Wenn die Ernährung zur Wissenschaft wird- Nahrungsmittelallergien nehmen zu
Wenn die Ernährung zur Wissenschaft wird- Nahrungsmittelallergien nehmen zu
Nahrungsmittelallergien entwickeln sich oft schleichend, setzen Betroffene aber unter große Schwierigkeiten. Was kann ich noch essen und was nicht? Experten empfehlen vor allem eine gute Diagnostik.
Nahrungsmittelallergien bei Kindern – warum alles komplizierter wird
Früher gab es auf Kindergeburtstagen Schokokuchen und Kakao – und fast alle konnten alles essen. Heute sieht das anders aus: Ein Kind verträgt keine Kuhmilch, ein anderes reagiert auf Eier oder Nüsse. Für Eltern wird das Kuchenbacken schnell zur Rätselaufgabe.
Professor Bischoff vom Institut für Ernährungsmedizin der Universität Hohenheim bestätigt diesen Trend:
„Nahrungsmittelallergien nehmen zu – wie alle Allergien.“
Warum Allergien zunehmen
Komplexere Lebensmittel
Viele moderne Produkte enthalten zahlreiche Inhaltsstoffe und Zusatzstoffe, darunter E‑Nummern, die im Verdacht stehen, allergische Reaktionen zu begünstigen.
Zu viel Hygiene
Studien zeigen:
Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen, haben weniger Allergien als Stadtkinder.
Der Kontakt mit „Matsch und Dreck“ stärkt das Immunsystem.
Bei sehr sterilen Bedingungen bildet der Körper hingegen weniger regulierende Immunzellen.
Genetische Faktoren
Die Forschung des Helmholtz Zentrums München hat ein Gen namens FCER1A identifiziert:
Es beeinflusst die Produktion von IgE‑Antikörpern, die bei Allergikern auf eigentlich harmlose Substanzen reagieren.
Das Ergebnis: Eine allergische Überreaktion des Körpers.
Symptome: leicht bis gefährlich
Reaktionen können sehr unterschiedlich ausfallen:
- Hautausschlag, Quaddeln
- Kratzen im Hals
- Bauchbeschwerden, Übelkeit, Erbrechen
- Atembeschwerden oder Asthma
- In schweren Fällen: anaphylaktischer Schock
Allergien entwickeln sich meist schleichend – beginnend mit wenigen Lebensmitteln und steigenden Beschwerden. Manche Kinder reagieren sofort nach dem Essen, andere erst Stunden später, was die Zuordnung erschwert.
Warum eine professionelle Diagnostik wichtig ist
Viele Eltern greifen vorschnell zu Diäten oder verbannen vermeintlich „schlechte“ Lebensmittel aus dem Speiseplan. Experten warnen:
- Unnötige Verbote führen zu Mangelernährung
- Ängste und Unsicherheiten wachsen
- Nur ein Allergietest bringt Klarheit
Daher gilt: Bei Verdacht immer einen Facharzt aufsuchen.
Allergie oder Unverträglichkeit?
Beides kann ähnliche Symptome auslösen:
Beispiele:
- Laktoseintoleranz (15 % betroffen):
führt zu Durchfall, Blähungen, Bauchschmerzen - Reizdarmsyndrom:
kann ebenfalls Beschwerden nach dem Essen verursachen
Diagnostische Verfahren:
- Prick‑Test: Allergene werden auf den Unterarm getropft, die Haut leicht angeritzt; juckende Quaddeln deuten auf eine Allergie hin.
- Blutuntersuchungen: Überprüfung spezifischer Antikörper.
- Nahrungsmittelprovokation (Goldstandard):
erfolgt in spezialisierten Kliniken – Verdachtslebensmittel werden kontrolliert verabreicht.
Sie ist besonders zuverlässig, aber aufwendig.
Behandlungsmöglichkeiten
Sobald die Diagnose feststeht, gibt es verschiedene Wege:
1. Vermeidung
Bei Allergien gegen z. B. Milch, Eier, Fisch oder Soja hilft konsequentes Meiden der Auslöser.
2. Hyposensibilisierung
Vor allem bei Kreuzallergien (z. B. Birkenpollen ↔ Steinobst) wird eine zweijährige Therapie empfohlen.
Das Immunsystem gewöhnt sich an die Allergene – bei etwa 50 % der Betroffenen bessern sich die Symptome.
3. Ernährung
Einige Grundregeln:
- Möglichst wenig Fertigprodukte
- Viel frisch kochen
- Bei Mehrfachallergien: Ernährungsberatung nutzen
(wird oft direkt in allergologischen Praxen angeboten)
4. Notfallvorsorge
Kinder mit starken Allergien – besonders gegen Erdnüsse – sollten immer dabeihaben:
- Allergiepass
- Notfallset (z. B. Antihistaminikum, Kortison, Adrenalinpen)
Linktipps
Links zum Thema:
- "Dreck hält gesund" - Artikel in der Süddeutschen Zeitung:
www.sueddeutsche.de/gesundheit/nahrungsmittelallergien-bei-kindern-dreck-haelt-gesund-1.1377761
Bettina Levecke ist freie Journalistin aus der Nähe von Bremen. Ihre Themenschwerpunkte sind Gesundheit, Familie und Nachhaltigkeit.