Über den Autor/die Autorin

Hildegard Dierks

Hildegard Dierks hat ihr Lehramtsstudium in den Fächern Englisch und Pädagogik für die Sekundarstufen I und II absolviert und an der Universität Bielefeld das Magisterstudium mit dem Schwerpunkt Computerlinguistik abgeschlossen. Sie arbeitet seit vielen Jahren als Online-Autorin und Online-Redakteurin für verschiedene Zielgruppen, z.B. Eltern. Zu ihren Themenschwerpunkten zählen alle Themen rund um Grundschule, Fremdsprachenlernen, Musikerziehung, computergestütztes Lernen aber auch schulpolitische Themen. Seit einigen Jahren ist sie begeisterte Anhängerin des sog. E-Learnings einer internetgestützten, zeitlich flexiblen Form des Studiums und der beruflichen Weiterbildung. Neben Lehrheften lernt man beim E-Learning auch in betreuten Chats und Webinaren. Frau Dierks lebt mit ihrer Familie in Ostwestfalen. In ihrer Freizeit hört sie gern Hörbücher und spielt Akkordeon.

Talentsuche für MINT-Fächer

von Hildegard Dierks



© stock.adobe.com/Kuzmina, Oksana
Die Bewegung „Fridays for Future“ beeindruckt und polarisiert zugleich. Konfrontiert mit der ökologischen Wende sowie der zunehmendem Digitalisierung unserer Welt, kommt uns ein bekanntes Problem ins Bewusstsein: Fehlende Fachkräfte im MINT-Bereich. Wir benötigen aber viele kluge Köpfe aus den sog. MINT-Fächern, d.h. Experten/-innen mit Wissen, Ausbildung und Bildung in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Die Sorge um unsere ökologische Zukunft birgt die Chance, Schülerinnen und Schüler stärker für MINT-Themen zu interessieren. Mit MINT-Kenntnissen können Lösungen entstehen.

Zur Problematik in den MINT-Fächern

Viele Schülerinnen und Schüler streben hohe Bildungsabschlüsse an. Ein Einser-Abitur ist keine Ausnahme mehr. Dennoch mangelt es an MINT-Kompetenz.
Die Zahl der Studierenden in MINT-Fächern steigt, der Prozentsatz der Studienabbrecher/-innen ist jedoch zu hoch. Im MINT-Frühjahrsreport 2019 geht man von einem Bedarf an 300.000 Beschäftigten aus, 11.000 Ausbildungsplätze blieben unbesetzt.

MINT-Fächer werden geliebt von wortkargen Nerds. Die Themen dieser Fächer gelten als trocken und schwierig. So werden die Fächer von vielen gesehen. Über das Fach Mathematik, ein zentrales Fach des MINT-Bereiches, gab es im Frühjahr 2019 schlechte Nachrichten. Schülerinnen und Schüler fühlten sich nicht gut vorbereitet auf das Matheabitur.
Naturwissenschaftliche Schullabore und Computerräume sind meistens nicht gut ausgestattet. Die Technikbildung fristet ein Nischendasein an fast allen Schulformen. Das zeigten die Ergebnisse einer Untersuchung des Verbands „Deutscher Maschinen- und Anlagebau“ Anfang September 2019.
Wegen ihrer Nachwuchssorgen versuchen Firmen immer häufiger frühzeitig Kontakt zu Schülerinnen und Schülern aufzunehmen, die sich für MINT-Fächer interessieren könnten und für eine spätere Zusammenarbeit in Frage kommen.

Wie motiviert Schülerinnen und Schüler sein können, zeigt die Bewegung „Fridays for Future“. Wir spüren keine vergleichbare Aufbruchstimmung, wenn es um MINT-Fächer geht. Einflussreiche, medienwirksame MINT- oder Bildungsaktivisten gibt es leider nicht.

Citizen Science – Bürgerforscher/-innen schaffen Wissen

Talente zeigen sich nicht immer nur im Schulunterricht. Schulfächer wie Sport oder Musik haben außerhalb von Schule und Beruf in der Freizeit Aktivitätsfelder. Bei MINT-Fächern ist das nicht flächendeckend der Fall. Es gibt zwar vereinzelt Schachclubs, Naturkundevereine, Modellbauvereine, Lego- oder Erfinderclubs. Sie werden kaum wahrgenommen.
Gerade in der Freizeit entwickeln Schülerinnen und Schüler aber Motivation, sogar Leidenschaft für Herausforderungen, jenseits von Leistungsdruck und Zensuren.

Aus den USA erreichte uns kürzlich eine wissenschaftlich motivierte Bewegung. Sie heißt Citizen Science. Bei Citizen Science sind Menschen als sog. ehrenamtliche Bürgerforscher/-innen gemeinsam mit anderen nah an Wissenschaft und Forschung aktiv. Sie erheben Daten und laden diese per App hoch. Bürgerforscher-/innen verstehen sich als Helfer von Wissenschaftler/-innen, die ihrerseits oft zu wenig Zeit und ein zu geringes Budget für diese Arbeit haben. Die Daten können von Forscherinnen und Forscher systematisch und kritisch ausgewertet oder ergänzt werden.
Bürgerforscher-/innen beobachten beispielsweise den Sternenhimmel, Gartenbäume, zählen Vögel oder Schmetterlinge in bestimmten Regionen, an einem bestimmten Tag im Jahr. Sie kartieren, sammeln, klassifizieren und messen regional, überregional, sogar länderübergreifend. Auch eigene Projekte können von interessierten Bürgerforscher/-innen auf einer Plattform eingebracht werden.
Durch Mitmachen und das eigene Erleben ist der Lerneffekt groß. Wer Daten selbst versucht zu erheben, kann die Entstehung einer Statistik besser einschätzen. Kommunikative Hemmschwellen zu Forscherinnen und Forschern können abgebaut werden. Der Elfenbeinturm öffnet sich ganz selbstverständlich.

In traditionellen und Sozialen Medien wird über Citizen Science immer häufiger berichtet. Es ist für viele Schülerinnen und Schüler wichtig an etwas teilzunehmen, das Aufmerksamkeit in Sozialen Medien erfährt. Auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt Citizen Science.
Citizen Science hat das Potenzial Talente für MINT-Fächer hervorzubringen. Bereits Kinder können mitmachen.

Mehr Informationen über Projekte, auch über Projekte für Kinder, findet man auf buergerschaffenwissen.de. Manchmal kooperieren lokale Naturkundemuseen mit Citizen Science Projekten. Schulen können ebenfalls mit ihren Projekten an dieser Bewegung teilnehmen.

„Beschützer der Erde 2.0“ – Ein Schülerwettbewerb

Einige Schüler und Schülerinnen machen sich echte Sorgen um die Zukunft unserer Welt. Manche streiken, aber es gibt auch diejenigen, die ihren Beitrag für die ökologische Wende anders sehen.

Schülerwettbewerbe sind für diese Schülerinnen und Schüler keineswegs out. Mit der Bearbeitung klimarelevanter Themen können Wege aus der ökologischen Krise bearbeitet und aufgezeigt werden. Wettbewerbe dieser Art haben den erwünschten Nebeneffekt, naturwissenschaftliche Talente zu entdecken und zu motivieren.

Der Schülerwettbewerb „Beschützer der Erde 2.0“ war ein gutes Beispiel für einen motivierenden Wettbewerb der,
  • bei den Zukunftssorgen um das Klima vieler Schülerinnen und Schüler ansetzt,
  • Schülerinnen und Schüler motiviert sich konstruktiv und nicht nur angstbesetzt damit auseinanderzusetzen,
  • Schülerinnen und Schüler motiviert, Wissen zu schaffen und über Lösungen nachzudenken.
Im Mai 2019 wurden im Rahmen dieses Wettbewerbs einige Schulen ausgezeichnet, z.B.in der Kategorie „Felder und Wiesen“ das Neue Gymnasium Oldenburg für ihr Projekt „Storch, wie geht es Dir.“ oder die Comenius Schule für ihr Projekt „Weniger Plastik ist Meer.“

Während des Wettbewerbs war ein Kontakt zum ISS-Kommandanten Alexander Gerst ermöglicht worden, so dass die Schüler/-innen für einen Augenblick nah an einem herausragenden Projekt sein konnten. Ein emotionaler Augenblick! Dieses Highlight konnte gut organisiert werden, da das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt ein Mitveranstalter dieses Schülerwettbewerbs war.

Die verschiedenen Kategorien des Wettbewerbs ermöglichten es Schülerinnen und Schüler die aktuelle Situation der Lebensgrundlagen in ihrem persönlichen Umfeld nachzuvollziehen. Der Wettbewerb war schulfachübergreifend ausgerichtet.

Mehr Geld für Bildung und mehr E-Learning

Bemühungen um eine kindgerechte Fachdidaktik in MINT-Fächern hatten bisher keinen durchschlagenden Effekt, nicht zuletzt wegen eines immer größer werdenden Lehrermangels, der kurzfristig kaum zu beheben ist.

Um MINT-Kompetenzen zu stärken, muss auch der Staat bereit sein, mehr Geld in Bildung zu investieren. Auf Dauer werden wir nicht mit immer mehr Quereinsteigerinnen und Quereinsteigern aus der Wirtschaft vorankommen. Es fehlt ihnen an einer soliden pädagogischen Qualifikation und ihre Denkweise ist von der Wirtschaft geprägt. Das könnte den Unterricht in MINT-Fächern unangemessen verengen. Der Bildungsauftrag in Schulen ist aus gutem Grund breiter angelegt als der Wirtschaft zuzuarbeiten.

Um Unterricht in den MINT-Fächer auf pädagogisch gutem Niveau zu gewährleisten, können zukünftig stärker als bisher E-Learning-Verfahren eingesetzt werden. Die Teilnahme an Webinaren oder die Arbeit mit zertifizierten, werbefreien Lernvideos werden zunehmend selbstverständlich werden. Lernvideos sind sehr beliebt bei Schülerinnen und Schüler. Bisher nutzen Schülerinnen und Schüler oft ein niedrigschwelliges Angebot, das von Internetkonzernen im Netz für die Preisgabe von Daten und mit Werbung bereit gestellt wird. Das darf nicht so bleiben!

Auf Schulbuchverlage und das Öffentlich Rechtliche Fernsehen mit seinem Bildungsauftrag kommen in dieser Hinsicht verstärkt wichtige Aufgaben hinzu. Schulen könnten im Zuge der Digitalisierung eine kostengünstige Bildungsflatrate mit Lernvideos zu MINT-Themen einkaufen, die von Schülerinnen und Schülern dann genutzt werden, wenn sie es brauchen.

Kommentar: Für MINT-Themen interessieren

Die 2 in Mathematik war früher oft ein K.O.-Kriterium, ob ein Besuch des Gymnasiums möglich war oder nicht. Hartnäckig haftet ausgehend von der Mathematik auch anderen MINT-Fächern bei vielen gefühlt etwas Problematisches an.

Um mehr Interesse aufkommen zu lassen, muss sich die Einstellung zu MINT-Fächern ändern: Weniger Ausgrenzen, den Fokus nicht so sehr auf die Probleme und Defizite legen sondern auf Chancen und Möglichkeiten für jeden. Wir benötigen eine öffentliche Kommunikation über diese Fächer, die eine motivierte Teilhabe an der Bearbeitung von MINT-Themen innerhalb und außerhalb von Schule für möglichst viele aufzeigt. Auch die, die keine gute Zensur in MINT-Fächern bekommen, sollten ein Interesse an MINT-Themen behalten.

Konstruktive Vorschläge zu erarbeiten, um unsere Erde für nachfolgende Generationen zu bewahren, motiviert derzeit viele Jugendliche sich anzustrengen. Nutzen wir also die Gunst der Stunde auf diesem Hintergrund für den Erwerb von MINT-Kompetenzen zu werben, denn diese Kompetenzen sind Teil der Lösung.

Die kommunikative Freude vieler Naturwissenschaftlicher/-innen ist leider nicht besonders ausgeprägt. Eine Art Schulfach-Marketing braucht man und diese braucht Verstärkung. Kinder und Jugendliche lassen sich von Eltern, Freunden und größeren Geschwistern beeinflussen. Im persönlichen Umfeld finden Schülerinnen und Schüler ihre wichtigsten „Influencer“, wenn es um Schule und Beruf geht. Zumindest diese Menschen können und sollten über positive Erfahrungen in MINT-Fächern oder MINT-Berufen berichten.

MINT-Begeisterte könnten allgemein lauter werden und stärker außerhalb der eigenen Community auftreten. Nicht immer ist ein Vortrag über Forschungsergebnisse das Mittel der Wahl um Aufmerksamkeit zu bekommen. Es kann auch einmal ein Science Slam oder ein Kontakt zu Astro-Alex sein.

Vermutlich muss darüber hinaus ein spürbarer Impuls für mehr Interesse an Wissenschaft allgemein aus der Gesellschaft selbst kommen. Die Bewegung Citizen Science bewirkt vielleicht etwas.

Buchtipp:

Kramer Martin, Naturwissenschaft in der Grundschule Von der Wahrnehmung zum Experiment. Das Denk-, Staun- und Experimentier-Buch Beltz Verlag 2012

Linktipps:

Website Citizen Science

Video zu einem Citizen Science Schülerprojekt am Beispiel der Eiche auf europäischer Ebene

Aktuelle Broschüre zu MINT-Berufen der Arbeitsagentur

Wettbewerbe in MINT-Fächern:
https://www.bundeswettbewerbe.de/wettbewerbe.html
https://beschuetzer-der-erde.de/

Schülerwettbewerbe für Mathefans, z.B. Mathe-Olympiade

Artikel teilen

Diese Produkte könnten Sie interessieren