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Zuwanderung in Deutschland

Alltag und Herausforderungen für Menschen mit Migrationsgeschichte

Miniaturdarstellung einer Gruppe Reisender
Entwicklung und Erziehung
© by jcomp @ freepik
von Melanie Herber | lernando-Redaktion

Wirtschaftswunder, Schutz und Asyl, Arbeitskraft, Kultur und Traditionen: Migration prägt Deutschland seit vielen Jahren. Doch wie gestaltet sich der Alltag für Menschen mit Migrationsgeschichte in Deutschland und welche Herausforderungen erleben sie?

Lesedauer:
6 min

Migration hat viele Ursachen. Menschen haben triftige Gründe, warum sie ihre Heimat verlassen und an einem anderen Ort auf der Welt neu anfangen müssen.

Ursachen von Migration nach Deutschland seit dem 2. Weltkrieg

Nach 1945 kamen vor allem Heimatvertriebene und Flüchtende aus Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa nach Deutschland. Auch Menschen aus der DDR flohen später in die BRD, besonders vor und nach dem Bau der Berliner Mauer 1961.

Arbeitsmigration („Gastarbeiter“)

Ab den 1950er Jahren herrschte in der jungen Bundesrepublik Arbeitskräftemangel durch das starke Wirtschaftswachstum. Daher schloss Deutschland ab 1955 sogenannte Anwerbeabkommen mit u. a. Italien, Spanien, Griechenland, Türkei, Portugal, Marokko und Jugoslawien. Millionen Menschen kamen, um in Industrie, Bergbau und Bauwesen zu arbeiten. Sie trugen wesentlich zum deutschen Wirtschaftswunder bei.

Politische Verfolgung und Kriege

Krieg bedeutet für Menschen, dass ihr Leben auf dem Spiel steht. Darum zählen Kriege und politische Konflikte zu den größten Auslösern für Migration. Immer wieder suchten und suchen Menschen deshalb Schutz in Deutschland, z. B.:

  • Geflüchtete aus autoritären Regimen, Bürgerkriegen oder Konflikten – etwa aus Jugoslawien ab den 1990er Jahren
  • Jüdische Kontingentflüchtende aus der ehemaligen Sowjetunion ab den 1990er Jahren
  • Geflüchtete aus der Demokratischen Republik Kongo durch jahrelange Konflikte seit Mitte der 1990er Jahre; führt bis heute zu Vertreibung
  • Seit den 2010er Jahren viele Kriegsgeflüchtete aus Syrien, Afghanistan und Irak
    • Jahrzehntelange Konflikte im Irak: Irakkrieg 2003, Kämpfe mit dem IS seit 2014
    • Syrien-Krieg seit 2011, weiterhin schwere humanitäre Krise
    • Anhaltende Gewalt und humanitäre Notlage in Afghanistan: Flucht seit 1979 kontinuierlich, mit einem erneuten Höhepunkt seit 2021 durch die Machtübernahme der Taliban
  • Seit 2022 viele Geflüchtete durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine
  • Flüchtende vor dem Krieg im Sudan seit 2023, starke Eskalation 2024/25
  • Geflüchtete durch Iran-Nahost-Konflikt / Iran-Krieg: Eskalation seit 2025/26

EU-Freizügigkeit

Seit 2005 gilt die Freizügigkeit innerhalb der EU: Bürger:innen der EU dürfen in Deutschland leben und arbeiten, wenn sie erwerbstätig oder arbeitssuchend sind. Dies führte zu steigender Zuwanderung aus anderen EU-Staaten.

Familiennachzug

Familienangehörige ziehen nach Deutschland, um mit bereits hier lebenden Verwandten und Angehörigen zusammenzuleben. Dies betrifft Familien von Gastarbeitenden, Geflüchteten und Menschen mit Migrationsgeschichte allgemein.

Bildung und berufliche Chancen

Deutschland ist seit Jahrzehnten ein attraktives Ziel für:

  • Studierende aus aller Welt
  • Fachkräfte (vor allem seit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz)
    Auch historische Quellen betonen, dass viele Menschen „mit der Hoffnung auf ein besseres Leben“ kamen.

Menschen wandern also seit 1945 vor allem aus Fluchtgründen, wegen Arbeitsmöglichkeiten, aufgrund von Familiennachzug, durch EU-Freizügigkeit und aus Bildungs- oder Karrieregründen nach Deutschland ein.

Umfrage: Wie fühlen sich Menschen mit Migrationsgeschichte in Deutschland?

Chancen und Anerkennung

Die Umfrage "Zusammenwachsen in der Einwanderungsgesellschaft" aus 2022 im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung ergab: Die meisten Menschen mit Migrationsbiografie vertrauen dem deutschen Staat und leben gerne hier. Allerdings fühlen sich viele Zugewanderte in Deutschland nicht wirklich anerkannt. Besonders ungleiche Chancen in der Schule werden bemängelt.

Deutschland genießt weltweit hohes Ansehen. Tatsächlich fühlen sich die meisten Menschen mit Migrationsgeschichte in Deutschland auch dauerhaft wohl und heimisch, so die Ergebnisse der Umfrage. Das Vertrauen in den deutschen Staat, in Politik, Behörden und Bildungseinrichtungen sei laut Umfrageergebnissen bei Menschen mit Migrationsbiografie groß – größer als bei den Deutschen selbst.

Allerdings zeigt die Studie auch: Fast die Hälfte der Zugewanderten beklagt mangelnde Anerkennung, man fühlt sich in Deutschland nicht wirklich willkommen. Dieses Gefühl betrifft vor allem Menschen aus der Türkei und Russland.

Nach den Ergebnissen der Studie fühlen sich über knapp 70 Prozent der Menschen mit Migrationsgeschichte in Deutschland gut aufgehoben und wohl. 79 Prozent der Zuwanderer sind mit ihrer Arbeit zufrieden, 77 Prozent auch mit der derzeitigen Wohnsituation. Nicht nur das: 58 Prozent der Zugewanderten betrachten sich als Teil der deutschen Gesellschaft, lediglich fünf Prozent aller Befragten gaben an, sich in unserem Land überhaupt nicht zugehörig zu fühlen.

Während die Deutschen selbst gerne den Zustand der Institutionen beklagen, zeigt sich in der Umfrage unter Menschen mit Migrationsgeschichte großes Vertrauen in Politik, Behörden und Bildungseinrichtungen. 80 Prozent der Zugewanderten vertrauen den Gesetzen, in der Gesamtbevölkerung sind es nur 58 Prozent.

Mit Blick auf das aktuelle politische Klima in Deutschland und Europa werden sich die Umfragewerte aus 2022 vermutlich künftig verändern. Verschärfte Gesetze und das häufige Aufführen von "Migration als Sündenbock" für vielschichtige Probleme, können für Menschen mit Migrationsgeschichte mehr Unsicherheit bringen, das Vertrauen in den Staat senken und eine Chancengleichheit stärker verhindern.

Flexible Kulturen

Menschen mit Migrationsbiografie wünschen sich mehrheitlich ihre Herkunft mit der neuen Heimat verbinden zu können. Sie möchten sich nicht nur für eine Kultur entscheiden müssen. 41 Prozent fühlen sich Deutschland und ihrem Heimatland gleichermaßen verbunden. In dieser doppelten Verbundenheit sehen die meisten Zugewanderten einen Vorteil und eine Bereicherung ihres Lebens und keinen Identitätskonflikt. Rund 70 Prozent möchten die Werte und Traditionen aus ihrem Herkunftsland mit den Werten und Traditionen in Deutschland verbinden. Nur sieben Prozent der Menschen mit Migrationsgeschichte möchten nur noch deutsche Konventionen und Gepflogenheiten verfolgen.

Tatsächlich können sich die Deutschen im Blick auf kulturelle Vielfalt noch eine Scheibe von den Menschen mit Migrationsgeschichte abschneiden: Während sich bei den Zuwanderern rund 34 Prozent bereits als Europäer sehen, sind es in der gesamtdeutschen Bevölkerung nur 13 Prozent.

Ein Gefühl von Ablehnung

Jeder Mensch, der auswandern muss, wünscht sich, im neuen Heimatland gut aufgenommen und anerkannt zu werden. Tatsächlich fühlt sich aber rund die Hälfte der Menschen mit Migrationshintergrund von den deutschen Mitbürger:innen nicht anerkannt. Besonders betroffen sind türkischstämmige Menschen mit Migrationsgeschichte (61 Prozent) und Zugewanderte aus Russland (55 Prozent). 24 Prozent der Türkischstämmigen fühlen sich sogar fremd in Deutschland. Unter allen Befragten mit Migrationshintergrund gaben dies 14 Prozent an.

Dr. Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung, fordert deshalb mehr Integration:

Wenn auch noch mehr türkisch- und russischstämmige Zuwanderer sich heimisch in Deutschland fühlen sollen, brauchen sie mehr Anerkennung – und Chancen, die Zukunft unseres Landes mitgestalten zu können.

Um dies zu erreichen braucht es vor allem faire Bildungschancen für alle.

Probleme der Vereinbarkeit

42 Prozent der Menschen mit Migrationsgeschichte glauben laut der Umfrage, dass ihre Kinder nicht die gleichen Bildungschancen wie ihre deutschen Klassenkamerad:innen haben, etwa weil bei den Lehrkräften Vorurteile bestünden oder diese beim Umgang mit den Schüler:innen aus Familien mit Migrationshintergrund überfordert seien.

Dabei ist das Vertrauen in die deutsche Bildung insgesamt eigentlich sehr hoch bei den Menschen mit Migrationsgeschichte. Viele Eltern sehen die Ursache für Schulprobleme ihrer Kinder auch weniger bei den Schulen, als bei sich selbst, z.B. aufgrund fehlender Unterstützungsmöglichkeiten oder Sprachproblemen. Immerhin 64 Prozent gaben an, dass sie zu Hause zu wenig Deutsch sprechen, vor allem weil sie sich wünschen, dass ihre Kinder auch die Sprache des Herkunftslandes beherrschen. Oft fehlen auch Angebote für Sprachkurse, die die Eltern wahrnehmen können, um zuhause bilingual mit ihren Kindern zu sprechen. Mangelnde Sprachkenntnisse können die Integration bremsen.

Mehr frühzeitige Unterstützung, Aufklärung und Hilfestellung für Menschen mit Migrationsgeschichte seitens der Institutionen und Bildungseinrichtungen ist hier notwendig.

Studie: Wie wird Migration in Deutschland wahrgenommen

Schwankende Aufnahmebereitschaft und ambivalente Haltung

Die Studie "Willkommenskultur in Krisenzeiten" aus 2024 im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung zeigt ambivalente Einstellungen in der Bevölkerung. Ergebnisse einer Befragung aus 2023 zeigen im Vergleich zu 2021 eine abnehmende Offenheit gegenüber Zuwanderung und insbesondere eine sinkende Bereitschaft zur Aufnahme weiterer Geflüchteter. Diese Entwicklung spiegelt eine „bedingte Inklusionsbereitschaft“ wider, die sich seit 2012 immer wieder zeigt: Die Bevölkerung verbindet mit Zuwanderung sowohl positive als auch negative Erwartungen. In Phasen stark steigender Fluchtmigration – etwa 2015 bis 2017 oder 2021 bis 2023 – verschieben sich die Erwartungen stärker in Richtung negativer Folgen, und die Aufnahmebereitschaft sinkt. Eine grundsätzlich offene Gesellschaft reagiert in Krisenzeiten mit Schließungstendenzen, oft ausgelöst durch die Sorge vor Kontrollverlust. Daraus entstehen Forderungen nach stärkerer staatlicher Kontrolle, was politische Mobilisierung – besonders im rechten Spektrum – erleichtert. Verstärkend wirkt außerdem eine mediale Berichterstattung, die Kontrollverlustängste häufig zuspitzt.

Stabile Zustimmung zu Integrationsprinzipien und langfristigen Erwartungen

Trotz dieser Wellenbewegungen zeigen die Befragungen von 2015 bis 2023 stabile Muster: Eine große Mehrheit (ca. 87 %) befürwortet, dass Geflüchtete schnell arbeiten dürfen, und rund 78 % unterstützen eine faire EU-weite Verteilung. Nur eine Minderheit (22 %) sieht Geflüchtete als „Gäste auf Zeit“. Auch seit 2017 nimmt eine konstante Mehrheit (ca. 57 %) wahr, dass Geflüchtete vor Ort willkommen geheißen werden. Gegenüber Arbeits‑ und Bildungsmigrant:innen bleibt die Offenheit noch deutlicher. Sprachkenntnisse werden mehrheitlich als zentral für Integration bewertet, wenn auch leicht rückläufig. Gleichzeitig sehen viele weiterhin ungleiche Chancen auf dem Arbeitsmarkt, Diskriminierung, Bildungsdefizite oder kulturelle Unterschiede als mögliche Integrationshindernisse – wobei insbesondere der Bildungsaspekt im Zeitverlauf weniger stark bewertet wird.

Wie Integration gelingen kann

Frühzeitiger und niedrigschwelliger Zugang zu Sprache

Sprache ist der wichtigste Schlüssel – nicht nur für Arbeit, sondern auch für soziale Teilhabe.

  • Kostenlose, flexible Sprachkurse
  • Kombination aus Sprachlernen + Alltagspraxis (z. B. Sprachtandems, Ehrenamt, Sportverein)
  • Mehrsprachige Informationen und behördliche Unterstützung

Teilhabe am Arbeitsmarkt

Arbeit ist einer der stärksten Integrationsmotoren.
Integration gelingt, wenn Menschen:

  • Zugang zu Anerkennung ihrer Berufsabschlüsse erhalten
  • Qualifizierungsprogramme und Praktika nutzen können
  • Diskriminierungsfreie Bewerbungsverfahren erleben
  • Berufsbegleitend weiter Deutsch lernen können

Bildung und frühe Förderung

Für Kinder ist der Kindergarten und die Schule ein zentraler Ort der Integration.
Wichtig sind:

  • Frühkindliche Förderung
  • Mehrsprachige Angebote
  • Enge Zusammenarbeit mit Eltern
  • Lehrkräfte, die interkulturell geschult sind

Soziale Kontakte und Begegnungen

Integration gelingt dort, wo Menschen sich begegnen.
Das entsteht durch:

  • Vereine, Sport, Musik, Nachbarschaftsprojekte
  • Ehrenamt, Patenschaften, Mentoring
  • Feste, Kulturveranstaltungen und offene Treffpunkte

Beziehungen sind entscheidend, damit sich Zugehörigkeit entwickeln kann.

Sichere Aufenthaltsperspektiven und weniger Bürokratie

Menschen integrieren sich schneller, wenn sie:

  • eine verlässliche Perspektive haben
  • nicht über Jahre in Unsicherheit leben
  • einfache Wege für Arbeitserlaubnisse, Wohnsitzregelungen etc. vorfinden

Antidiskriminierung und Chancengleichheit

Selbst die größte Integrationsbereitschaft nützt wenig, wenn Menschen systematisch ausgebremst werden.
Wichtig ist:

  • konsequentes Vorgehen gegen Rassismus
  • Diskriminierungsschutz in Bildung, Wohnen und Arbeitsmarkt
  • Sichtbarkeit von Diversität in Politik, Medien, Verwaltung

Kulturelle Öffnung von Behörden und Institutionen

Ämter, Schulen, Gesundheitswesen und Polizei sollten interkulturell geschult sein – nicht nur faktisch, sondern auch in ihrer Haltung. Integration bedeutet gegenseitige Anpassung, nicht Einseitigkeit.

Förderung von Zugehörigkeit

Menschen brauchen das Gefühl, gewollt zu sein.
Dazu gehören:

  • Anerkennung ihrer Geschichte und Identität
  • Mitbestimmung in Kommunen
  • Raum, ihre Kultur zu leben, ohne sich verstecken zu müssen

Kurz gesagt

Integration ist keine Einbahnstraße.
Sie funktioniert am besten, wenn Sprache, Bildung, Arbeit, Begegnung und ein wertschätzendes Umfeld zusammenkommen – und wenn die Gesellschaft klare Signale setzt: „Du gehörst dazu und wir gestalten das gemeinsam.“

 

Link zu den Umfragen und Studien:

 

Zuletzt geändert am 24.03.2026

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Themen:
Migration
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Zuwanderer
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Integration
Über den Autor/die Autorin
Foto der lernando-Autorin Melanie Herber

Melanie Herber hat Medienwissenschaften, Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation in Leipzig und Würzburg studiert. Ihr beruflicher Werdegang ist von verschiedenen Etappen in der Bildungswelt geprägt: Hochschulkommunikation, Bildungsministerium, Bildungsmedienverlag. Sie ist Teil der Redaktion von lernando aus dem Hause Westermann.

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