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Rheuma haben nicht nur Omas

Interview mit Dr. Kirsten Minden, Kinderrheumatologin an der Charité Berlin

Ein Junge betrachtet seinen schmerzenden Ellenbogen
Entwicklung und Erziehung
© utah778 - Fotolia.de
von Bettina Levecke

Beim Rheuma denkt jeder zuerst an ältere Menschen. Doch Rheuma ist eine altersunabhängige Erkrankung, kann schon Babys und Kleinkinder betreffen. In Deutschland haben derzeit rund 20.000 Kinder eine rheumatische Erkrankung.

Lesedauer:
4 min

Rheuma bei Kindern – Expertengespräch mit Dr. Kirsten Minden (Charité Berlin)

Was passiert bei kindlichem Rheuma?

Dr. Minden: Rheuma ist eine autoimmune Erkrankung. Das Immunsystem richtet sich gegen körpereigene Strukturen: Entzündungszellen wandern in die Gelenke und verursachen Schmerzen, Schwellungen und Bewegungseinschränkungen.


Ursachen und Hintergrund

Wie entsteht Rheuma?

Die Forschung kennt die genaue Ursache noch nicht vollständig. Sicher ist aber:

  • Es liegt eine Fehlsteuerung des Immunsystems vor.
  • Es gibt eine genetische Veranlagung.
  • Interessant ist ein Nord‑SĂĽd‑Gefälle:
    In Nordeuropa erkranken Kinder häufiger als im Süden.

Warum dieses Gefälle?

Vermutet wird, dass mehr Sonnenlicht im SĂĽden einen positiven Einfluss auf das Immunsystem hat.
Weitere begĂĽnstigende Faktoren:

  • Stress
  • Infektionen
  • Ernährung
  • Umweltfaktoren

Wann bricht Rheuma bei Kindern aus?

Am häufigsten tritt die Erkrankung im 2. und 3. Lebensjahr auf.
Bei Babys (erstes Lebensjahr) ist sie sehr selten.

Das Problem:
Die Diagnose ist schwierig, weil Kinder oft keine typischen Rheuma-Laborwerte haben – anders als Erwachsene. Viele Befunde sind unauffällig, deshalb bleibt Rheuma anfangs oft unentdeckt.

Häufig wird erst aufmerksam, wenn eine Schwellung nicht wieder verschwindet und nicht mehr zum vermeintlichen Sturz passt.


Warnzeichen fĂĽr Eltern

Eltern sollten an Rheuma denken, wenn:

  • Gelenke ungewöhnlich und dauerhaft geschwollen sind
  • Kinder eine Schonhaltung entwickeln
  • kleine Kinder plötzlich wieder getragen werden wollen
  • sie hinken oder humpeln
  • morgens eine Morgensteifigkeit auftritt

Besonders oft ist zuerst das Knie betroffen.


Was tun bei Verdacht?

  • Schnellstmöglich einen Termin beim Kinderarzt vereinbaren.
  • Bei klaren EntzĂĽndungszeichen kann man auch direkt zum Kinderrheumatologen.

Da Laborwerte oft nicht zuverlässig sind, ist die Erfahrung eines Spezialisten entscheidend.


Wie entwickelt sich Rheuma im Körper?

Rheuma ist ein Sammelbegriff fĂĽr unterschiedliche Verlaufsformen.
Bei Kindern tritt am häufigsten die Oligo-Arthritis auf:

  • betrifft wenige, meist groĂźe Gelenke
  • milde Verlaufsformen bleiben auf diese Gelenke beschränkt

Bei schwereren Verläufen breitet sich die Entzündung aus (Polyarthritis) und betrifft zusätzlich:

  • Sprunggelenke
  • Handgelenke
  • Ellenbogen
  • Kiefergelenke

Ist Rheuma heilbar?

Leider nein – aber:
Es lässt sich heute sehr gut behandeln, sodass viele Kinder beschwerdefrei leben können.
Eine frühe Diagnose schützt vor Gelenkschäden und Entwicklungsverzögerungen.


Wie wird Rheuma bei Kindern behandelt?

Leichte Oligo-Arthritis

  • Schmerz- und entzĂĽndungshemmende Mittel
  • zusätzlich lokale Injektionen ins betroffene Gelenk
    → kaum Nebenwirkungen, sehr gute Erfolge

Schwerere Verläufe (z. B. Polyarthritis)

  • cortisonfreie Schmerzmittel (NSAR)
  • Methotrexat (seit vielen Jahren bewährt)
  • Biologicals (kĂĽnstliche Antikörper, sehr wirksam)

Ergänzend:

  • Physiotherapie
  • Behandlung von Schonhaltungen
  • UnterstĂĽtzung der körperlichen Entwicklung

Ausblick:

Die meisten Kinder werden beschwerdefrei.
Allerdings: In ca. 50 % der Fälle kann die Erkrankung nach Absetzen der Medikamente zurückkehren.


Links zum Thema:

  • Gesellschaft fĂĽr Kinder- und Jugendrheumatologie:
  • www.gkjr.de
     
  • Bundesverband zur Förderung und UnterstĂĽtzung rheumatologisch erkrankter Kinder und deren Familien e.V.:
  • www.kinderrheuma.co

Zuletzt geändert am 13.02.2026

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Themen:
Rheuma
Kinder
Schmerzen
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Tabletten
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Ăśber den Autor/die Autorin
Foto der lernando-Autorin Bettina Levecke

Bettina Levecke ist freie Journalistin aus der Nähe von Bremen. Ihre Themenschwerpunkte sind Gesundheit, Familie und Nachhaltigkeit.

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