“Du bist nicht meine Mama” Wie Kinder in Patchworkfamilien leben

Entwicklung und Erziehung
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von Dr. Gabriela Teichmann
Die Familie als Ort der beschützen Sorglosigkeit für Heranwachsende ist für viel Kinder und Jugendliche jedoch nur ein Traum. Die Realität sieht vielfach ganz anders aus: Eltern in Trennung, Elternteile mit neuem Partner, in die sie verliebt sind, neue Partner, die zuhause plötzlich immer öfter auftauchen, Mutter oder Vater mit Beschlag belegen und viel mehr Zeit und Aufmerksamkeit bekommen als das Kind selber. Sich auf solche Situationen einstellen kann in puren Stress ausarten.
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Wie Kinder in Patchworkfamilien leben Montagmorgen im Klassenzimmer. Müde Gesichter. Aufmerksamkeit? Fehlanzeige! Was geht nur in diesen Köpfen vor? Haben die sich nicht schön entspannen können am Wochenende? Ausschlafen, Familie, kein Schulstress?

Die Familie als Ort der beschützen Sorglosigkeit für Heranwachsende ist für viel Kinder und Jugendliche jedoch nur ein Traum. Die Realität sieht vielfach ganz anders aus: Eltern in Trennung, Elternteile mit neuem Partner, in die sie verliebt sind, neue Partner, die zuhause plötzlich immer öfter auftauchen, Mutter oder Vater mit Beschlag belegen und viel mehr Zeit und Aufmerksamkeit bekommen als das Kind selber. Sich auf solche Situationen einstellen kann in puren Stress ausarten. Während Familie im herkömmlichen Sinn etwas Konstantes, Berechenbares hat (das je auch nicht in jedem Fall positiv ist) bringt ein neuer „Stief“ erst mal tendenziell Spannung und Aufregung in die Familie. Und das schafft nicht nur Freude, sondern kann auch zu Missverständnissen und Opposition führen. Und der Schauplatz für solche Familienfomierungsprozesse sind die Wochenenden.

Scheidungskinder: Betroffen sind jährlich über 170.000 Kinder und Jugendliche. Gegenüber dem Jahr 2002 hat sich die Zahl der von der Scheidung ihrer Eltern betroffenen minderjährigen Kinder um 6,3 % erhöht, von 160.100 auf 170.260. (Statistisches Bundesamt). Erziehung von Stiefkindern „Du bist nicht meine Mama! Es geht dich gar nichts an, was ich mache!“, „Du hast mir nichts zu sagen, du bist nicht mein Papa.“ Diese Schlagsätze machen hilflos oder wütend, vielleicht auch traurig. Denn sie sind wahr. Diese Kinder, mit denen man lebt – ständig oder am Wochenende - sind nicht die eigenen. Und dennoch hat man Verantwortung, Zuneigung, Wünsche, Wärme, Ziele, Werte, Vorstellungen. Doch diese kollidieren nicht selten mit denjenigen, des anderen Elternteils, der Ex-Frau oder des Ex-Partners der eigenen Lebensgefährten. Man ist in diese höchst ungeklärte „Stief“-Elternrolle gerutscht und hatte keine Zeit zu üben oder sich über die „Gefahren“ und Widersprüchlichkeiten klar zu werden. Und jetzt steht man vor ihnen und muss mit einander klar kommen. „Patchwork“ (Flickwerk), das Zusammenleben von Kindern mit neuen Partnern der Eltern und manchmal auch mit deren mitgebrachten Kindern, das Aufeinandertreffen von kinderlosen Partnern und alleinerziehenden Eltern nebst Kindern in Beziehungen, die Durchmischung einst familiärer Verhältnisse zu einem neuen Konstrukt wird für immer mehr Menschen – Männer, Frauen, Kinder - Lebensrealität. Diejenigen, die man früher mal „Stiefeltern“ nannte. Was bedeutet diese Rolle? Wie geht man mit ihnen um? Wie gehen sie selbst mit sich um? Vieles bleibt dem Zufall überlassen, weil man in diese Rolle nicht langsam hineingewachsen ist, sondern sich plötzlich in ihr wiederfindet. Tägliche Konflikte Alltägliche Konflikte, Missverständnisse und Probleme, Familienfeste aber auch schöne Momente und das Gefühl (wieder) eine Familiengemeinschaft zu haben wechseln sich dabei ab. Für alles braucht man in Deutschland eine Lizenz, einen Führerschein, aber eine Familie auch eine Stieffamilie ergibt sich einfach so und man versucht es halt hinzubekommen, so gut man kann. Dabei staunt man oft, wie unterschiedlich es in Familien zugehen kann alles unter der Prämisse, es miteinander so gut zu haben wie möglich und das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Abläufe, die jahrelang klar waren, werden in Frage gestellt, wenn ein neuer Partner frischen Wind bringt, neue Ernährungsgewohnheiten oder Lebenserkenntnisse mitbringt, die ihm wichtig sind. Impulse für die Erziehung können positiv wirken oder genau das Gegenteil. „Die Kinder tanzen dir auf dem Kopf herum.“ „Sei nicht so streng.“ „Der braucht jetzt aber mal eine harte Hand.“ Ratschläge in Erziehungsfragen vom neuen Partner werden gehört und aus Liebe und Zuneigung oft befolgt, auch wenn man es vielleicht bisher anders gemacht hat. Das merken die Kinder als erstes. Und das schafft erst mal Verunsicherung. Stiefgeschwister Wenn der neue Partner auch Kinder mitbringt, ergeben sich zusätzlich weitere Themen und Lernfelder für das Kind/die Kinder. Mit Stiefgeschwistern muss geteilt werden, Spielzeug, Platz, Vorrechte werden einem streitig gemacht und Gewohnheiten in Frage gestellt. Neben der Lernchance, die eine Familienvergrößerung bedeutet, ist auch immer etwas gemeinsame Vergangenheitsbewältigung mit dabei, denn der Grund, dass man nun nicht mehr als Ursprungsfamilie sondern als Patchwork Familie zusammenlebt, war schließlich eine oft als schmerzhaft erlebte Trennung der leiblichen Eltern. Das diese erst langsam verarbeitet wird und von jedem Kind (auch den eigenen Geschwistern) anders erlebt wird ist dabei eine überraschende Erkenntnis. Reaktionen auf Familienstress Zerbrechende Familien, fehlende Väter oder Mütter, ein schmerzhafter Verlust hinterlässt seine Spuren auch bei denen, die am wenigsten dafür können: den Kindern. Oft braucht es eine Weile, bis es wieder regelmäßige Besuche und Treffen gibt, manchmal verschwinden Elternteile auch ganz. Nicht nur durch Tod, auch oft aus Unfähigkeit nach der Trennung mit dem Kind umzugehen, stehlen sie sich aus der Verantwortung, der sie nicht gewachsen sind. Weil sie selbst nicht erinnert werden wollen, weil es ihnen selber passiert ist oder weil sie Angst vor Unterhaltsforderungen haben. Die Kinder kennen und verstehen die Gründe jedoch nicht. Sie müssen es aber trotzdem schaffen, weiter zu leben, zu funktionieren und in der Schule die gewohnten Leistungen zu bringen.

Und sie gehen sehr unterschiedlich damit um. Während der eine sich in Sport und Ablenkung stürzt, vielleicht erste eigene Beziehungserfahrungen macht, kann ein anderer durch das Ende der Familie so aus der Bahn geworfen werden, dass er sein eigenes Leben nur schwer wie bisher fortsetzen kann. Der Verlust eines Elternteiles kann Entwurzelung bedeuten, ein Gefühl der Heimatlosigkeit und Haltlosigkeit ist oft die Folge. Die zeigt sich oft durch äußerliche Veränderung: extreme Haarschnitte, Piercings/Tatoos, Alkohol- und Drogenkonsum in „schlechter Gesellschaft“, provozierende Kleidung. Das heißt nichts anderes als: Sieh mich bitte an! Eine Provokation will Reaktion - und zwar oft von dem, der nicht mehr da ist. Alltagsorganisation In Patchworkfamilien muss die gesamte Familienorganisation neu strukturiert werden. Im Alltag sind Aufgaben im Haushalt zu erledigen (mit Pubertierenden ohnehin ein heikles Thema), Freizeitgestaltung mit Fahrten (allein oder per Elternfahrdienst), Familienfeiern wie Geburtstage müssen sich einspielen. Immer wieder kritisch, das Essen: Junkfood trifft Bioladen, auch wenn sie sich sonst nie begegnet wären. Tischmanieren, Urlaubsgewohnheiten: Camping oder Fünfsterneresort? Religion, politische Gesinnung, Verhalten im Krankheitsfall. Themen, die in Ursprungsfamilien irgendwie immer klar waren müssen neu diskutiert und ausgelotet werden.

Nicht immer trifft Stief oder Kind dabei den richtigen Ton. Viele Themen sind dazu zu persönlich und zu emotionsgeladen. Wenn Teenager in von den neuen Frau des Vaters bei Tisch wegen ihrer fehlenden Tischmanieren zurechtgewiesen werden („Mach den Mund zu beim Kauen“, „Das Messer leckt man nicht ab!“ „Wie fasst du denn deine Gabel an, das ist doch keine Schaufel!“, ist das für die Frau ein Beitrag zur Erziehung, der den Kindern weiterhelfen soll, für die Kinder aber eine (unbegründete?) Kritik, die wehtun kann. Die Reaktion: Verletzung, Wut, „Darf die das überhaupt sagen?“ Feiertage in Patchworkfamilien Gerade bei so genannten "hoch strittigen" Elternpaaren (laut Statistik sind es ca. 15% der Betroffenen) eskaliert der Konflikt bereits häufig an der Frage, bei wem Familienfeste wie z.B. Weihnachten oder Ostern überhaupt verbracht werden. Familienberatungsstellen könne ein Lied davon singen. „Früher haben wir es aber anders gemacht.“ Diesen Satz hört man an den Feiertagen wahrscheinlich ziemlich oft. Natürlich ist nun alles anders. Weihnachten bei anderen, neuen Großeltern, oder auch Geschenkekauf für jemanden, den man noch nicht so gut kennt, das ist Stress pur. Soviel Unsicherheit ist dabei, aber doch auch der Wunsch, einen guten Weg zu finden und Frieden zu haben.

Erst recht gilt das für solche Feiertage, an denen der/die Ex dabei ist: Einschulungen, Schulaufführungen, Konfirmation/Kommunion und Abiturfeiern. Alle sind plötzlich zusammen, auch wenn sie nicht mögen, nicht kennen, oder sich eigentlich am liebsten überhaupt nicht sehen würden. Dem Kind zuliebe beißt man die Zähne zusammen und versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Aber wie geht das? Den neuen Partner möglichst ignorieren? Smalltalk machen, ihn übertrumpfen, besser dastehen? Die Geschenke etwas größer ausfallen lassen, um das Kind zu beeindrucken? Oder etwas kleiner, weil der neue Partner schon eine Augenbraue hochgezogen hat. „Muss du deiner Tochter wirklich schon wieder ein neues Handy kaufen, jetzt so kurz vor unserer Fernreise?“ Familienfeiern bringen für alle Beteiligten Pachtworker oft so viel Adrenalin mit sich, das der gewohnte Alltag am Montag oft die reinste Erholung ist. Denn bei allem schwingt auch immer etwas Trauer um Vergangenes mit und der Wunsch, das alles wieder gut wird oder man wenigstens ein neues Lebensmodell findet, mit dem alle leben können.

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Über den Autor/die Autorin
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Dr. Gabriela Teichmann ist Journalistin und Coach, sie begleitet Menschen und Organisationen in Veränderungssituationen. Als Freie Journalistin und Buchautorin schreibt sie über die Themen Gesundheit, Bildung, Hirnforschung und Psychologie. Ihr Kinder- und Jugendbuch “Der grüne Zauberschal” handelt von dem Vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten. Es ist als Taschenbuch und als (duftendes) Hörbuch erschienen.

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