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Weichei oder ganzer Kerl - männliches Rollenverhalten

Entwicklung und Erziehung
© Joey Boylan - iStockphoto.com
von Christine Kammerer

Es sind längst nicht mehr die althergebrachten männlichen Tugenden, die an deutschen Schulen zählen, sondern die weiblichen: Anpassungs- und Kommunikationsfähigkeit punkten, Dominanzstreben und Aggression, also die klassischen Eigenschaften, die Männern in mehr oder weniger starker Ausprägung in allen Kulturkreisen zugeschrieben werden, sind dagegen nicht erwünscht.

Lesedauer:
3 min

Wenn traditionelle Männlichkeitsbilder in eine Sackgasse führen

Herausforderungen männlicher Jugendlicher

Viele männliche Jugendliche stehen heute vor einer doppelten Belastung: Zum einen fehlen ihnen häufig männliche Vorbilder, die Orientierung und Unterstützung bei der Entwicklung einer eigenen Identität bieten könnten. Zum anderen kämpfen besonders jene Jungen mit einem geringen schulischen Leistungsniveau – oft geprägt von traditionellen Männlichkeitsrollen – mit einem geschwächten Selbstwertgefühl.

In einer leistungsorientierten Gesellschaft entsteht so der Druck, sich zumindest in einem Bereich als „starker Kerl“ zu präsentieren. Häufig geschieht dies über aggressives Verhalten oder den Einsatz körperlicher Stärke, um schulische Defizite zu kompensieren.

Die doppelte Ausgrenzung

Dieses Verhalten fĂĽhrt nicht selten in ein doppeltes Abseits:

  • Schlechte schulische Perspektiven erschweren den Zugang zu beruflichem Erfolg.
  • Opposition gegen Schule und Gesellschaft verstärkt die Ausgrenzung zusätzlich.

So entstehen innerhalb der Gesellschaft eigene Bezugssysteme, in denen überholte Vorstellungen von Männlichkeit dominieren und vermeintlich „weibliches“ Verhalten abgewertet wird.


Polarisierende Klischees und deren Wirkung

Fehlende moderne Leitbilder

Männlichkeitsbilder unterscheiden sich stark zwischen Kulturen und wandeln sich gesellschaftlich ständig. Aktuell existiert kein Rollenmodell, das von einer breiten Mehrheit als zeitgemäß und wünschenswert akzeptiert wird. Traditionelle Muster wie der Mann als Versorger haben an Bedeutung verloren – häufig übernehmen Frauen diese Rolle.

FrĂĽhe Schubladen und vereinfachte Kategorien

In der Folge werden Jungen schnell in extreme Kategorien eingeordnet, die ihre vermeintlichen Schwächen betonen:

  • Die einen wirken aufgrund von Kleidung, Körperbau oder provozierendem Auftreten als dominant und aggressiv.
  • Die anderen gelten wegen genauso oberflächlicher Merkmale als „Weicheier“.

Ohne alternative Identifikationsmöglichkeiten übernehmen Jugendliche diese Rollenbilder oft ungefiltert.


Individuelle Stärken erkennen und fördern

Klischees hinterfragen

Die Unsicherheit betrifft nicht nur die Jugendlichen selbst, sondern auch ihre Eltern. Statt sich auf bekannte Klischees zu konzentrieren, lohnt sich der Blick auf die persönlichen Stärken jedes jungen Menschen.

Was bedeutet eigentlich „Weichei“? Meist ist damit eine Person gemeint, die nicht über Härte oder physische Stärke definiert wird, sondern über Sensibilität und Nachgiebigkeit. Dabei tragen beide Eigenschaften positive Potenziale in sich, die als echte Stärken wirken können. Soft Skills – wie Einfühlungsvermögen – sind heute mindestens so wichtig wie Durchsetzungsvermögen.

Persönlichkeitsentwicklung statt Schubladendenken

Beide Grundhaltungen können – richtig gefördert – zur gesunden Reifung der Persönlichkeit beitragen.

  • Impulsive Jugendliche mĂĽssen sich nicht zwangsläufig zu gewalttätigen Erwachsenen entwickeln.
  • ZurĂĽckhaltende Jugendliche sind nicht automatisch erfolgslos.

Entscheidend ist, dass Jugendliche lernen, klare Positionen einzunehmen, ohne zu sozial schädlichem Verhalten zu greifen. Wer gut entwickelte soziale Kompetenzen besitzt, startet beruflich oft deutlich erfolgreicher.


Wege zu mehr Handlungsspielraum fĂĽr Jungen

Initiativen zur Förderung sozialer Kompetenzen

Um Jungen mit Defiziten im sozialen Bereich bessere Perspektiven zu eröffnen, entstanden bundesweit zahlreiche Projekte. Ziel ist es, ihnen neue Verhaltens- und Ausdrucksmöglichkeiten zu vermitteln.

Besonders erfolgreich erweist sich die Einbindung in soziale Projekte:

  • Soft Skills werden praktisch geĂĽbt.
  • Gleichzeitig wird männlicher Nachwuchs in sozialen Berufen dringend benötigt – gerade dort, wo „weiblich konnotierte“ Kompetenzen wertvoll sind.

So erhalten auch Jugendliche mit schwächeren schulischen Leistungen echte Chancen auf berufliche Integration.

Links

http://www.tagesspiegel.de/wissen/..

Zuletzt geändert am 11.02.2026

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Themen:
Klischees
Rollenverhalten
Männerbild
Ăśber den Autor/die Autorin
Foto der lernando-Autorin Christine Kammerer

Christine Kammerer, Politologin M. A., Heilpraktikerin (Psychotherapie), freie Journalistin und Trainerin. Berufliche Stationen: Bundesamt fĂĽr Migration und FlĂĽchtlinge, Bundeszentrale fĂĽr politische Bildung, Deutscher Kinderschutzbund.

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