder Pausenhofpflanzungen
🔭 Ausblick: Vergleich mit der Sommerlinde
Nach der Winterlinde kann die Sommerlinde behandelt werden – am besten im Vergleich (Unterschiede in Blättern, Standort, Wuchsform etc.).
Jörg Sauer ist ausgebildeter Grundschullehrer und unterrichtet seit über 20 Jahren an einer Schule. Neben der Lehrertätigkeit führte er in den vergangenen Jahren zahlreiche Weiterbildungen über die Nutzung von Neuen Medien im Unterricht durch.