Eine neue Dimension der Jugendgewalt?

Entwicklung und Erziehung
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von Christine Kammerer
Die Brutalität der jugendlichen Täter, die in 2009 in München einen Manager derart mit Schlägen traktierten, dass er dabei zu Tode kam, rief große Erschütterung hervor. Es blieb nicht bei dieser einzelnen Begebenheit, denn seither machten immer wieder spektakuläre Gewaltszenen Schlagzeilen.
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Statistisch nicht erfassbar

Die polizeiliche Kriminalstatistik spricht schon im Jahr 2007 von einer "erhöhten Gewaltbereitschaft bei gesunkener Hemmschwelle" und "teilweise brutalem Vorgehen".

Insgesamt werden Kapitalverbrechen zwar geringer, aber der Prozentsatz der beteiligten Jugendlichen steigt gleichzeitig an.

Statistisch lässt sich das Phänomen der Jugendgewalt bislang kaum erfassen. Die polizeiliche Kriminalitätsstatistik als einzige bundesweit verfügbare Datenquelle erfasst zum Beispiel nicht, wie es zu derart schweren Auseinandersetzungen kommen konnte und sie besagt nichts über die Intensität der Delikte. Es wird darin nicht einmal differenziert, ob es sich dabei um erwiesene Straftaten handelt oder lediglich um polizeiliche Verdachtsfälle. Das heißt, es werden auch jene Fälle erfasst, bei denen nie ein förmliches Ermittlungsverfahren eingeleitet wurde.

Nicht erfasst wird dagegen der gesamte Bereich der Kriminalität, der polizeilich nicht registriert wird. Die Dunkelziffer ist jedoch gerade bei Delikten unter Jugendlichen sehr hoch.

Die Aussagekraft dieser Statistik ist daher höchst umstritten, auch zum Beispiel in Bezug auf die so genannte „Ausländerkriminalität“.

Gefährdungspotenziale

Der Anteil der Straftaten von Ausländern in der deutschen Kriminalstatistik ist schon allein deswegen höher, weil zu diesem Personenkreis auch Touristen, hier stationierten Soldaten anderer Staaten und jene Ausländer gezählt werden, die sich nur vorübergehend in Deutschland befinden, aber in der Bevölkerungsstatistik nicht als Ausländer geführt werden.

Soll jedoch keinesfalls darüber hinweg täuschen, dass es besonders auch Jugendliche mit Migrationshintergrund sind, die laut dieser Tatverdächtigen-Statistik zu einer höheren Anfälligkeit für Gewaltausübung neigen als ihre Altersgenossen.

Stark gefährdet ist weiterhin auch jene Gruppe von Jugendlichen, die in sozial schwachen, zerrütteten oder bildungsfernen Familien leben und bedauerlicherweise vereinen sich hier häufig mehrere der zuvor genannten Faktoren zu einem explosiven Cocktail.

Risikofaktor häusliche Gewalt Zu den Entwicklungsaufgaben von Kindern und Jugendlichen gehört auch der Umgang mit vielen Formen von Gewalt, denen sie täglich begegnen - sei es auf dem Schulhof, in den Medien oder aber auch bei vielen anderen Gelegenheiten.

Eltern und Lehrer sollten ihnen dabei nicht nur unterstützend zur Seite stehen, sondern auch selbst Vorbild sein.

Das ist leider nicht immer der Fall, denn in vielen Familien ist häusliche Gewalt an der Tagesordnung. Jugendliche Täter sind zu Hause häufig selbst Opfer. Erleben Kinder solche Gewalttätigkeiten schon in früher Kindheit und kommt es auch später immer wieder zu gewalttätigen Szenen innerhalb der Familie, dann erweisen sie sich in aller Regel auch als besonders anfällig für eine eigene Gewaltkarriere.

Diese Kinder haben Gewalt als scheinbar sehr wirksames Mittel der Problemlösung kennen gelernt. Während die Gewaltausübung für andere Jugendliche oft nur ein Durchgangsstadium mit dem Charakter einer Entwicklungs-Episode ist, unterliegen sie einem vielfach höheren Risiko, sich zu Intensivtätern zu entwickeln.

Grenzüberschreitungen

Lernprozesse, die vermitteln ob das eigene Verhaltensrepertoire angemessen ist, finden bereits bei Kleinkindern auf dem Spielplatz oder im Kindergarten in der Auseinandersetzung mit anderen statt.

Kinder lernen den Umgang mit Grenzen häufig durch Grenzüberschreitungen und nachfolgende erzieherische Eingriffe. Knuffen, rempeln und raufen gehört dabei zu den ganz normalen Erfahrungen, an denen fast alle Kinder auch aktiv teilnehmen. Insbesondere bei männlichen Kindern und Jugendlichen werden bestimmte Formen des körperlichen Ausagierens nach wie vor durchaus toleriert, wenn nicht sogar erwartet - sofern sie bestimmte Grenzen und Normen beachten.

Doch viele dieser Regeln, die bis vor kurzem noch für Auseinandersetzungen unter Jugendlichen wie ungeschriebene Gesetze galten, scheinen heute außer Kraft gesetzt. So ist bei Prügeleien noch längst nicht Schluss, wenn das Opfer am Boden liegt und auch Tritte gegen den Kopf unterliegen keinem Tabu mehr.

Gewalt erwächst aus Ohnmacht

Jugendliche mit Gewaltkarrieren weisen signifikante Gemeinsamkeiten auf: Sie haben – meist aufgrund ihrer Herkunft aus sozial schwachen und gleichzeitig häufig auch noch bildungsfernen Familien - unterdurchschnittliche Noten und eine geringe Schulbildung, wenn sie denn überhaupt einen Schulabschluss vorweisen können. Und das in einem Alter, in dem der Selbstwert vor allem auf der Anerkennung durch die gleichaltrige Peergroup beruht.

Durch schulische Leistungen können sie diese Anerkennung nicht generieren, ihre Zukunftsaussichten sind düster und zu dieser Perspektivlosigkeit gesellen sich häufig auch noch sozialer Neid und Langeweile, die nicht selten mit dem Konsum von gewaltverherrlichenden Filmen und Computerspielen vertrieben wird. Je mehr dieser Faktoren hinzutreten, desto größer offenbar das Risiko , dass sich diese Jugendlichen Respekt auf anderen Gebieten verschaffen und zwar mit Gewalt.

Ihre Strategie – meist durch Lernen an Vorbildern in Elternhaus und Gesellschaft erworben – ist so einfach wie (scheinbar) wirkungsvoll: sie schöpfen Macht aus der Erniedrigung anderer, um nicht von ihren eigenen Ohnmachtsgefühlen überwältigt zu werden.

Die Auswüchse dieser Strategie sind vielfältig; sie reichen von Mobbing bis hin zur tätlichen Gewalt. Der einzige Hoffnungsschimmer ist dabei die Verlaufskurve der Gewaltanwendung – die Spitzen liegen zwischen 16 und 21 Jahren, danach ist ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen.

Links

Rezension des Buches „Jugendgewalt. Interdisziplinäre Sichtweisen“
von Otger Autrata und Bringfriede Scheu (Wiesbaden 2009)
www.socialnet.de/rezensionen/9053.php

Jugendgewalt in Deutschland,
Planet Wissen WDR
www.planetwissen.de/alltag_gesundheit/familie/jugendgewalt_in_deutschland/..

Zeit-Dossier zur Jugendgewalt
www.zeit.de/2010/07/Jugendgewalt

Trainings zur Jugendgewalt-Prävention im Kindesalter
www.awo-hamburg.org/presse/..

Wikipedia: Polizeiliche Kriminalstatistik
http://de.wikipedia.org/wiki/Polizeiliche_Kriminalstatistik..

Polizeiliche Kriminalstatistik der BRD 2009
www.bka.de/pks/pks2009/download/pks-jb_2009_bka.pdf
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Über den Autor/die Autorin
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Christine Kammerer, Politologin M. A., Heilpraktikerin (Psychotherapie), freie Journalistin und Trainerin. Berufliche Stationen: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Bundeszentrale für politische Bildung, Deutscher Kinderschutzbund.

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