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Typisch MĂ€dchen, typisch Junge

Gibt es das ĂŒberhaupt?

Ein MĂ€dchen-Fußballteam sitzt nach dem Spiel zufrieden auf dem Fußballplatz
Wissen und Bildung
© pch.vector auf Freepik
von Melanie Herber | lernando-Redaktion

Woher kommen eigentlich die Annahmen, dass es bestimmte CharakterzĂŒge oder Interessen gibt, die typisch fĂŒr MĂ€dchen oder typisch fĂŒr Jungen seien? Gesellschaft und Politik, Mode, Kultur und Medien prĂ€gen dieses VerstĂ€ndnis immer wieder aufs Neue und fließen in die Erziehung der Generationen ein.

Lesedauer:
3 min

Schubladendenken betrifft uns alle

Warum denken Menschen eigentlich in Schubladen? Viele Studien zeigen, dass Schubladendenken ein uralter Anpassungsmechanismus ist. Das Gehirn versucht, die komplexe Welt möglichst schnell zu verstehen und energetisch sparsam zu arbeiten. Schubladendenken ist ein grundlegender Mechanismus, mit dem die Menschen ihr Wissen organisieren und Neues einordnen. Es wird ein Leben lang durch Umgebung und Kultur geprĂ€gt. Viele Kategorien erwerben wir schon frĂŒh durch Eltern, Schule und Medien. Stereotype ĂŒber Geschlechter, Berufe oder soziale Gruppen sind oft unbewusst erlernt und wirken dauerhaft nach. In der Konsequenz können hartnĂ€ckige Verzerrungen entstehen: Studien zeigen, dass einmal gebildete Kategorien auch dann weiter wirken, wenn man sie logisch widerlegt.

Warum fĂŒhlt sich Schubladendenken so „natĂŒrlich“ an?

Zusammengefasst, weil das Gehirn


  1. schnell reagieren will (Evolution)
  2. Energie sparen muss (kognitive Ökonomie)
  3. Muster erkennen soll (Grundfunktion des Denkens)
  4. sozial geprÀgt ist (Erziehung, Kultur)
  5. auf neuronalen Kurzwegen beruht (Amygdala, automatisches Denken)

All das macht Schubladendenken zu einem automatischen Grundprozess, der nur schwer abzustellen ist.

Warum schon Kinder in Schubladen gesteckt werden

Menschen kommen auf die Welt und erhalten oft direkt ihre Rollenzuweisung. HĂ€ufig beginnt es schon vorher, denn bereits wĂ€hrend einer Schwangerschaft interessieren sich viele Menschen fĂŒr das Geschlecht des Babys, um daraus bestimmte Ableitungen anzustellen: welchen Namen erhĂ€lt das Kind, wie wird das Kinderzimmer eingerichtet, welche Kleidung wird gekauft.

Darauf bauen weitere Schubladen-Zuordnungen auf, die wir selbst einmal so gelernt haben und in vielen FĂ€llen weitertragen. Jungen werden als Babys hĂ€ufig lustig genannt und als "Charmeure" wahrgenommen. Sie bekommen oft blaue Kleidung und Spielsachen. MĂ€dchen werden als Babys hĂ€ufiger als hĂŒbsch und lieb betitelt. Die Farbe Rosa findet sich meist in Kleidung und Kinderzimmer wieder. Und das alles, obwohl ein Baby sich noch nicht verbal zu seinen WĂŒnschen und Vorlieben Ă€ußern kann. Die Werbeindustrie befeuert noch heute diese Unterscheidung, indem sie gezielt Spielzeug und Produkte in Blau an Jungen vermarktet und die in Rosa an MĂ€dchen, um gewisse SehnsĂŒchte zu erzeugen.

Die gesellschaftlich und sozial geprĂ€gten Vorstellungen fließen stark in diese Praxis ein. Eltern stehen somit vor der Wahl, ob sie sich in die gĂ€ngigen Muster einfĂŒgen oder versuchen, daraus auszubrechen.

Geschichtlicher Exkurs zu Rosa und Hellblau

Gesellschaften unterliegen einem stĂ€ndigen Wandel. Dies trifft auch auf ihre Rollenbilder zu. Das lĂ€sst sich mit Blick auf die Frage "Was ist typisch fĂŒr MĂ€dchen und was fĂŒr Jungen" besonders in der Farbwelt erkennen. Vor etwa einhundert Jahren galt die Farbe Rosa noch als reine Jungenfarbe. Rot galt als stark und mĂ€chtig, weshalb es MĂ€nnern zugeschrieben wurde. Rosa war die abgewandelte Form fĂŒr Jungen und wurde auch als "das kleine Rot" bezeichnet. MĂ€dchen hingegen trugen Hellblau, was als anmutig und sanft gelesen wurde.

Ein Wandel fand in den 1940er Jahren statt. Verschiedene Theorien werden als ErklĂ€rung dafĂŒr herangezogen, bspw. dass die Kleidung der Matrosen die Farbe Blau in eine mĂ€nnliche Deutung gebracht hat. Als 1959 die erste Barbiepuppe in einer grellen, pinken Verpackung auf den Markt kam, war der Wandel besiegelt. Rosa galt nun als die Farbe der MĂ€dchen.

Projektionen und Klischees

Farben und Kleidung

Kinder entwickeln ihr eigenen Denkmuster entlang der Erziehung und durch Vorbilder. So, wie sie Menschen um sich herum erleben, gestaltet sich ihr Bild der Wirklichkeit. Wenn MĂ€dchen von klein an rosa Kleidung tragen â€“ hĂ€ufig Kleider und Röcke, rosa Spangen in den langen Haaren haben und dazu andere MĂ€dchen um sich herum erleben â€“ egal ob in der Kita, in BĂŒchern oder der Lieblingsfernsehserie, die genauso aussehen, ist die Wahrscheinlichkeit grĂ¶ĂŸer, dass sie auch selbst eine Überzeugung entwickeln, Rosa sei eine "MĂ€dchenfarbe".

Oft zeigen kleine Jungen eine Begeisterung fĂŒr Glitzer, bunten Nagellack oder luftige Röcke. Wenn sie dann aber hören, dass dies nichts fĂŒr Jungen sei, und auch keinerlei mĂ€nnlich gelesene Personen in ihrem Umfeld erleben, die diese Dinge trotzdem tragen, sinkt die Begeisterung hĂ€ufig und wird eher mit Scham ersetzt. 

Auch die Schnitte von Kinderkleidung sind sehr unterschiedlich, obwohl die KleidungsstĂŒcke die gleiche GrĂ¶ĂŸe haben. Hosen fĂŒr MĂ€dchen sind oft deutlich kĂŒrzer als die fĂŒr Jungen, Ärmel von T-Shirts sind an Jungenkleidung lĂ€nger und weiter. Neben Farben und Schnitten verstĂ€rken hĂ€ufig auch die Designs der KleidungsstĂŒcke die Klischees: Pferde und niedliche Tiere als Drucke fĂŒr MĂ€dchen, Raketen und Dinosaurier fĂŒr Jungen. MĂ€dchen werden so als "sĂŒĂŸ" gelesen und Jungen als "cool".

Spielzeug im Kindesalter

Gerade bei Spielzeugen zeigen sich Schubladen und Rollendenken. WĂ€hrend Autos und Actionfiguren fĂŒr Jungen vermarket und gekauft werden, sollen es Puppen und SpielkĂŒchen fĂŒr MĂ€dchen sein. Darin spiegeln sich bereits weitere Charaktereigenschaften, die soziokulturell auf MĂ€dchen und Jungen projiziert werden. Jungen oder MĂ€nner wĂŒrden gut Auto fahren, seien risikofreudig und wild. MĂ€dchen oder Frauen seien hingegen fĂŒrsorglich, familiĂ€r und ruhig.

Auch die Klischees der Farben finden sich hier wieder. Verpackungen, Produktfotos und Marketing zahlen entsprechend darauf ein. Selbst wenn ein Produkt nicht direkt in einer Schublade verortet werden kann, wird ĂŒber eine Sonderedition entschieden, fĂŒr welche Kinder der Artikel gedacht ist. Ein sehr treffliches Beispiel dafĂŒr ist das Ü-Ei, welches in einer rosa Verpackung speziell fĂŒr MĂ€dchen angeboten wird.

Werbung und Marketing behalten diese Tricks ĂŒbrigens fĂŒr Ă€lter werdende Zielgruppen bei. So werden Artikel fĂŒr MĂ€nner und Frauen nicht nur unterschiedlich designt und vermarktet, sondern auch zu unterschiedlichen Preisen verkauft. Die sogenannte "Pink Tax" zeigt, dass Produkte fĂŒr Frauen oft deutlich teurer sind als die fĂŒr MĂ€nner, bspw. Rasierer.

Verhalten, Interessen und Talente

MĂ€dchen und Jungen werden in vielen Gesellschaften und Kulturen unterschiedlich erzogen. Sie erleben andere Vorbilder und Muster. Daraus resultieren verschiedene Kataloge an Verhaltensweisen, die MĂ€dchen und Jungen zugeschrieben werden. Jungen seien wild, streitlustig, stark, nicht so ordentlich, laut, prĂ€ziser, dominant, etc. MĂ€dchen seien fĂŒrsorglich, ordentlich, aufmerksam, ruhig, kreativ, nicht so sportlich, zickig, usw.

Die Rollenbilder fließen so auch in die Freizeitgestaltung von Kindern ein: Jungen spielen deshalb öfter Fußball, gehen in die Schach-AG oder lernen Gitarre spielen, MĂ€dchen gehen dafĂŒr eher reiten, nehmen Tanzunterricht oder spielen Klavier. Wenn Kinder aus diesen Mustern ausbrechen, werden sie oft belĂ€chelt – leider. Anhand des öffentlichen Interesses fĂŒr Frauenfußball zeigt sich sehr gut, wie unsere Gesellschaft weiterhin dazu steht.

Dass Schubladendenken zu heftigen Verzerrungen fĂŒhren kann, zeigt sich hier sehr stark. Denn diese festen Zuschreibungen hindern Kinder sehr oft daran, ihre wirklichen Interessen zu entdecken und sich frei zu entfalten. IndividualitĂ€t und Selbstwirksamkeit leiden unter solchen starren Kategorien.

Berufe und die Rolle in Beziehungen und Familie

Aus diesen klaren Vorstellungen, wie MĂ€dchen oder Jungen im Kindesalter zu sein haben, ergeben sich auch fĂŒr das Erwachsenenalter bestimmte Rollenbilder. Besonders stark gefestigt hat sich dieses VerstĂ€ndnis zur Zeit der industriellen Revolution. Hier begannen starrere Zuschreibungen, die MĂ€nner in der Lohnarbeit verorteten und Frauen im Haushalt und in der Kindererziehung. So entstand im 19. Jahrhundert das Leitbild der bĂŒrgerlichen Kleinfamilie mit dem Mann als ErnĂ€hrer und der Frau als Hausfrau. Entsprechende neue Gesetzte verfestigten dies. Erst im 20. Jahrhundert, vor allem durch die Frauenbewegung ausgelöst, wurden diese starren Rollen langsam wieder aufgebrochen. Noch heute gibt es viel Ungleichheit zwischen den Geschlechtern in der Berufswelt und anderen gesellschaftlichen Bereichen, weshalb weiterhin fĂŒr mehr Gerechtigkeit gekĂ€mpft wird.

Es existiert noch immer der Glaube, dass bestimmte Berufe zu bestimmten Geschlechtern gehören. WĂ€hrend MĂ€nner in technischen Berufen und FĂŒhrungspositionen verortet werden, wird Frauen der soziale und pflegende Bereich zugewiesen. Daraus entsteht PrĂ€gung, welche die Berufswahl von Jugendlichen beeinflusst. So gibt es noch heute besonders viele Grundschullehrerinnen, Ingenieure, Altenpflegerinnen, GeschĂ€ftsfĂŒhrer, Erzieherinnen, Monteure, usw. und nicht andersherum. Wer sich fĂŒr einen Beruf entscheidet, der nicht dem Klischee entspricht, hat es oft schwer. 

Was Eltern tun können

Eltern stehen heute vor der Frage, wie sie klassische Rollenbilder aufbrechen können, ohne ihre Kinder in Richtungen zu drĂ€ngen, die ihnen nicht entsprechen. Soziokulturelle PrĂ€gungen bringen eine gewisse StabilitĂ€t, können aber auch zu Stillstand fĂŒhren, wenn sie nicht immer wieder hinterfragt und neu verhandelt werden.

Vorleben statt predigen

Eltern spielen eine entscheidende Rolle. Sie können ihren Kindern zeigen, dass es viele verschiedene Lebens‑ und Rollenmodelle gibt. Eine offene und tolerante Haltung entsteht durch Vorbilder:

  • Aufgaben im Haushalt gemeinsam teilen – unabhĂ€ngig vom Geschlecht
  • zeigen, dass sowohl Vater als auch Mutter kochen, putzen, WĂ€sche waschen oder handwerkliche Dinge erledigen können
  • vermitteln, dass Interessen und FĂ€higkeiten nicht an Geschlechtergrenzen gebunden sind

Kinder ĂŒbernehmen, was sie sehen. Wird ihnen vorgelebt, dass Rollen flexibel sind, verinnerlichen sie diese Offenheit automatisch.

Gesellschaft und "Gruppenzwang"

Rollenbilder werden wohl nie vollstĂ€ndig verschwinden. Die Gesellschaften, in denen Menschen leben, spielen dabei eine große Rolle, da niemand in einem Vakuum aufwĂ€chst. Das Umfeld, in denen Kinder leben, besteht nicht nur aus der Kernfamilie und bringt immer Gruppendynamiken von außen und den Wunsch nach Zugehörigkeit mit sich.

Die Rollenbilder und Vorstellungen unterliegen jedoch einem stetigen Wandel. Grenzen können sich verschieben und Kinder mĂŒssen sich nicht festlegen – es sei denn, sie wollen es. Und Eltern können offen und liebevoll an der Seite ihrer Kinder stehen.

Das hilft gegen starre Schubladen:

  • vielfĂ€ltiges Umfeld ermöglichen
  • Kinder ernst nehmen und ihnen zuhören
  • individuelle Förderung der eigenen Kinder
  • Kinder mutig und selbstbewusst erziehen, um Gruppenzwang weniger zu erliegen
  • als Eltern die Vorbildfunktion ernst nehmen

So können Kinder lernen, dass sie mehr sind, als ihr Geschlecht. So steht Kindern die Welt offen.

 

Zuletzt geĂ€ndert am 23.03.2026 

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Themen:
MĂ€dchen
Junge
Rollenklischee
Rollenverhalten
Erziehung
Über den Autor/die Autorin
Foto der lernando-Autorin Melanie Herber

Melanie Herber hat Medienwissenschaften, Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation in Leipzig und WĂŒrzburg studiert. Ihr beruflicher Werdegang ist von verschiedenen Etappen in der Bildungswelt geprĂ€gt: Hochschulkommunikation, Bildungsministerium, Bildungsmedienverlag. Sie ist Teil der Redaktion von lernando aus dem Hause Westermann.

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