Zeugnisse - des einen Freud, des anderen Leid
Zeugnisse - des einen Freud, des anderen Leid
Mit einem ganz bestimmten Kribbeln im Bauch und einer Portion Aufgeregtheit kĂĽndigt sich bei so manchen der Zeugnistag an.
Wie man auf Zeugnisse reagieren sollte, wie man am besten mit Ihnen umgeht und wie die einzelnen Inhalte eines Zeugnisses zu bewerten sind erfahren Sie in diesem Beitrag!
Zur Wortbedeutung des Zeugnisses
Der Begriff Zeugnis besitzt mehrere Bedeutungen. In religiösem Kontext meint er die persönliche Aussage über eine Gotteserfahrung. Im rechtlichen Bereich bezeichnete er – heute eher veraltet – die Aussage eines Zeugen.
Im schulischen oder beruflichen Bereich beschreibt ein Zeugnis eine Beurteilung, die den Abschluss eines Lern- oder Arbeitsabschnittes dokumentiert.
Kurzer geschichtlicher Abriss
Bereits in der Antike wurden Menschen anhand ihrer Leistungen eingeschätzt. Die Römer entwickelten ein einfaches Bewertungssystem: Die besten Schüler saßen vorn, die weniger erfolgreichen weiter hinten und erhielten ein Zertifikat (certus = sicher, facere = machen).
Leistungsveränderungen führten zu Umsetzungen der Schüler – ein Prinzip, das später durch die moderne Notengebung abgelöst wurde.
Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit spiegelte sich das soziale Gefälle im Bildungsbereich deutlich wider. Wer das Schulgeld nicht zahlen konnte, erhielt bei guten Leistungen ein sogenanntes Benefizienzeugnis. Es leitete sich vom lateinischen beneficium („Wohltat“) ab und diente als Bescheinigung, um trotz Armut weiter die Schule besuchen zu dürfen.
Was steckt hinter den Noten?
Ein schulisches Zeugnis fasst die Leistungen eines Kindes zusammen. Je nach Bundesland erfolgt dies über Zensuren (1–6) oder verbale Einschätzungen. Die Bewertung ist Bestandteil des Schulrechts und fällt in die Verantwortung der einzelnen Bundesländer, weshalb Unterschiede in Form und Darstellung möglich sind.
Private Schulen setzen häufiger auf Gutachten anstelle klassischer Noten.
Die Bedeutung der einzelnen Zensuren (Beispiel Sachsen)
- 1 – sehr gut: Leistung entspricht den Anforderungen in besonderem Maß.
- 2 – gut: Leistung erfüllt die Anforderungen vollständig.
- 3 – befriedigend: Leistung entspricht im Allgemeinen den Anforderungen.
- 4 – ausreichend: Leistung weist Mängel auf, entspricht aber insgesamt noch den Anforderungen.
- 5 – mangelhaft: Leistung entspricht nicht den Anforderungen, Grundkenntnisse sind jedoch vorhanden.
- 6 – ungenügend: Grundkenntnisse fehlen weitgehend; eine Verbesserung ist kurzfristig nicht zu erwarten.
Neue Lehrpläne und pädagogische Konzepte (z. B. Kompetenzorientierung, fächerübergreifende Arbeit) haben die Bewertungsmaßstäbe erweitert. Heute werden neben Fachleistungen auch soziale, kommunikative und methodische Kompetenzen berücksichtigt.
Schule und Zeugnis – oft brisant: die Kopfnoten
Kopfnoten bewerten Bereiche wie Arbeitsverhalten und Sozialverhalten. Sie orientieren sich an gesellschaftlichen Normen, die sich im Laufe der Zeit verändern. Viele Eltern empfinden die Begrifflichkeiten als ungewohnt – daher braucht es hier Aufklärung und Transparenz.
Die Kopfnoten werden in der Klassenkonferenz beschlossen. Da sich Kinder in unterschiedlichen Situationen verschieden verhalten, sind die Diskussionen oft intensiv. Die Persönlichkeit des Kindes steht dabei stets im Fokus.
Beispiel Kopfnoten (Sachsen)
Betragen:
Aufmerksamkeit, Hilfsbereitschaft, Zivilcourage, Konfliktverhalten, Rücksichtsnahme, Selbsteinschätzung, Toleranz, Gemeinsinn
FleiĂź:
Lernbereitschaft, Zielstrebigkeit, Ausdauer, Regelmäßigkeit
Mitarbeit:
Initiative, Kooperationsfähigkeit, Teamfähigkeit, Selbstständigkeit, Kreativität, Verantwortungsbereitschaft
Ordnung:
Sorgfalt, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Einhalten von Regeln, Bereitstellung von Materialien
Der Umgang mit Zeugnissen
Viele Kinder und Eltern kennen die Anspannung vor der Zeugnisausgabe. Erwartungen und Realität stimmen nicht immer überein, und die Ursachen sind häufig vielfältig.
Wie geht man mit dem Zeugnis um?
Wichtig ist, kein vorschnelles Urteil zu fällen. Kinder werden täglich durch viele Menschen bewertet – bewusst oder unbewusst. Die Frage „Heute schon gelobt?“ kann helfen, den Blick zu weiten.
a) Zusammenarbeit Elternhaus – Schule
Eine offene, ehrliche Zusammenarbeit ist entscheidend. Elternabende sollten ĂĽber folgende Punkte informieren:
- Bildungsstandards und Anforderungen
- Bewertungsmaßstäbe und Formulierungen
- Bedeutung der Zensuren
- Kriterien fĂĽr Klassenarbeiten
- Anzahl und Gewichtung groĂźer Noten
Ein „Kummertelefon“ oder feste Sprechzeiten erleichtern die Kommunikation.
b) Umgang mit den Einschätzungen des eigenen Kindes
Hinweise fĂĽr Eltern:
- keine vorschnellen Urteile
- die positive Absicht der Lehrkraft erkennen
- Jungen und Mädchen lernen anders
- mit Stärken beginnen
- Vergleich mit MitschĂĽlern vermeiden
- individuelle Fortschritte betrachten
- Bewertungen anderer Schulen lassen sich nicht ĂĽbertragen
- Kritik nicht im Beisein des Kindes äußern
- Motivation bei Fehlschlägen aufrechterhalten
- das Kind im Klassenkontext sehen
- gemeinsam mit der Lehrkraft MaĂźnahmen besprechen
Eine kleine Liste mit Beobachtungen und Fragen kann helfen, ein klareres Bild zu gewinnen.
Quellen:
- 1 http://de.wikipedia.org/wiki/Zertifikat
- 2 Bertelsmann Universal Lexikon, Band 2, Verlagsgruppe Bertelsmann Club GmbH, GĂĽtersloh, 1990, S. 273
- 3 Verordnung des Sächsischen Staatsministeriums für Kultus über Grundschulen im Freistaat Sachen (Schulordnung Grundschulen- SOGS) vom 3. August 2004, Rechtsbereinigt mit Stand vom 1. August 2006, §15
Zuletzt geändert am 17.02.2026
Jörg Sauer ist ausgebildeter Grundschullehrer und unterrichtet seit über 20 Jahren an einer Schule. Neben der Lehrertätigkeit führte er in den vergangenen Jahren zahlreiche Weiterbildungen über die Nutzung von Neuen Medien im Unterricht durch.