Über den Autor/die Autorin

Christine  Kammerer

Christine Kammerer, Politologin M. A., Heilpraktikerin (Psychotherapie), freie Journalistin und Trainerin. Berufliche Stationen: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Bundeszentrale für politische Bildung, Deutscher Kinderschutzbund.

Hass-Kommentare im Internet

von Christine Kammerer



© New Africa - Fotolia.com
Freie Meinungsäußerung ist die eine Seite der Medaille, Hass und Hetze die andere. Hasskommentare gehören heute zu den Problemen, mit denen wir uns im Umgang mit dem Internet regelmäßig auseinandersetzen müssen. Dort werden einzelne Personen oder ganze Gruppen von Menschen in herabsetzender Weise durch Hasskommentare beschimpft und beleidigt, diskriminiert und ausgegrenzt. Hasskommentare zielen häufig auf Eigenschaften wie Hautfarbe, Herkunft oder Religion ab. Sie verletzen bewusst Würde und Rechte anderer Menschen und wird ganz gezielt eingesetzt, um diese einzuschüchtern.

Die verbalen Attacken entfalten ihre Wirkung allerdings auch und gerade dann, wenn man beschließt, sie zu ignorieren. Bleiben solche Angriffe unwidersprochen im Raum stehen, werden Fakten geschaffen. Die Empörung über solche Grenzverletzungen flacht mit der Zeit ab und bis vor kurzem noch Verpöntes erhält schleichend den Status der Normalität. Hasskommentare schaden unserer freien und demokratischen Gesellschaft, indem es sie spaltet: Bestehende Aggressionen werden dadurch immer weiter aufgeschaukelt. Konträre Pole im politischen Spektrum suchen nicht mehr nach Kompromissen oder einem Konsens, sondern verhärten sich. Sie werden extremer und irgendwann entladen sich die Konflikte nicht mehr nur in Worten. Deswegen müssen wir uns aktiv gegen Hasskommentare im Internet zur Wehr setzen.

Hasskommentare auf sozialen Netzwerken

Hasskommentare sind inzwischen vor allem auf sozialen Netzwerken eine lästige Plage. Insbesondere junge Menschen sind davon betroffen: Laut einer repräsentativen Studie im Auftrag der Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalen Anfang 2019 wurden 85 Prozent der 14- bis 24-Jährigen schon einmal mit Hasskommentaren konfrontiert. Immerhin 63 Prozent aller Befragten findet es persönlich nicht in Ordnung, Hasskommentare, die sich nicht gegen die eigene Person richten, zu ignorieren. Doch wenn es tatsächlich zu öffentlichen Diskussionen im Netz kommt, beteiligt sich weniger als ein Zehntel häufig oder sehr häufig daran. Etwa ein Drittel der Befragten hat sogar schon beschlossen, aus Angst vor Beleidigungen und Hasskommentaren nichts mehr online zu stellen.

Die Studie ergab auch, dass praktisch alle Nutzer (98 Prozent) Beleidigungen, Beschimpfungen, Hasskommentare und Falschinformationen, so genannte "Fake News", entschieden ablehnen. Die Betreiber der betroffenen Webseiten wie beispielsweise Facebook nehmen das zwar zur Kenntnis, greifen aber nur halbherzig in das Geschehen ein. Angesichts der Tatsache, dass sie nicht einmal die permanenten Datenschutz-Probleme in den Griff bekommen, fällt es ohnehin schwer, ihren diesbezüglichen Verlautbarungen Glauben zu schenken. Dies alles führt dazu, dass die positive Stimmung gegenüber sozialen Netzwerken deutlich nachlässt.

Hasskommentare verbannen: Werte, Kultur, Vision - was die Gesellschaft zusammenhält

Wenn man über eine Gesellschaft spricht, kann man den Focus entweder auf die Unterschiede, das Trennende und die bestehenden Konflikte oder aber auf das Verbindende, die gemeinsamen Werte und Ziele setzen. Man kann je nach Perspektive das Negative oder das Positive in den Vordergrund stellen, indem man beispielsweise die Unterschiede verteufelt oder sie als einen wertvollen Faktor betrachtet, der uns um neue Erfahrungen bereichern kann. Der Blickwinkel hängt jeweils sehr stark davon ab, was der Betrachter damit bezweckt:

Will der Akteur die bestehende Gemeinschaft erhalten und weiterentwickeln? Dann wird er einen konstruktiven Ansatz wählen und auf ihre Fähigkeiten und Stärken fokussieren, er wird Hoffnung machen und optimistische Visionen aufzeigen. Will er die bestehenden Strukturen vernichten und auf den Ruinen eine Gesellschaft nach seinen eigenen Vorstellungen errichten? Dann liegt es auf der Hand, dass er einen destruktiven Weg wählen wird: Er wird das Negative betonen, Ängste schüren, Hasskommentare verfassen und den Teufel an die Wand malen. Leider sind viele Menschen anfällig für die falschen Propheten der Endzeit, die Fakten verdrehen, mit Halbwahrheiten Stimmung machen und selbst vor Lügen nicht zurückschrecken. Damit diese Stimmungsmache nicht erfolgreich ist, müssen wir für unsere Gesellschaft eintreten und sie aktiv so gestalten, wie wir sie in Zukunft haben wollen.

Counter Speech gegen Hasskommentare

Die einzig wirksame Antwort auf Hasskommentare (Hate Speech) ist Counter Speech. Das bedeutet sinngemäß „aktive Gegenrede“ und bezeichnet die angemessene Reaktion auf herabwürdigende verbale Angriffe, Hasskommentare und gezielt gestreute Vorurteile und Falschinformationen. Hier sollte vor allem sachlich argumentiert werden, Humor ist jedoch erlaubt und sogar erwünscht. Allerdings darf der Gegenredner sich nicht von starken Emotionen wie Ärger und Wut dazu hinreißen lassen, selbst ausfällig oder beleidigend zu werden. Das entwertet sein eigenes Verhalten und seine Argumente.

Die Gegenrede richtet sich gar nicht so sehr unmittelbar an denjenigen, der Hasskommentare oder Fake News verbreitet, sondern vielmehr an alle Mitleser, insbesondere an die, die noch zugänglich sind für Argumente. Man kann damit auch demonstrieren, dass von Hasskommentaren Betroffene in unserer Gesellschaft Beistand erhalten und mit Solidarität rechnen können. Counter Speech ist zudem ein starkes Ausdrucksmittel, um all die positiven Aspekte unserer Lebenswirklichkeit abzubilden und für Werte, Vielfalt, Menschenrechte und eine offene Gesellschaft einzutreten.

Fazit zu Hasskommentaren: Mehr Zivilcourage im Internet!

Hasskommentare haben nicht nur gravierende Auswirkungen auf die unmittelbar Betroffenen, sondern vor allem auch auf alle Mitlesenden. Die Wahrnehmung der Meinungshoheit in einer Gruppe oder in der Gesellschaft wird dadurch verzerrt. Hassredner verleihen sich den Anschein einer großen und schlagkräftigen Mehrheit, obwohl es sich in Wirklichkeit meist nur um eine kleine, aber sehr aktive Gruppe von Personen handelt. Die Folgen: Andersdenkende ziehen sich aus politischen Diskussionen zurück und überlassen den aggressiven Schreihälsen das Feld. Opfer von Hasskommentar-Attacken erleiden starken emotionalem Stress und sogar Depressionen. Wir sollten daher nicht auf Maßnahmen der Webseiten-Betreiber oder des Staates warten, sondern selbst handeln:

So wie wir im wirklichen Leben Menschen beistehen, die unsere Unterstützung benötigen, sollten wir dies auch in der virtuellen Welt tun. Wenn also zum Beispiel einer unserer Freunde auf Sozialen Netzwerken von Hasskommentaren betroffen ist, sollten wir uns schützend vor das Opfer stellen und die Verachtung, Entwürdigung, Beleidigung frei von Aggression sachlich und nüchtern offenlegen. Ähnliches gilt, wenn man mit Fake News konfrontiert wird: Auch hier sollte man die Nachricht auf ihren Wahrheitsgehalt hin prüfen und dann die tatsächlichen Zusammenhänge rational und pragmatisch richtig stellen.

Links

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